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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Künsterkonfenferenz

»Nie wieder schweigen«

Rechtsruck, widerständige Kunst, Erinnerungskultur: jW-Bericht von der Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus am Samstag im Heimathafen Berlin-Neukölln
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Alle auf die Bühne, bitte: Nach Inszenierung des »Floßes der Medusa« wird das rote Banner weitergereicht

Die »Künstler-Konferenz« des Magazins für Gegenkultur Melodie & Rhythmus begann am Samstag vormittag im gut gefüllten Heimathafen Neukölln. Chefredakteurin Susann Witt-Stahl und Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer des Verlags 8. Mai, in dem junge Welt und M&R erscheinen, begrüßten die Versammelten. Koschmieder erinnerte an die vorübergehende Einstellung des Magazins im Januar 2018 aufgrund materieller Schwierigkeiten. Die Konferenz sei Konsequenz der erfolgreichen Kampagne zum Neustart in diesem Jahr. Mit dem Entwurf eines Manifests für Gegenkultur (M&R 1/2019) wolle man die Diskussion über eine historisch informierte, kritische Kunst anstoßen. In diesem Sinne sei auch die Konferenz zu verstehen. Witt-Stahl betonte, der Entwurf solle in einer Zeit für Klarheit sorgen, in der sich Faschisten des einst linken »Gegenkultur«-Begriffs bemächtigten.

Anschließend diskutierten die Schriftstellerin Gisela Steineckert, der Schauspieler Rolf Becker, der Liedermacher Konstantin Wecker und der Theaterregisseur Volker Lösch, moderiert vom langjährigen junge Welt- und heutigem Rotfuchs-Chefredakteur Arnold Schölzel, über den Versuch, sich der politischen Rechtsentwicklung der letzten Jahre entgegenzustellen. Wecker berichtete, er erfahre seit einigen Jahren aufs neue, wieviel Kraft Musik für den politischen Kampf gebe, wie sie Menschen helfe, nicht aufzugeben. Die Linke der 60er/70er Jahre habe sich in internen Kleinkriegen zerfleischt, das habe der neoliberalen Konterrevolution der folgenden Jahre in die Hände gespielt. Viel Hoffnung setze er auf die »Fridays-for-Future«-Bewegung, welche aus dieser Erfahrung lernen müsse.

Hieran anschließend, betonte Steineckert die Bedeutung, die linke Kunst für die Orientierung junger Menschen spielen könne. Um eine solche bieten zu können, müsse sie vor allem klug und gut gemacht sein. Dazu brauche es Mut und Ehrlichkeit, nicht nur Meinung.

Danach sprach das von Dietmar Koschmieder moderierte zweite Panel über die heutige Medienwelt und die Verschleierung der Wahrheit. Die Redakteurin der linken türkischen Zeitung Yeni E, Ekinsu Devrim Danis, unterstrich, die öffentliche Desinformation sei Ausfluss der Klassenherrschaft. Wie alle Staatsapparate erfüllten auch die Mainstreammedien nur ihre Funktion. Doch die gesellschaftlichen Kämpfe könnten zu Situationen führen, in denen sich die Wahrheit nicht mehr verschleiern lasse. Über die Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013 sei in der Türkei kaum berichtet worden, das hätten dann Millionen Nutzer des Kurznachrichtendienst Twitter übernommen. Die venezolanische Journalistin Julieta Daza unterstrich die Bedeutung von lokalen Medien im Gemeinschaftsbesitz. Der Aufbau kleiner Gemeinderadios habe in ihrem Land eine Gegenmacht zu den in Privatbesitz befindlichen Medienkonzernen gebildet.

Kunst als Ware und Nichtware

Ekkehard Sieker, Redakteur der Satiresendung »Die Anstalt« (ZDF) und beim Politmagazin »Monitor« (WDR), erläuterte, wie man auch hierzulande in Nischen der öffentlich-rechtlichen Sender kritisch arbeiten könne. Essentiell dafür seien eine mutige Intendanz, die einen arbeiten lasse, und akribische Faktenrecherche. Der Flut von Fake News und der postmodernen Ideologie des »Es gibt keine Wahrheit« lasse sich nur begegnen, indem man sauber alle die Hintergrundinformationen präsentiere, die sonst ausgeklammert würden, und entsprechend interpretiere.

Was ist an Kunst widerständig, wenn sie Ware geworden ist? Der israelische Kunsttheoretiker, Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann eröffnete den zweiten Teil der Künstlerkonferenz mit einem Vortrag, der auf diese Frage zulief. Seine Antwort formulierte er im Anschluss an Theodor W. Adorno: Große Kunst war immer auch Ware, aber nie nur das. Beispiel: Das Auftragsgemälde »Die Familie Karls IV.« von Francisco Goya, Hofmaler der spanischen Monarchie, zeige den König als Trottel, von dem jemand gesagt habe, er sehe aus wie einer, der im Lotto gewonnen hat, also höchst unköniglich.

