Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Repression

Mit sozialistischem Gruß

Vor 25 Jahren wurde in der BRD Homosexualität legalisiert. Dass der Paragraph 175 überhaupt abgeschafft wurde, ist der DDR zu verdanken
Von Markus Bernhardt
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Die Verfolgung und Kriminalisierung schwuler und bisexueller Männer endete nicht mit der Befreiung vom Faschismus

Gleich mehrere Jubiläen stehen der schwul-lesbischen Community in den kommenden Wochen ins Haus. Am 11. Juni 1994 jährt sich die ersatzlose Streichung des bis dahin gültigen Strafrechtsparagraphen 175, der Sexualität zwischen Männern in der BRD unter Strafe stellte. Der Paragraph 175 war bereits 1871/72 mit der Gründung des Deutschen Reiches eingeführt worden und wurde am 28. Juni 1935 von den Faschisten verschärft. Allein zwischen 1933 und 1945 wurden rund 100.000 Ermittlungsverfahren gegen Männer eingeleitet, die der Homosexualität bezichtigt wurden. Etwa 57.000 Männer wurden damals nach Paragraph 175 verurteilt. Insgesamt 6.000 Männer sollen explizit wegen ihrer Homosexualität in die Konzentrationslager der Nazis verschleppt worden sein. Zwischen 53 und 60 Prozent der Betroffenen, die mit dem »Rosa Winkel« als Homosexuelle gebrandmarkt wurden, kamen in den Vernichtungslagern ums Leben. Viele derer, die den Naziterror überlebten, waren körperlich und psychisch für ihr Leben gezeichnet. Eine unbekannte Anzahl schwuler Männer wurde von den Faschisten in psychiatrische Anstalten gesperrt, dort Opfer von Menschenversuchen und viele auf gerichtliche Anordnung hin zwangskastriert.

Keineswegs jedoch fand die staatliche Verfolgung und Kriminalisierung schwuler und bisexueller Männer mit der Befreiung Deutschlands vom Faschismus ein Ende. Vielmehr galt der von den Faschisten verschärfte Paragraph auch in der Nachfolgerepublik des Nazireichs noch bis ins Jahr 1969. Selbst das Bundesverfassungsgericht hatte der staatlichen Verfolgung noch 1957 seinen Segen erteilt und den Paragraphen als rechtmäßig bezeichnet. Ganz anders war die Lebenssituation von Schwulen und Bisexuellen im sozialistischen Teil Deutschlands, der DDR. Zwar mangelte es dort an gesellschaftlicher Akzeptanz nicht-heterosexueller Lebensweisen, die staatliche Verfolgung wurde in der DDR jedoch bereits mit der dortigen Strafrechtsreform 1957 beendet. In deutlichem Gegensatz zum Bundesverfassungsgericht urteilte das Ostberliner Kammergericht 1957 außerdem, »dass bei allen unter Paragraph 175 alter Fassung fallenden Straftaten weitherzig von der Einstellung wegen Geringfügigkeit Gebrauch gemacht werden soll«. Während in der BRD noch von Staats wegen Jagd auf Schwule gemacht wurde, stellte das Oberste Gericht der DDR 1987 eindeutig klar, dass »Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet«.

Ein bemerkenswerter Nachklang gelang der DDR indes noch, als sie bereits nicht mehr existierte. So war es der Annexion des Landes geschuldet, dass die Bundesrepublik im Rahmen der Rechtsangleichung der beiden deutschen Staaten gezwungen war, den Paragraphen 175 abzuschaffen. Noch im letzten Jahr seines Bestehens, 1994, wurden 44 Personen verurteilt.
Eine Rehabilitierung der Opfer des staatlichen Verfolgungsfurors war damals nicht vorgesehen. Auch die 1998 erstmalig gewählte »rot-grüne« Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), deren Protagonisten sich stets als besonders homofreundlich inszenierten, beließ es bei warmen Worten für die Opfer der Verfolgung. Erst 2002 konnte sich der Deutsche Bundestag überhaupt dazu durchringen, sich offiziell bei den homosexuellen Opfern des Naziterrors und des Adenauer-Regimes zu entschuldigen.

2017 beschloss die Bundesregierung, Leidtragende rehabilitieren und entschädigen zu wollen. Besagte Regelungen werden von Betroffenenverbänden, wie etwa der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS), die Opfer in Sachen Wiedergutmachungsansprüchen berät, jedoch als nicht weitgehend genug kritisiert. Eine Möglichkeit, den politischen Druck auf die Bundesregierung auch in dieser Frage zu erhöhen, bieten die in Kürze anstehenden Demonstrationen anlässlich des Christopher Street Day (CSD). Dort wird in diesem Jahr vielerorts auch des 50. Jahrestages der Straßenschlacht in der New Yorker Christopher Street gedacht, auf die der CSD politisch zurückgeht.

Debatte

  • Beitrag von Tibor Vogelsang aus Hamburg ( 7. Juni 2019 um 11:39 Uhr)
    Liebes jW-Team,

    danke für den Artikel, aber dieses verdruckste Bild zweier verliebter Männer ist in den Medien einfach nicht totzukriegen! Es wurde schon x-mal in Artikeln zur Homosexualität verwendet und konterkariert gerade das, was diese zumeist erreichen woll(t)en: einen offenen und entspannten Umgang mit dem Thema. Habt Ihr mal überlegt, in welchem Beitrag über Heteropärchen diese gesichtslos und von hinten ihre Händchen haltend gezeigt werden?! Also: Bitte etwas Passenderes inklusive Gesichtern künftig wählen. Mit unverklemmtem Gruß

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emil Schaarschmidt: Mittel zur Unterdrückung Der Paragraph 175 war ja auch nur ein Vorwand, um Menschen unterdrücken zu können. Genau so, wie ein Glaube an beliebige andere Dinge (Religion) als Vorwand dient, Menschen zu verfolgen und gegeneinan...
  • Harald Möller: Undifferenzierte Berichterstattung Es ist zwar richtig, dass der Paragraph 175 1994 abgeschafft wurde. Allerdings wurde in der Bundesrepublik die Strafbarkeit homosexueller Handlungen bereits am 23. November 1973 aus dem Paragraphen 17...

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