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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 16 / Sport
Handball

Um ein Tor

Der VfL Gummersbach muss erstmals in die zweite Handballbundesliga
Von Oliver Rast
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Dummerweise 25:25 – VFL Gummersbach gegen SG BBM Bietigheim

Es hätte nicht besser im Drehbuch stehen können: Sonntag nachmittag, letzter Spieltag der Handballbundesligasaison 2018/19, der Vorletzte gegen den Drittletzten, SG BBM Bietigheim gegen VfL Gummersbach. Der Sieger wäre sicher in der Eliteliga verblieben, beim Remis wäre der Spielausgang des Tabellenletzten, Die Eulen Ludwigshafen, zu Hause gegen die TSV GWD Minden entscheidend gewesen.

Das war die Ausgangslage. Was geschah auf dem Parkett in Bietigheim, etwa 20 Kilometer nördlich von Stuttgart? In der ersten Halbzeit konnte sich die SG trotz starker Abwehr nie mit mehr als zwei Toren von den Gummersbachern aus dem Großraum Köln absetzen, 14:13 hieß es zur Pause. Knapper Rückstand, noch war alles drin für den VfL. Der kam aber nicht gut aus der Kabine, doppelte Unterzahl nach zwei Zeitstrafen. Die SG zog auf 19:15 davon. »Keine Panik, Männer«, beruhigte VfL-Trainer Torge Greve seine Jungs während einer Auszeit. Zwölf Minuten noch. Der VfL holte auf, ging mit 23:22 in Führung (54. Minute). Eine Minute vor Ende glich die SG zum 25:25 Endstand aus.

Nun war klar, die Entscheidung musste in Ludwigshafen fallen. 28 Sekunden vor der Schlusssirene trafen die Eulen zum 31:30-Heimsieg und katapultierten sich vor Altmeister VfL und den Bundesliganeuling aus Bietigheim. Ein Szenario im Abstiegskampf, das die wenigsten Kommentatoren auf dem Zettel hatten.

Und knapper hätte das Gerangel um die letzten Plätze zum Klassenerhalt nicht ausfallen können: Alle drei Teams hatten am Ende nur 14 Pluspunkte. Zwischen den Eulen und dem VfL entschied letztlich ein einziges Tor Differenz. »Die Bilder sprechen für sich, man sieht weinende Männer«, kommentierte Greve direkt nach dem Spiel gegenüber dem Pay-TV-Sender Sky das Abrutschen auf einen Abstiegsrang.

Um Fassung mussten auch die Granden des VfL Heiner Brand und Andreas Thiel ringen. Brand vor allem, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde und nie für einen anderen Verein als den VfL auf der Platte stand. »Ich habe immer gehofft, dass ich so etwas nicht erleben muss«, wurde der 66jährige am Tag des Anpfiffs in den Stuttgarter Nachrichten zitiert. Nach dem besiegelten Abstieg musste er vor laufender Kamera bei Sky feststellen: »Es ist das eingetreten, was zu befürchten war.« Irgendwann wechselt Fortuna die Seiten – der VfL schrammte bereits in den zwei zurückliegenden Saisons nur haarscharf an der Zweitklassigkeit vorbei.

Das Saisonende ist eine Zäsur: Als Gründungsmitglied der damals noch zweigleisigen Bundesliga wurde der VfL Gummersbach 1966 erster deutscher Handballmeister. Der VfL dominierte mit dem TV Großwallstadt und TUSEM Essen in den 70er und 80er Jahren beinahe nach Belieben die westdeutsche Bundesliga. Zwölf deutsche Meistertitel, fünf Pokalsiege und elf Europacup-Triumphe stehen in der VfL-Chronik. Und nun der Schlussakkord für das letzte Team aus der Gründergeneration – nach 53 Jahren Ligazugehörigkeit.

Mitleidlos – so ist auch das Handballbusiness. »Der VfL Gummersbach muss Schritt halten«, sagte der Geschäftsführer der ­Handballbundesliga (HBL), Frank Bohmann, gegenüber der Stuttgarter Zeitung vom 9. Juni, »oder er muss weichen.«

Wie sieht die Klubperspektive aus? Die Lizenz für das Unterhaus haben die Gummersbacher von der HBL erhalten. VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler: »In unserer aktuellen sportlichen Situation ist das mit Sicherheit eine positive und wichtige Meldung«, sagte er der Handballwoche (Ausgabe vom 4. Juni). »Der Wiederaufstieg«, so der ehemalige VfL-Keeper Andreas Thiel zum SID nach Spielende vorsichtig optimistisch, »ist nicht unmöglich.« Die Chance zum kompletten Reset sei jetzt da.

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