Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Nutzfahrzeugindustrie

Knorr-Bremse Wülfrath droht Schließung

Konzern feiert unterdessen neue Rekordprofite. Belegschaft kampfentschlossen
Von Martin Hornung
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Die Münchner Firmenzentrale von »Knorr-Bremse« (2014)

Am 29. Mai veröffentlichte die Knorr-Bremse AG ihren Quartalsbericht. Demnach konnte der Weltmarktführer für Schienen- und Nutzfahrzeugbremsen ein Umsatzplus von 8,8 Prozent gegenüber 2018 verbuchen. Sein Gewinn vor Steuern lag bei 19 Prozent (Vorjahr 18,3) – eine einmalige Profitrate. Kein Wunder: 80 Prozent der 29.000 Beschäftigten werden weltweit zum Billiglohn ausgebeutet, von den deutschen Standorten sind vier Fünftel nicht tarifgebunden.

2016 hatte Knorr-Bremse im nordrhein-westfälischen Wülfrath den Lenksystemhersteller Tedrive Steering Systems gekauft. Seither wartet die Belegschaft des Betriebes, der 2017 in Knorr-Bremse Steering Systems GmbH Wülfrath umbenannt wurde, auf Einhaltung von Arbeitsplatzsicherungszusagen. Auch sie wurde mit Forderungen konfrontiert, ohne Entgeltausgleich 42 statt 35 Stunden pro Woche zu arbeiten. Wenige Stunden bevor nahezu alle Beschäftigten am 23. Mai für ihre Arbeitsplätze in der Innenstadt demonstrierten, ließ Knorr-Bremse-Milliardär Heinz Hermann Thiele über Internet die Schließung des Werks bis 2020 verkünden. Nur noch einige Beschäftigte sollen in einem »Kompetenzzentrum« bleiben.

Betroffen sind 360 Angestellte. Der Betrieb ist seit 60 Jahren das größte Unternehmen der 22.000-Einwohner-Stadt und zahlt einen Großteil der Gewerbesteuern. 2017 und 2018 hatte die Belegschaft auf das halbe Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet. Per Tarifvertrag verpflichtete sich Knorr-Bremse im Gegenzug, den Betrieb »zukunftssicher« zu machen. Bis zuletzt ist aber »außer falschen Versprechungen« nichts geschehen. Die Bürgermeisterin zeigte sich mit der Belegschaft solidarisch: »Was Opel für Bochum, ist Knorr für Wülfrath.«

Im Oktober 2018 hatte die IG Metall eine Kundgebung durchgeführt und ein Ultimatum gestellt. Konzernsprecherin Britta Lange vertröstete die Belegschaft. Ende November erwarte man »Verhandlungsergebnisse«, sagte sie laut RP online vom 3. November. Mehr als 100 Beschäftigte versammelten sich daraufhin in Frankfurt vor der Börse, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Knorr-Bremse-Eigentümer Thiele hatte zuvor seinen Konzern an die M-Dax-Börse gebracht und sich um weitere 3,9 Milliarden Euro reicher gemacht.

Anfang März fuhr ein Bus »Metaller« 620 Kilometer zur Protestkundgebung am Hauptsitz des Unternehmens in München. Auf einer Mitgliederversammlung der IG Metall am 8. April wurde schließlich einstimmig beschlossen, den bis Ende 2019 laufenden Zukunftstarifvertrag zu kündigen. Im Schnitt müssen pro Beschäftigtem über 5.000 Euro nachgezahlt werden, notfalls werden Klagen erhoben.

Laut Konzern erfolgt die Schließung »auf Basis jüngster Akquisitionen«. Die IG Metall in Velbert spricht von »Täuschung als Geschäftsmodell«. Ihr Geschäftsführer Hakan Civelek sagte laut Supertipp online vom 3. Juni: »Die Konzernverantwortlichen haben nie beabsichtigt, in den Wülfrather Standort zu investieren. Vielmehr haben sie sich einen Marktzugang für Lenksysteme erkauft, um mit dem Know-how künftig in Asien noch profitabler produzieren zu können.« Am 1. April hatte Knorr in Japan und Thailand den Geschäftsbereich Lenksysteme für Nutzfahrzeuge von Hitachi Automotive Systems erworben. Im Quartalsbericht wird dies gefeiert: »Insbesondere diese Übernahme ermöglicht uns, Brems- und Lenkungstechnologien zu kombinieren – wichtige Voraussetzung für hochautomatisiertes Fahren.«

Für Civelek ist es »ein Unding, wenn Knorr-Bremse sich hier das Know-how holt und den Betrieb nach Asien verlagert«. Der Betriebsratsvorsitzende stellte am 23. Mai im WDR-Fernsehen fest: »Die Belegschaft fühlt sich verarscht. Egal, was die Herren in München verkünden, wir werden in den kommenden Monaten um unsere Arbeitsplätze kämpfen.«

Beim Berliner Knorr-Bremse-Unternehmen KB Powertech hat sich 2018 die Hälfte der Belegschaft dem Druck nicht gebeugt, per Einzelarbeitsvertrag einen Tag pro Woche umsonst zu arbeiten. Die Belegschaft von Hasse und Wrede in Berlin konnte 2017 die Verlagerung der Produktion nach Tschechien verhindern. Mit Blick auf diese Beispiele zeigte sich Ahmet Yildiz am 23. Mai gegenüber RP online zuversichtlich: »Das soll uns ein Vorbild sein!«

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