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Aus: Ausgabe vom 05.06.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Kompradorenbourgeoisie

Von Jörg Kronauer
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Beispielhafter »Comprador« – der chinesische Kaufmann Robert Hotung (3. v. r.) beim Empfang des US-Vizepräsidenten John Nance Garner (2. v. r.) 1935 in Hongkong

»Compradores«, »Käufer«, so nannten die portugiesischen Kolonialisten, die sich im 16. Jahrhundert als erste Europäer im kaiserlichen China festgesetzt hatten, einheimische Vermittler, die ihnen halfen, ihre Geschäfte zu betreiben. Wollte man im Reich der Mitte Geld verdienen, reichte es nicht aus, sich einfach in Macau, dem alten portugiesischen Handelsstützpunkt im Perlflussdelta, niederzulassen. Die fremde Sprache, die ganz anders strukturierte, schwer zu durchschauende Gesellschaft mit ihren ungewohnten Umgangsformen – das waren für die Portugiesen Hindernisse auf dem Weg zur Maximierung des Profits. Also engagierten sie einheimische Mittler, die sich im Land auskannten, die Abwicklung der Geschäfte organisierten und Personal rekrutierten. In ihrer Zwischenposition wurden sie rasch unentbehrlich, und bald bürgerte sich der Begriff der »Compradores« auch bei den Vertretern anderer Kolonialmächte in China ein.

Kompradoren konnten im Reich der Mitte mit einigem Geschick und etwas Glück durchaus reich werden. Ein Beispiel ist Robert Hotung. 1862 in der britischen Kolonie Hongkong als Sohn eines niederländischen Kaufmanns und einer Chinesin geboren, begann er seine Karriere als einfacher Zollangestellter, bevor er als Komprador in die Dienste von Jardine, Matheson and Co. eintrat. Das von zwei Schotten gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Hongkong, das mit dem Schmuggel von Opium nach China reich geworden war, war damals eines der größten in ganz Ostasien. Hotung, dem es gelang, sich mit seiner Arbeit bei den Firmenchefs beliebt zu machen, nutzte Jardine, Matheson and Co. als Sprungbrett, um seine eigenen Geschäfte vor­anzutreiben. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt er als einer der wohlhabendsten Einwohner Hongkongs. Einen Tag nach seinem Tod am 26. April 1956 berichtete die South China Morning Post auf ihrer Titelseite vom Ableben des »größten Grundeigentümers und reichsten Mannes der Kolonie«. Hotung ist dem britischen Kapital wie auch dessen Staat stets eng verbunden gewesen; er hielt Anteile an der Hongkong and Shanghai Banking Corporation, wurde 1915 in den Adelsstand erhoben und 1955 für seine Verdienste um britische Interessen sogar zum Knight Commander of the Order of the British Empire ernannt.

Kompradoren wie Hotung hatten – und haben – eine recht spezielle Stellung inne, natürlich nicht nur im alten China, sondern in vielen ehemaligen Kolonien und Neokolonien. Sie gründet letztlich darauf, dass sie eine zentrale Rolle in der Ausbeutung ihres Landes durch auswärtige Kapitalisten spielen. Dabei fallen meist Brosamen für sie ab – und manchmal, wie das Beispiel Hotung zeigt, durchaus große. Zu einer Akkumulation von Kapital ohne die Unterstützung der Kolonialmacht sind sie aber nicht fähig. Die Interessen des Kompradors fallen daher mit denjenigen der Kolonialmacht oder – heute – mit denjenigen einer dominanten äußeren Macht in eins. Kommt es zum Kampf gegen die Kolonial- oder eine andere dominante äußere Macht, dann wird der Komprador sich also auf die Seite der letzteren schlagen.

Freilich lohnt es, im Einzelfall genau hinzuschauen, denn die Grenzen zu einer eigenständigen nationalen Bourgeoisie sind mitunter fließend. So manchem Komprador gelang es im Lauf der Zeit, sein eigenes Geschäft aufzubauen. Seine Interessen können dann mit denjenigen der äußeren Macht kollidieren. Kompradoren erfordern also seitens ihrer auswärtigen Herren ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit.

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