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08.06.2019, 15:52:26 / Feuilleton

»Wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt!«

Am Vormittag der Melodie & Rhythmus-Künstlerkonferenz wurde über Rechtsruck und Medienmacht diskutiert
Schriftstellerin Gisela Steineckert (L.) und Liedermacher Konstantin Wecker (M.)
Gisela Steineckert, Konstantin Wecker, Arnold Schölzel, Volker Lösch und Rolf Becker diskutieren über Rechtsentwicklung in der Kultur
Ekinsu Devrim Danis und ihr Dolmetscher, Dietmar Koschmieder, Ekkehard Sieker und Julieta Daza debattieren über Manipulationsästhetik und das "Schweigen der Musen" in den Medien
Ekinsu Devrim Danis (M.), Redakteurin der türkischen Zeitung Yeni E

Die »Künstler-Konferenz« des Magazins für Gegenkultur Melodie & Rhythmus begann am Samstag vormittag im gut gefüllten Heimathafen Neukölln. Chefredakteurin Susann Witt-Stahl und Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer des Verlags 8. Mai, in dem junge Welt und M&R erscheinen, begrüßten die Versammelten. Koschmieder erinnerte an die vorübergehende Einstellung des Magazins im Januar 2018 aufgrund materieller Schwierigkeiten. Die Konferenz sei Konsequenz der erfolgreichen Kampagne zum Neustart in diesem Jahr. Mit einem Manifest-Entwurf für Gegenkultur (M&R 1/2019), wolle man Diskussion über eine historisch informierte kritische Kunst anstoßen, die auch heute auf der Bühne geführt würden. Witt-Stahl betonte, der Entwurf solle in einer Zeit für Klarheit sorgen, in der sich Faschisten des einst linken »Gegenkultur«-Begriffs bemächtigten. Rezitationen zwischen den einzelnen Programmpunkten würden linke Kunsttradition vergegenwärtigen. Zum Auftakt zitierte der Schauspieler Rolf Becker u. a. programmatisch Max Horkheimers Warnung »Wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt!«

Es lohnt sich!

Anschließend diskutierten Becker, die Schriftstellerin Gisela Steineckert, der Liedermacher Konstantin Wecker und der Theaterregisseur Volker Lösch, moderiert vom langjährigen junge Welt- und heutigem Rotfuchs-Chefredakteur Arnold Schölzel über den Kampf gegen die politische Rechtsentwicklung der letzten Jahre. Wecker berichtete, er erfahre seit einigen Jahren aufs Neue, wie viel Kraft Musik für den politischen Kampf gebe, wie sie Menschen helfe, nicht aufzugeben. Die Linke der 60er/70er Jahre habe sich in internen Kleinkriegen zerfleischt, das habe der neoliberalen Konterrevolution der folgenden Jahre in die Hände gespielt. Viel Hoffnung setze er auf die »Fridays for Future«-Bewegung, welche aus dieser Erfahrung lernen müsse.

Hieran anschließend betonte Steineckert die Bedeutung, die linke Kunst für die Orientierung junger Menschen spielen könne. Um diese bieten zu können, müsse sie vor allem klug und gut gemacht sein. Dazu brauche es Mut und Ehrlichkeit, nicht nur Meinung. Die künstlerischen Talente würden gebraucht: »Ich schaue meinen Stift an und frage mich ›Lohnt es sich noch?‹ Es lohnt sich!«

Becker unterstrich die Notwendigkeit, als linker Künstler den direkten Kontakt zu denen zu suchen, die unter den herrschenden Verhältnissen litten. »Die Kultur ist gerettet, wenn die Menschen gerettet sind«, zitierte er Brecht. Die Bourgeoisie sei immer dann besonders aggressiv, wenn es an die Eigentumsverhältnisse ginge. Die Menschen müssten verstehen, dass es keine Rückkehr zur »sozialen Marktwirtschaft« geben könne.

Hier setzte auch Lösch an, der von seinen Versuchen berichtete, in der Pegida-Hochburg Dresden mit Rechten zu reden. Mit den ideologisch Gefestigten habe es keinen Wert zu sprechen, diese nutzten nur die öffentlichen Podien. Doch man müsse mit den Schwankenden reden. Die Pegida-Sympathisanten an den Stammtischen hätten zumeist Angst um ihre Zukunft, ihre Jobs, ihre Kinder. Diese sei aber von den Entwicklungen des kapitalistischen Systems bedroht und nicht von Flüchtlingen oder anderen Sündenböcken. Das müsse Kritik klarmachen. Wenn man die Ausbeutung abschaffe, bleibe von den Rechten nicht viel übrig. Eines der größten Probleme sei der Altersdurchschnitt der politisch Aktiven: Auf dem Podium, im Publikum, allgemein unter den Linken. Man müsse mehr junge Leute erreichen, mit »Fridays for Future« zusammengehen. Alleine würden es die für ihre Zukunft protestierenden Schüler es nicht schaffen.

Unter den Medien

Ausgehend von Peter Hacks’ Text »Unter den Medien schweigen die Musen«, den Becker in Auszügen vortrug, sprach das von Dietmar Koschmieder moderierte zweite Panel über die heutige Medienwelt und die Verschleierung der Wahrheit. Die Redakteurin der linken türkischen Zeitung Yeni E, Ekinsu Devrim Danış, unterstrich, die öffentliche Desinformation sei Ausfluss der Klassenherrschaft. Wie alle Staatsapparate erfüllten auch die Mainstreammedien nur ihre Funktion. Doch die gesellschaftlichen Kämpfe könnten zu Situationen führen, in denen sich die Wahrheit nicht mehr verschleiern lasse. Über die Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013 sei in der Türkei kaum berichtet worden, das hätten dann Millionen Nutzer des Kurznachrichtendienst Twitter übernommen. Die venezolanische Journalistin Julieta Daza unterstrich die Bedeutung von lokalen Medien im Gemeinschaftsbesitz. Der Aufbau kleiner Gemeinderadios habe in ihrem Land eine Gegenmacht zu den in Privatbesitz befindlichen Medienkonzernen gebildet. Wichtig seien auch Digitalmedien und »Social-Media«, wobei man durch Accountsperrungen immer wieder erfahre, dass auch diese Plattformen nicht neutral sind.

Ekkehard Sieker, Redakteur der Satiresendung »Die Anstalt« (ZDF) und beim Politmagazin »Monitor« (WDR), erläuterte, wie man auch hierzulande in Nischen der öffentlich-rechtlichen Sender kritisch arbeiten kann. Essentiell dafür sei eine mutige Intendanz, die einen arbeiten lasse, und akribische Faktenrecherche. Der Flut von Fake-News und der postmodernen Ideologie des »Es gibt keine Wahrheit« lasse sich nur begegnen, indem man sauber alle die Hintergrundinformationen präsentiere, die sonst ausgeklammert würden, und entsprechend interpretiere. Ein Beispiel sei die Analyse des Faschismus, den man eben nicht, wie zumeist getan, nur als ideologisches Problem fassen könne, sondern nur, indem man seine materielle Funktion analysiere. Die Menschen erreiche man letztlich durch Wahrhaftigkeit, da sie einem nur dann vertrauten, wenn man sie auch emotional erreiche. Man müsse sie »zur Realität verführen«. (jW)

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