Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 05.06.2019, Seite 10 / Feuilleton

Mellies, Nawrocki, Sindermann, Richter

Von Jegor Jublimov

Wegen seiner großen Wandlungsfähigkeit dürfte auch Liebhabern der gediegenen Filmsynchronisation kaum aufgefallen sein, dass so unterschiedliche Schauspieler wie Alexej Batalow, Wallace Beery, Zbigniew Cybulski, Jean Gabin, Pjotr Glebow oder Michel Piccoli in etlichen Filmen die gleiche Synchronstimme hatten, nämlich die von Eberhard Mellies. Der aus dem pommerschen Schlawe stammende Schauspieler sprach in jüngerer Zeit noch in der Serie »The Walking Dead« den Hershel Greene. Er war in den 1950er und ’60er Jahren unter anderem in Schwerin und Rostock aufgetreten, ehe er ab 1969 für zwei Jahrzehnte zum DFF-Ensemble gehörte. Hier spielte er immer wieder differenziert Abteilungsleiter oder Bürgermeister, war Märchenkönig oder widerständiger Großvater in der Nazizeit (»Onkel Pelle«, 1984). Auch in Kinofilmen wie »Der Frühling braucht Zeit« (1965) und »Der Strass« (1990) übernahm er Hauptrollen. Am Sonnabend kann er seinen 90. Geburtstag bei einem guten Gläschen Wein feiern.

In der »Staatsanwalt«-Folge »Die Zechtour« stand 1977 der 19jährige Dirk Nawrocki an Mellies’ Seite. Der von Einar Schleef entdeckte charismatische Lockenkopf spielte etwa die Titelrolle im DEFA-Film »Einer vom Rummel« (1983), ging dann in den Westen, bevor der Westen zu ihm gekommen wäre. Gestern vor 25 Jahren erlag der Castorf-Mitarbeiter mit 36 einer schweren Krankheit.

Schon mit 32 Jahren starb der Schauspieler Peter Sindermann, der 1963 zum Frauenschwarm geworden war. In »Julia lebt« musste er sich damals als NVA-Soldat zwischen zwei Frauen (Jutta Hoffmann und Angelica Domröse) entscheiden. Junge Männer bewunderten ihn in der Serie »Hannes Scharf« (1966) über einen Thüringer Freibeuter. Der Stiefsohn des Spitzenpolitikers Horst Sindermann war leidenschaftlicher Flieger und stürzte 1971 bei einem GST-Übungsflug bei Halle-Neustadt ab. Morgen wäre sein 80. Geburtstag gewesen.

Friedrich Richter war schon 89, als er kurz vor seinem Tod in der Keller-Adaption »Romeo und Julia auf dem Dorfe« (1984) einen Schuster gab. Richter wurde heute vor 125 Jahren unter dem Namen Friedrich Rosenthal in Brünn (heute Brno, Tschechien) geboren, spielte »seriöses« Theater in Städten wie Wien, Prag und Düsseldorf und als KPD-Mitglied seit 1928 auch Agitprop an Rhein und Ruhr. Als Jude und Kommunist doppelt verfolgt, emigrierte er 1933 über Prag und Dnepropetrowsk – wo er mit Erwin Geschonneck auftrat – nach England. Als er 1950/51 erste kleine und mittlere Rollen bei der DEFA übernahm (zum Beispiel in »Der Untertan«), war vielen Zuschauern nicht klar, dass er in Großbritannien als Frederick Richter ein anerkannter Schauspieler sei es auf der Bühne des renommierten Old Vic, beim Film oder im Fernsehen der BBC gewesen war. Bei uns hat er auch als eindringlicher Gestalter literarischer Abende am Deutschen Theater Maßstäbe gesetzt.

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