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Aus: Ausgabe vom 04.06.2019, Seite 12 / Thema
Droste

Und sowieso das bessere Gedicht

Erinnerungen an Wiglaf Droste (1961–2019). Teil drei und Schluss
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Vor Vitalität triefend: Droste mit Schutzgott Pan

Am 15. Mai starb der Schriftsteller und Sänger Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren. Er schrieb seit 1994 regelmäßig für die junge Welt, seit Januar 2011 hatte er eine tägliche Kolumne. Die Redaktion hat Freunde und Weggefährten um einen kleinen Beitrag in Erinnerung an Droste gebeten. Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten. (jW)

Auf Lesereise

Im Frühling 2001 gingen Wiglaf Droste und ich mit unserem kleinen Kriminalroman »Der Mullah von Bullerbü« auf Lesereise und wurden von den Veranstaltern stets freundlich bewirtet. Mit einer Ausnahme: In einer großen Buchhandlung im Ruhrgebiet erklärte uns der junge Buchhändler, den wir um etwas Weißwein baten, dass seine an diesem Abend abwesende Chefin den Ausschank von Alkohol an Personen, die in jener Buchhandlung läsen, generell untersagt habe. Diese Regel sei nach einer Lesung von Hella von Sinnen und Wigald Boning erlassen worden, bei der Frau von Sinnen ganz allein eine Kiste Bier ausgetrunken habe. Von dieser Regel gebe es nun leider keine Ausnahme mehr, sorry!

Wir hätten nicht vor, während der Lesung zu randalieren, sagte Wiglaf, doch der junge Mann ließ sich nicht erweichen.

Ich zog dann selbst los und erwarb in einem Supermarkt zwei Flaschen Weißwein, während Wiglaf irgendwoher zwei Gläser besorgte, und im Büro der Chefin prosteten wir einander zu. Als der verantwortliche Buchhändler das mitbekam, geriet er fast in Panik und rief: »Das dürfen Sie aber niemandem erzählen, dass ich das erlaubt habe! Ich komm’ sonst in Teufels Küche!« Und er holte flugs zwei Papierservietten herbei, als Unterlage für die Gläser, damit keine verräterischen Spuren auf dem Schreibtisch der Chefin entstehen konnten.

Und was tat Wiglaf? Er erzählte diese ganze schöne Geschichte gleich zu Beginn unserer Lesung dem Publikum, das herzlich lachte, während der ängstliche junge Buchhändler sichtlich Qualen ausstand.

Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Von Wiglaf Droste hätte er jedenfalls lernen können, dass das Übertreten von Regeln Spaß machen kann. Und dass Veranstalter, die Hella von Sinnen einladen, vielleicht selbst nicht ganz richtig ticken.