Zuckermann legte am Verhältnis von Kunst und Politik die Voraussetzung der Adorno-These dar: »Es handelt sich bei beiden um unbedingte Gegensätze.« Kunst sei vor allem Selbstzweck, ein Gegenprinzip von Macht, aber eben deswegen auch zugleich tief politisch: Es gehe um Freiheit. Der Redner unterschied drei Konstellationen: Die völlige Unterwerfung der Kunst unter die Politik, die Politik als Gegenstand von Kunst. Und schließlich: Kunst sei besonders dann politisch, wenn sie sich als unpolitisch deklariere.

Zum ersten Punkt führte er aus: Im 20. Jahrhundert hätten sich Künstler dem Nazismus unterworfen, aber auch in der Schdanowschen Ausprägung des »sozialistischen Realismus« sei Kunst instrumentalisiert worden – mit im einzelnen hervorragenden künstlerischen Ergebnissen. Zum zweiten: Von der Antike bis zu Brecht habe Kunst den Staat, die Macht, die Politik zu ihrem Gegenstand gemacht.

Vor der Instrumentalisierung und Verdinglichung zur Ware ist auch große Kunst nicht gefeit, wie etwa Beethovens 5. Symphonie zeige, die zu Hitlers 50. Geburtstag zelebriert worden sei oder heute als Reklame für Batterien herhalten müsse. Zuckermann erinnerte an die Schlussszene in Istvan Szábos Film »Mephisto« über einen prominenten Künstler im Faschismus, in der der Protagonist erklärt: »Ich wollte doch nur Schauspieler sein.« Zuckermann: »Es gibt Momente, in denen man nicht nur Schauspieler sein darf.« Und er erläuterte das an Gegenwärtigem. Die israelische Kulturministerin, die sich rühme, Tschechow nie gelesen zu haben, habe missliebigen Künstlern alle staatliche Förderung gestrichen. Sein Fazit: Nicht nur Diktaturen, auch »Pseudodemokratien« verführen so. Die Herausforderung an Kunst, in der Warengesellschaft mehr zu sein als eine Ware, bleibe.

Im anschließenden Gespräch über »Widerstand und Poesie« mit Stefan Huth, Chefredakteur von junge Welt, bestätigte der Liedermacher Konstantin Wecker die Gültigkeit dieser Maxime für sich selbst. Auch seine politischen Gedichte und Lieder seien ihm »passiert«. Eines seiner bekanntesten Lieder – »Willy« – sei »privat«, habe aber eine Resonanz gefunden, aus der er viel über seinen Text gelernt habe. Sei diese Haltung »Weltflucht«? Er sei ein spiritueller Mensch, der in Poesie einen Zugang zum Nichtrationalen sehe. Dichtung habe ein »zweites Gesicht«, spüre kommende Entwicklungen wie etwa Georg Heym 1911 in »Krieg«. Wecker: »Heute brauchen wir wieder Empathie in dieser Gesellschaft, die Empathie verboten hat.« Wenn Rettung aus Seenot verurteilt werde, dann komme das dem gleich.

Dem Gespräch schlossen sich an dieser Stelle der deutsch-englische Komponist Wieland Hoban (geboren 1978) und der Schriftsteller Mesut Bayraktar (geboren 1990) an. Sie erläuterten, auf welchem Weg sie zur Kunst und zu ihrer gesellschaftskritischen Haltung gekommen waren. Hoban erklärte, er habe in bezug auf Israel und die Palästinenser eine »Diskursverzerrung« wahrgenommen. Das Verhältnis von Opfern und Tätern werde dabei einfach umgekehrt, Kritikern Antisemitismus unterstellt. Er habe eingreifen wollen, indem er zu Texten eines israelischen Soldaten über seinen Kriegseinsatz in Gaza Musik komponiert habe. Das habe ihm 2018 eine Debatte um seine Bewerbung bei den Donaueschinger Musiktagen eingetragen.

Bayraktar, der in einer türkischen Emigrantenfamilie in Wuppertal geboren wurde und als erster in der weiteren Verwandtschaft Abitur und Studium absolvierte, meinte: Sein Weg zum Schreiben sei keine Frage des Talents, sondern des Glücks. Niemand in seiner Familie habe erkannt, dass er »im Gefängnis der Klassengewalt« sitze. Er sei vom Gewöhnen ans Lesen über die Entdeckung der sozialen Frage bis hin zur Einsicht gegangen, »in einer reaktionären Epoche« zu leben.

