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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Ornithologische Miniaturen

Tote Vögel

Von Jürgen Roth

Der Himmel ist matt und müde wie ein Bettlaken um sechs Uhr früh. Die Luft ist still wie ein Glas Wasser. Einzig die Flugzeuge zwischendurch zeichnen Tonspuren ins Drumherum.

Hinter den Mauern müht sich nun doch eine Amsel, eine halbe Minute lang, fragil flötend und zaghaft zeternd dem Siechtum etwas entgegenzusetzen. Es müsste ihn ja noch geben, den Gedanken an Wärme und an die Liebe zur Welt.

Es ist ein furchtbares Jahr. Wir sitzen, wie immer, am Schreibtisch, die Fenster geöffnet, die Temperaturen steigen. Schon um acht ist der Tag erschöpft.

Die Vorstellung, dass einmal nichts mehr sein könnte.

Es ist beinahe nichts mehr. Keine Meise, kein Spatz, kein Hausrotschwanz, kein Star, kein Eichelhäher, keine Elster mehr, die Stadt ist leer, nebenan der Schlagbohrer, da vorne hupen sie jetzt, sie fahren zum Einkaufen, Plastikfetzen flattern durch die Straße, noch schnell zur Post, die wird auch bald schließen.

Der Zustand: wie nach sieben Tagen Saufen ohne einen Bissen Nahrung.

Wo warst du, Welt?

Abends in die Gastwirtschaft. Lustlos in der aktuellen Titanic geblättert. In der Rubrik »Vom Fachmann für Kenner« ein Beitrag von Tibor Rácskai, unter der Überschrift »Sprichwort, aktualisiert«:

»Der Vogel muss gar nicht mehr früh sein, um den Wurm zu fangen, weil die anderen Vögel meistens schon tot sind.«

In der Serie Minima ornithologica:

Vermutlich ist es so, dass Vögel keine Karriere machen, sondern in Ruhe gelassen werden wollen. Bisweilen wollen sie sich auch zeigen.

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