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Aus: Ausgabe vom 06.06.2019, Seite 15 / Medien
Gegen Kolonialismus

60 Jahre Claridad

Den USA trotzen: Vergangenen Sonnabend feierten Kämpfer und Befürworter der Unabhängigkeit Puerto Ricos das Jubiläum ihrer Zeitung
Von Jürgen Heiser
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Demonstration für Unabhängigkeit Puerto Ricos während Obama-Besuches 2011 in San Juan

Am vergangenen Sonnabend feierte die sozialistische Wochenzeitung Claridad (Klarheit) in San Juan, der Hauptstadt Puerto Ricos, ihr 60jähriges Jubiläum. Vor knapp zwei Jahren schien es nicht sicher, ob das wichtigste Presseorgan der puertoricanischen Unabhängigkeitsbewegung an diesem Tag noch existieren würde. Denn als das sogenannte Außengebiet der USA im Herbst 2017 nacheinander von den Hurrikans »Irma« und »María« heimgesucht wurde, waren von der weitgehenden Zerstörung der Insel und ihrer Infrastruktur auch alle Medien betroffen.

Die Redaktion der Claridad konnte sich damals nur noch im Internet zu der »äußerst prekären Situation« zu Wort melden, in die das Blatt durch die Naturkatastrophe gestürzt worden war. Im Oktober 2017 verbreitete das Kollektiv die Mitteilung, es habe »nur wenige Momente in den 58 Jahren unseres Bestehens« gegeben, die »mit der gegenwärtigen Lage vergleichbar« seien. »Nach ›María‹ konnten wir die gedruckte aktuelle Ausgabe, deren Verkauf unsere wichtigste Einnahmequelle ist, nicht mehr in Umlauf bringen.« Aufgrund der »vielfältigen Probleme des Landes« sei »die Verbreitung der Zeitung gegenwärtig nicht mehr zu gewährleisten«.

Wie etwa 80 Prozent der verwüsteten Insel verfügten auch weite Teile der Hauptstadt, in der Redaktion und Verlag angesiedelt sind, weder über Wasser noch elektrischen Strom. Da wirksame Hilfe Washingtons ausblieb, war Selbsthilfe in allen Bereichen angesagt. Der Genossenschaftsbund »Liga de Cooperativas« stellte der Redaktion Arbeitsräume zur Verfügung, die Leserschaft im Land und in der puertoricanischen Diaspora in den USA sammelte Spenden, um das Blatt bis zu seinem 60. Geburtstag wieder auf die Beine zu bringen. Die sozialistische Zeitung müsse »ihre Funktion als einzige unabhängige Zeitung im Land weiter erfüllen« können. Claridad müsse deshalb wieder »auf die Straße zurückkehren«, so der Brandbrief der Redaktion, »zu den Studenten, Umweltschützern, Frauengruppen, der LGBT-Bewegung, den Arbeiterinnen und Arbeitern, den Kulturschaffenden und allen, die für die Unabhängigkeit Puerto Ricos kämpfen«.

Das dauerte, aber inzwischen erscheint die Printausgabe wieder, auch wenn der früher immer aktuelle Onlineauftritt bis heute eine Baustelle ist. Und am vergangenen Sonnabend konnte in San Juan der runde Geburtstag als Presse- und Solidaritätsfest mit gratis auftretenden Bands und Solisten gefeiert werden – unter großer Anteilnahme von Aktiven der Unabhängigkeitsbewegung.

Rafael Cancel Miranda, der hochgeschätzte Kämpfer für das Selbstbestimmungsrecht Puerto Ricos, der 25 Jahre politischer Gefangener der USA war, nannte das Fest einen »der Momente größter Zufriedenheit in meinem Leben«. Er sei von »drei Generationen von Patrioten, die für die Freiheit unseres Heimatlandes gekämpft haben«, umgeben gewesen. Frei sei man vom Moment an, wenn man für dieses Ziel kämpfe, deshalb danke er den »Genossinnen und Genossen der Claridad«, dass sie »alle Versuche des US-Imperiums und seiner Lakaien« vereitelt hätten, die Zeitung »zu vernichten und ihre Stimme zum Schweigen zu bringen«.

Auch sein Mitstreiter Oscar López Rivera verband seine Gratulation mit der Betonung seiner Überzeugung, dass die Situation in Puerto Rico »reif sei für ein Ende des Kolonialismus«. López bedankte sich vor allem für die langjährige Unterstützung durch die Claridad, die in ihm und den anderen politischen Gefangenen in US-Haft stets die Hoffnung auf ihre und die Freiheit Puerto Ricos genährt hätte. Die Solidarität mit allen von der Repression durch die US-Regierung und ihre Kolonialverwaltung betroffenen Independentistas war für Claridad stets selbstverständlich gewesen.

Gründer waren der Journalist César Andreu Iglesias (1915–1976) und Juan Mari Brás (1927–2010), Generalsekretär des »Movimiento pro Independencia de Puerto Rico« (MPI), aus dem später die »Partido Socialista Puertorriqueño« (PSP) entstand. Ab 1. Juni 1959 erschien Claridad zunächst als hektographiertes Bulletin mit sechs Seiten in einer Auflage von 250 Exemplaren. Mit Unterstützung der PSP entwickelte sie sich zur Wochenzeitung, die seit der Auflösung der Partei im Jahr 1993 von einem Herausgeberrat geleitet wird, der verschiedene Strömungen der Unabhängigkeitsbewegung repräsentiert. Trotz der ständigen Anfeindungen von seiten der USA entwickelte sie sich über die Jahrzehnte zur beliebtesten Politik-, Geschichts- und Kulturzeitung Puerto Ricos.

Ganz im Geiste von Juan Mari Brás, der dem Verfasser gegenüber anlässlich eines antiimperialistischen Delegationsaustauschs 1991 bei einer Begegnung in seinem Haus in Mayagüez erklärte, wer für die Unabhängigkeit eintrete, spüre und genieße »sie bereits in seinem Innersten«. Alle, die für sie kämpften, seien bereits freie Menschen. Er wisse nicht, ob er das souveräne Puerto Rico noch erlebe, aber »wir leben die Unabhängigkeit schon im Kampf, bevor sie in ihrer ganzen Dimension verwirklicht wird«.

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