Das vierte und letzte Podium der Künstlerkonferenz befasste sich mit Erinnerungskultur. Überlieferung müsse gegen den Konformismus erkämpft werden, meinte Schauspieler Rolf Becker in der Anmoderation im Rückgriff auf Walter Benjamins Thesen »Über den Begriff der Geschichte« (1940): »Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.«

»Eine andere Notwendigkeit«

Ihr gefriere »das Blut in den Adern« angesichts dieser Siege, leitete Moderatorin Susann Witt-Stahl über. Die Chefredakteurin der Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus fragte die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, ob sie heute Ähnlichkeiten zur Zeit des Faschismus sehe. Es gebe viele Parallelen, sagte die 94 Jahre alte Musikerin. Auch damals seien zahlreiche Flüchtlinge überall auf der Welt abgewiesen worden. Viele Leute hätten im Faschismus geschwiegen. Ihre Befürchtung sei, dass die Menschen heute wieder schwiegen und sich einfach nicht wehrten. Witt-Stahl wandte sich daraufhin an den österreichischen Schriftsteller Erich Hackl, fragte nach dem rechten Konsens in seinem Land und zitierte kommentierend Thomas Bernhard: »Wenn man die Gemeinheit der Leute mit der Schönheit der Landschaft verrechnet, kommt man auf Selbstmord.« Hackl konstatierte zunächst, »dass Thomas Bernhard nicht gerade einer war, der die Verhältnisse in Österreich durchschaut hat«.

Ihm selbst, also Hackl, gehe es viel konkreter um bewahrenswerte Erinnerungen an antifaschistische Kämpfe. Er könne, Macht des Rechtsblocks hin oder her, nicht erkennen, dass seine Bücher weniger gelesen würden. Eher gebe es im Gegenteil »eine andere Notwendigkeit«. Das würden viele genauso sehen, nur änderten sich staatliche und sonstige Strukturen, Voraussetzungen für die Arbeit am gesellschaftlichen Fortschritt brächen weg und wenn er daran denke, überkäme ihn Ohnmacht».

Anschließend erklärte der israelische Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann die Triumphe der Reaktion im heutigen Israel aus dessen Anfängen. Die Shoah sei vom jüdischen Staat vereinnahmt worden. Der Gründungsmythos von der »Wiederauferstehung des jüdischen Volkes« sei einhergegangen mit einer »krassen Ideologie, die mit dem Gedenken an die Opfer wenig zu tun« gehabt habe. In den 50er Jahren sei den Shoah-Überlebenden in Israel keinerlei Anerkennung zuteil geworden. Krank, gebrechlich und traumatisiert, wurden sie als Negativbild der schwachen, »diasporischen Juden« gebraucht, »aber nicht aufgenommen als das, was sie waren« – an dieser »Grundmatrix« der offiziellen Staatsideologie habe sich bis heute wenig geändert.

Esther Bejarano bestätigte diesen Befund mit Erinnerungen an das Land, in das sie im August 1945 mit ihrer Familie auswanderte. Sie war zionistisch erzogen worden, aber die Idee ihrer Familie sei immer gewesen, »das Land gemeinsam mit den Palästinensern zu bestellen«. Deren Diskriminierung hätten sie als unerträglich empfunden, darum sei die Familie 1960 in die BRD ausgewandert.

Was dieses Podium vor allem einte, war der Kampf gegen ein «Niemandsland» (Hackl) zwischen den Generationen, das jede Überlieferung unmöglich machen würde. Bejarano verlas zum Abschluss der Konferenz einen Appell an Künstlerinnen und Künstler: »Weil ich den Holocaust überlebt habe und weiß, was uns bevorsteht, wenn wir nicht alle gemeinsam gegen diese menschenverachtende Ideologie kämpfen (…): Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Nie wieder Schweigen!«

Kämpferischer Abschluss

Einen Abschluss mit Gedichten und Geschichten, Kompositionen und Rezitationen fand die Konferenz mit der Abendgala: Der Pianist Chris Jarrett, die Garagenrock-Band Black Heino, der afghanische Liedermacher Shekib Mosadeq, der chilenische Singer-Songwriter Nicolás Rodrigo Miquea und der Schriftsteller Erich Hackl sorgten für einen kämpferischen Ausklang. Eine Premiere erlebte die Aufführung des Oratoriums »Floß der Medusa« von Hans Werner Henze und Ernst Schnabel durch das Hannes-Zerbe-Quartett. Das »Floß der Medusa« entstand 1967/1968 und sollte am 9. Dezember 1968 uraufgeführt und live im NDR-Radio übertragen werden. Das vom gleichnamigen Gemälde Théodore Géricaults (hängt heute im Louvre) inspirierte Stück wurde anlässlich des Todes Ernesto Che Guevaras komponiert und konnte 1968 nicht vollständig uraufgeführt werden: Nach einem Polizeieinsatz musste die Darbietung damals abgesetzt werden.

Hannes Zerbe und seine Kollegen präsentierten das Werk auf der M&R-Künstlerkonferenz erstmals als Jazzinterpretation, der Schauspieler Rolf Becker las die Texte. Der Untergang des französischen Schiffes »Méduse« 1816, von Henze und Schnabel als Parabel auf die Befreiung des Trikont angewandt, schließt mit einem flammenden Appell: Die »allzu vielen«, die nach der historischen Schiffskatastrophe auf einem Floß zurückgelassenen »einfachen Leute«, für die kein Platz in den Rettungsbooten mehr war, kommen auf der See um. Ihr Lebenswille, ihre Hoffnung auf Rettung mahnen uns, während wieder Tausende im Mittelmeer zu Tode kommen: Befreiung ist nur gemeinsam, als Akt internationaler Solidarität möglich.

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