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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Tag gegen Kinderarbeit

»Industrie hat echte Regulierung verhindert«

Kakaofirmen profitieren von Kinderarbeit in Westafrika. Ein Gespräch mit Johannes Schorling
Interview: Gitta Düperthal
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Ein Kind zeigt seine durch Arbeit in einer Goldmine in Burkina Faso zerschundenen Hände (7.11.2009)

Der heutige Mittwoch ist internationaler Tag gegen Kinderarbeit. Auch deutsche Unternehmen profitieren von der Ausbeutung Minderjähriger, zum Beispiel in Westafrika. Wo wird dort auf Kinderarbeit zurückgegriffen und weshalb?

Großteils sind es die Schokolade produzierenden Kakaoplantagen und Betriebe von Kleinbauern mit etwa zwei bis fünf Hektar Land. Diese leben meist in Armut. Ihr Durchschnittseinkommen müsste sich verdreifachen, um existenzsichernd zu sein. Das führt dazu, dass sie sich erwachsene Erntehelfer nicht leisten können, weshalb sie auf Kinder zurückgreifen – mitunter auf die eigenen. Viele können deshalb nicht die Schule besuchen. Sie arbeiten extrem viele Stunden lang, hantieren dabei mit gefährlichen Werkzeugen wie etwa mit Macheten und ziehen sich entsprechende Verletzungen zu. Sie sprühen Pestizide, was ihre körperliche Entwicklung beeinträchtigen kann. In extremen Fällen kommt es zu Menschenhandel und Sklaverei. Davon sind derzeit etwa 10.000 betroffen. Kinder aus Burkina Faso oder Mali werden verkauft, um an der Elfenbeinküste zu arbeiten.

Was sollte aus Ihrer Sicht dagegen unternommen werden?

Es braucht hierzulande ein Gesetz, das die Sorgfaltspflicht von Unternehmen regelt. Sie sollen analysieren, wie die Produkte gefertigt werden; Abhilfe schaffen, wenn sie von Verstößen gegen die Menschenrechte erfahren haben; im Schadensfall Betroffene entschädigen. Es muss künftig möglich sein, Unternehmen zu sanktionieren, wenn sie dem nicht nachkommen. Zum Beispiel indem man sie von der öffentlichen Auftragsvergabe ausschließt. Klar ist: Der Mindestpreis für Schokolade muss erhöht werden, um die Kinderarbeit zu beenden.

Tödliche Ereignisse wie den Brand beim pakistanischen Textilzulieferer von Kik in Karatschi im Jahr 2012 darf es nicht mehr geben. Damals starben mehr als 250 Menschen. Das Unternehmen wurde nicht wegen mangelnder Sicherheitbestimmungen zur Verantwortung gezogen. Dabei profitierte es von den zu Dumpinglöhnen hergestellten Produkten.

Schokoladenkonzerne wie Nestlé, Mars und Ferrero hatten gemeinsam mit den Regierungen der Republiken Côte d’Ivoire und Ghana schon 2001 das sogenannte Harkin-Engel-Protokoll gegen Kinderarbeit unterzeichnet. Was hat das gebracht?

Die Industrie hat echte Regulierung mit intensiver Lobbyarbeit verhindert und statt dessen das Protokoll mit einer Selbstverpflichtung unterschrieben. Darin heißt es, man werde die Kinderarbeit in der Industrie bis 2005 beenden. Das wurde bis 2010 hinausgezögert. Zuletzt sicherten die Unternehmen zu, bis 2020 Kinderarbeit zu 70 Prozent beenden zu wollen. Absehbar ist, dass sie auch dieses Ziel verfehlen.

Als die Unternehmen das Protokoll vor fast zwanzig Jahren unterzeichneten, hatte die britische BBC kritische Berichte über Kindersklaverei in der Schokoladenindustrie an der Elfenbeinküste publiziert. Die beiden US-Senatoren, nach denen die Erklärung benannt ist, hatten daraufhin ursprünglich ein Gesetz vorgeschlagen, um den Export von Schokolade in die USA zu verbieten, sofern nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie unter Einsatz von Kinderarbeit hergestellt ist.

Welche Haltung vertritt die Bundesregierung in der Frage?

Sie ist der Auffassung, es brauche keine gesetzliche Regelung. Seit 2011 besagen UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, der Staat ist verantwortlich, Menschenrechtsverletzungen durch Unternehmen zu verhindern. Im sogenannten Nationalen Aktionsplan für die Umsetzung (2016–2020) hieß es, freiwillige Selbstverpflichtung reiche. Etwa 50 Prozent der größten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sollten das gewährleisten. Aktuell überprüft das Wirtschaftsministerium, unterstützt vom Kanzleramt, ob das auch geschieht.

Und wie bewerten Sie das?

Aus unserer Sicht ist dieses Ziel zu schwach. Hinter den Kulissen wird obendrein getrickst: Der Fragebogen wurde teilweise nicht verschickt. Das Wirtschaftsministerium verbreitete offenkundig Falschaussagen, die sich im Tagesspiegel und in der Welt wiederfanden. Behauptet wurde, Unternehmen würden an den Pranger gestellt, wenn sie laut Fragebogen als Nichterfüller gelten. Dabei handelt es sich aber um eine anonyme Befragung.

Johannes Schorling ist Referent bei der Entwicklungsorganisation Inkota

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