Gerhard Henschel, Schriftsteller und jW-Kolumnist

In der Liebe kenne ich mich aus

Vor fast dreißig Jahren, als es die Morena-Bar in Berlin-Kreuzberg noch gab und sie einen gewissen Status genoss, ohne Kultbar genannt zu werden, auch weil der Laden ein eher durchschnittliches Café und zu späterer Uhrzeit ein passables Restaurant war, an einem lauen Sommerabend also wurde mir ein Mann mit wirren Locken und verschmitzt-starrem Blick vorgestellt, von dem ich annahm, er sei auch Journalist, weil an dem Tisch lauter Presseleute saßen. Formvollendet reichte er mir die Hand und sagte: »Gestatten, Wiglaf Droste.« Ich brauchte meinen Namen nicht zu nennen, das hatte die Kollegin vom Berliner Stadtmagazin Tip übernommen, für die ich gerade eine kleine Geschichte über eine autonome Aktion geschrieben und die den Anwesenden in allen Details bereits erzählt hatte, dass die Redaktion nach meinem Bericht vom Staatsschutz aufgesucht worden war. Weil ich in Ostberlin, genauer gesagt: in Oberschöneweide wohnte, also in Schweineöde, dort natürlich keinen Telefonanschluss besaß und auch nicht legal gemeldet war, konnte mich die Polizei nicht ausfindig machen, was Wiglaf Droste für eine äußerst geschickte Tarnstrategie hielt. »Wer wohnt schon freiwillig dort drüben?« Wir unterhielten uns prächtig, und nach einigen Gläsern Wein fragte ich ihn: »Sag mal, heißt du wirklich Wiglaf Droste? Ist dieser seltsame, ähm, seltene Name nicht auch eine perfide Tarnung?« Dass der Kerl damals nicht nur in der Kreuzberger Szene schon ein Star war, wusste ich nicht. Aber es wäre mir auch egal gewesen, und so entwickelte sich gerade wegen des ersten merkwürdigen Wortwechsels eine Freundschaft, von der ich erst begriff, was sie bedeutete, als er mir mal das Leben rettete: Zusammen mit meiner Liebsten hatte ich zu einer großen Sause auf einem Schiff an der Oberbaumbrücke geladen, die Gäste dachten, es würde Hochzeit gefeiert. Tatsächlich sollte bloß die Kohle auf den Kopf gehauen werden, die ich mittlerweile mit den vielen Artikeln verdiente, die ich am liebsten in linken Blättern veröffentlichte, um sie dann wortgleich in Springermedien nachdrucken zu lassen (was erstaunlicherweise fast immer funktionierte und Wiglaf schwer beeindruckte). Das Geld musste also wieder zurück in den Kreislauf des Konsums gebracht werden, es kamen weit über hundert Leute, darunter auch eine gute Freundin, von der es fälschlicherweise hieß, ich hätte eine Affäre mit ihr. Die Dame, mit der ich selbstverständlich gerne durchgebrannt wäre, erschien mit ihrem Mann, der drei Köpfe größer und zehnmal durchtrainierter war als ich, nämlich ein aus Funk und Fernsehen bekannter Sportler. Wiglaf war mit dem Riesen befreundet und raunte mir zu: »Der möchte dich heute abend noch in die Spree werfen.« Ich dachte an Rosa Luxemburg und befürchtete einen schlimmen Tod in Berliner Gewässern. Irgendwann tauchte Wiglaf wieder auf und lächelte in guter Mafiamanier: »Es ist alles geregelt.« Ich wusste nicht, ob alles nur ein Witz war oder irrer Ernst, auf jeden Fall feierten wir bis spät in die Nacht, und als die Sonne aufging, war ich betrunken, Wiglaf auf seltsame Weise nüchtern. »Du stehst in meiner Schuld«, sagte er, und ich wollte wissen, wie er denn den eifersüchtigen Herrn von seiner Tat habe abbringen können. »In der Liebe kenne ich mich aus. Da finde ich schon die richtigen Worte«, antwortete er und verschwand im schönen Kreuzberger Dämmerlicht.

Carsten Otte, Schriftsteller und Moderator

Finger im Arsch

Er war vielleicht ein Macho. Und bestimmt auch ein Frauenheld und Kavalier. Na und? Hat es dem, was er schrieb und tat, geschadet, einen Abbruch getan? Wohl kaum. Genausowenig wie den Werken von Brecht oder Hemingway, dass diese so wahren, wie sie waren. Er musste am Ende keine Zwiebel häuten, um sein Verstecktes zu erklären.

Drei Dinge holen mich immer wieder ein, wenn ich an Wiglaf Droste denke. Erstens: Ich war und bin ihm sehr dankbar und fühlte mich geschützt und in seiner Schuld. Er hat mich schreiben lassen und meine, zum Teil problematischen, inkorrekten Texte, neben seinen stehenlassen. Das war keineswegs selbstverständlich und machte mich stolz in der Hoffnung, dass er einige davon vielleicht mochte.

Zweitens: Er erinnerte mich in seiner explosiven, expressiven, saftigen Sprache, die von Lebenslust und Vitalität nur so triefte, an Louis-Ferdinand Céline. Zumindest an das, was in meinem Gedächtnis an Céline nach 50 Jahren haften blieb. Ich bitte an dieser Stelle alle Missversteher dieser Welt, sich angesichts von Célines Verirrungen nicht gegen mich zu verschwören.

Drittens: Ein etwas obszöner Witz, den mir mein Freund Olaf erzählte. Treffen sich zwei ehemalige Mitschüler auf der Neckarbrücke in Tübingen nach vielen Jahren und freuen sich über ihre Begegnung. Wir nennen sie Hans und Franz. »Mensch, was machst du denn«, fragt Hans. »Ich bin Dichter«, antwortet Franz. »Mensch! Ich auch«, sagt Hans. »Sag mir doch ein Gedicht von dir.« »Ich stehe an der Neckarbrücke und stecke mir den Finger in den Arsch«, schickt sich Franz an zu rezitieren. »Ja, aber das reimt sich doch gar nicht«, protestiert Hans. »Das nicht«, wehrt sich der Franz, »aber es dichtet.«

Wiglaf Droste war ein Dichter und kein »Dichtender«, ein Sprachmagier und Vulkan. Die Sprache gehorchte ihm, und er bedanke sich, indem er Worte neu erfand. Seine Gedichte und seine Prosa (Lyrik mit anderen Mitteln) waren wie ein überreifer ungarischer Pfirsich, in den man reinbeißt, und es spritzt nach allen Seiten. Es war ein Genuss und eine Freude, sie zu lesen.

Ich kannte ihn nicht persönlich und war nur, wie viele andere, ein Leser und Fan. Gibt mir dies das Recht, über ihn zu schreiben? Ich weiß es nicht. Wie viele von uns, die gelegentlich texten, bin ich neben ihm nur ein Buchstabensteller und Sprachverwalter und laufe durch die Welt mit dem Finger im Arsch.

Dusan Deak, Sprachverwalter, Satiriker und jW-Kolumnist

Das Wiglafdroste

Aus dem Bestiarium des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums

Die Rheinsberger Stadtschreiber sind – in der Regel – friedliche Paarhufer, die sich von dem Proviant ihrer mitgebrachten Sorgen und Nöte ernähren. Sie leben für fünf Monate in unserem Biotop und werfen dankbare Blicke auf die mehr oder minder kulturbeflissenen Bemühungen der hiesigen Ureinwohner.

Von März bis Juli 2009 beherbergten wir das gefährliche Krokodil Wiglafdroste, das als vorbestraft und notorisch respektlos galt. Weil es Soldaten als »Waschbrettköpfe« bezeichnete, wurde es von der Bundeswehr verklagt. In einem satirischen Roman schreckte es nicht davor zurück, verdiente und bärtige Bürgerrechtler des Volkes wie Wolfgang Thierse und Vera Lengsfeld ermorden zu lassen.

Das Wiglafdroste war gefürchtet als Polemiker. Nichts Spießiges war ihm heilig. Es galt als politisch inkorrekter Allesfresser: Der Papst und die Feministinnen, die Kirche und die rot-grün karierte Kleinfamilie, aufgewärmte Fertiggerichte und der gemeine Märker waren seine bevorzugte Beute. Seine feinen Ausschweifungen als Rezitator, Sänger und als Gastrosoph ließen dabei seinen differenzierten Geschmack erahnen.

Das Wiglafdroste stammte aus Westfalen und erhielt für seine Kolumnendichtungen unter anderem den renommierten Annette-von-­Droste-Hülshoff-Preis. In der Begründung der Jury hieß es: »Vergleiche zu Autoren wie Kurt Tucholsky sind angebracht und begründbar. Seine Satiren und Glossen sind sprachliche Kabinettstücke von hohem literarischen Rang«.

Der Namenspatron unseres Museums fragte einmal: »Was darf die Satire?« Und antwortete: »Alles.« Sie muss es nur können. Das Wiglafdroste konnte es.

Peter Böthig, Germanist und Leiter des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum

Du musst gehen jetzt

Du musst gehen jetzt. Nimm, was Du brauchst, und lass den Rest.

Und was immer Du mitnehmen willst, bitte nimm es jetzt.

Drüben Deine Waise mit Gewehr.

Heult und sieht vor Sonne längst nichts mehr.

Das sieht klar nach Armageddon aus.

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»Es ist alles geregelt.« Wigalf Droste, wie Jamiri ihn sah

Es ist ganz vorbei jetzt. Es ist aus.

*

Die Straße ist den Zockern, pass da besser auf.

Nimm, was Dir der Zufall gibt, und dann bitte lauf.

Der Maler, der längst keine Farben hat

Malt Dir verrückte Muster auf Dein Blatt.

Die Himmel unter Dir rollen entzwei;

Sieht aus, als wär es wirklich ganz vorbei.

*

Seekrank rudern die Matrosen endlich heim.

Rentier-Regimenter gehen hinterdrein.

Die Liebste ging grad eben aus dem Haus

Trug die zerwühlten Laken mit sich raus.

Und jetzt bebt auch der Teppich unter Dir;

Vorbei und aus. Das ist das Ende, hier.

*

Lass die Stolpersteine liegen, etwas ruft nach Dir.

Und lass die Toten ruhen, sie verzeihen Dir.

Der Penner, der an Deine Türe klopft

Sieht aus wie in Dein altes Kleid gestopft.

Reib ein Streichholz, fang von vorne an;

Es ist vorbei und alle, wirklich, dann.

*

Vor ein paar Wochen mailte Wiglaf, er habe nun eine Nacht mit Bryan Ferrys Musik zugebracht und sei dem Sänger doch sehr zugetan. Hoppla. Der ewig ironische Kunsthochschüler-Artrock von Roxy Music wäre ungefähr genau das Letzte, was man Droste zu empfehlen gewagt hätte. Doch Ferry scheint von mokantem Falsett direkt zu weisem Raunen durchgereift. Und da er in jeder Schaffensperiode Dylan-Klassiker coverte, geriet der späte Droste an den späten Ferry. »It’s all over now, Baby Blue« sei bei nächster Gelegenheit einzuüben und, sagenwirmal beim Festival der Jugend im Juni in Köln, zu geben. Dabei sei nicht Dylans Original, sondern eben der heisere Hauch Ferrys das Maß. Bis zum 7. Juni, dem Start des Festivals, schrieb Wiglaf, seien ja noch ein paar Tage zum Üben und Proben.

Friedrich Küppersbusch, Journalist, Publizist und Fernsehproduzent

Down the streets …

Sicherlich waren es seine wortgewaltigen und so oft ins Schwarze treffenden Invektiven gegen alles und jeden, wofür er am meisten bekannt war, was Leute von ihm hören wollten, und was sogar seine Feinde zum Lachen brachte. Und je grober die Attacke, desto präziser und origineller die sprachlichen Mittel. Zum Beispiel weiß ich von einem Ex-Boxer, der mit dem Vorsatz zu einer seiner Lesungen gekommen war, um ihm quasi physisch klarzumachen, dass ihm – sagen wir – einer seiner Artikel nicht gefallen hatte. Die Lesung amüsierte ihn dann jedoch so sehr, dass er von seinem Vorhaben Abstand nahm. Von Wiglaf Droste natürlich überhaupt nicht intendiert, denn er meinte es durchaus ernst. Und Gegenwind war er sowieso gewöhnt. Na ja, nicht selten auch Sturm.

In letzter Zeit jedoch nahm so was ab, er wandte sich eher der Sprache zu, die er so liebte, betrieb eine Art kritisch-komischer Etymologie, wenn er nicht sowieso Gedichte schrieb, Musik hörte oder sang. Er meinte dazu sinngemäß, dass er lange genug für andere »den Müll runtergetragen« habe, die sollten das zur Abwechslung jetzt auch mal selber tun. Und hatte er nicht beispielsweise zu Neonazis längst und mehrmals das Entscheidende gesagt? Und sollte er sich vielleicht wiederholen? War es seine Schuld, dass Leute nicht richtig zuhören konnten? Das Alleroffensichtlichste immer wieder noch mal erklären zu müssen, das war auch eine Art Falle. Er hatte das Seine getan, gehen wir also von da aus beherzt ein paar Schritte weiter (nach Art Tim und Struppis), und sollen die folgen, die es können. Selbst wenn die Welt auf ihrem Arsch sitzenbleibt.

Bob Dylans »One Too Many Mornings« war so etwas wie unser musikalischer Steckbrief. Wir sangen es seit Anfang der 90er auf Bühnen, in Kneipen und sogar nachts danach auf der Straße, und zwar bis es nervte. Und als Kinky Friedman nach seinem ersten Deutschland-Konzert überhaupt (»Deutschland ist mein zweitliebstes Land.« – »Welches ist dann ihr liebstes?« – »Alle anderen.«) in der Berliner Passionskirche im benachbarten Heidelberger Krug Hof hielt, bestand Wiglaf darauf, dass wir es auch ihm vortragen. Ich wollte zuerst nicht, denn Friedman war schließlich mit Dylan selber auf Tour gewesen, und wie konnten zwei deutsche Hanseln da so etwas wagen. Aber Wiglafs Unbedingtheit ließ kein Herumlavieren zu. Ich holte also meine Gitarre aus dem zweiten Stock von nebenan, und wir taten’s, Kinky Friedman zu Füßen. Er nahm’s – Hand am Kinn, wenn ich mich richtig erinnere – zumindest mit interessierter Miene zur Kenntnis. Dass jemand aus irgendeiner Ecke »Aufhören!« dazwischenkrakeelte, tat nichts zur Sache. Wie auch immer: Das einzige Geschenk jedenfalls – und es gab derer einige –, das Kinky Friedman bei seiner Abreise mit nach Texas nahm, war ein Buch von Wiglaf Droste. Alle anderen hatte er in seinem Hotelzimmer liegengelassen.

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Und eigentlich wollten wir den Song am kommenden 17. Juni auch bei Arnulf Ratings 200. Blauen Montag in den Wühlmäusen vortragen. Meinen Einwand, dass der da womöglich völlig fehl am Platz sein könnte, weil’s ja eigentlich eine reine Kabarettveranstaltung sei, fegte er in seiner letzten Mail vor ein paar Tagen so vom Tisch: »Mit deinen Kabarett-Bedenken liegst du richtig, aber man kann gut dagegenhalten (...) es gibt noch oder wieder ein Publikum, das sich zu freuen vermag, wenn es überrascht wird. Wir wurden von unseren Mamas nicht in die Welt gedrückt, um Erwartungen zu bedienen.«

Und ich fürchte, eine solche Stimme wird’s so schnell nicht wieder geben. Jetzt müssen wir alleine klarkommen.

Danny Dziuk, Musiker

Ein Gespräch im Hause Hacks

mit dem anwesenden Herrn Droste

Es wurde viel geraucht, der Salon war total vernebelt. An der Wand tickten, tackten und bimmelten, wie zur Orientierung, diverse Uhren. Drei Männer hockten in tiefen Sesseln um einen länglichen Tisch herum. Der eine rauchte filterlose Gitanes mit silberner Spitze, die er anmutig zwischen den Fingern drehte, das war der Gastgeber, Peter Hacks. Neben ihm, mit einem Zigarillo Rauchzeichen machend, saß Wiglaf Droste, und beiden gegenüber, im Dampf einer Romeo y Julieta, der Verfasser dieser Zeilen. Zeit: Ende der 90er Jahre, Ort der Handlung: die Wohnung des Dichters Peter Hacks in der Schönhauser Allee in Berlin. Wir trafen uns dort alle paar Monate am späten Abend zu einer Art Jour fixe des Weltgeistes, wobei die Plauderei gern abschwoff, um nicht zu sagen: zu gern. Hacks, seit Jahrzehnten Überlebender seines Ruhms, von dem er wusste, dass er erst noch kommen würde, sah die Gegenwartsliteratur gesteuert von westlichen Geheimdiensten, die dafür sorgten, dass nur die Unfähigsten reüssieren. Droste widersprach dem entspannt, das sei gar nicht nötig, sagte er, es gebe genug Leute, die von sich aus plemplem sind und das ganz allein hinkriegen. Im Fall von Hellmuth Karasek einigten wir uns darauf, dass beides stimmen kann. Als Autor von peinlichen Theaterstücken hatte Karasek sich selbst das denkbar peinlichste Pseudonym gegeben, nämlich: Daniel Doppler. Ich hatte irgendwo gelesen, dass es auch umgekehrt sein könnte, Karasek sei das Pseudonym von Doppler. Verwirrung am Tisch, mündend in die Warnung vor der unkontrollierbaren Eigendynamik sprechender Namen. Droste fiel ein, dass der auf den ersten Blick schmucklose Name André Müller senior eine Kuriosität ersten Ranges sei. André Müller senior, wie wir wussten, war das Pseudonym des langjährigen Freundes von Hacks, der mit bürgerlichem Namen Willi Fetz heißt. Eine tragische Geschichte, konzedierte der Dichter, weil wohl nicht vorgesehen war, dass da aus dem Nichts ein ganz anderer André Müller auftauchen würde, der kategorisch ablehnte, sich umzubenennen. Ich fand schon die Idee, sich in Deutschland ausgerechnet das Pseudonym Müller auszusuchen, auf eine spezielle Sorte Kühnheit hindeutend. So plauderten wir und rauchten dahin, und leise bongten die Uhren. Das Gespräch kam auf Robert Gernhardt, den Droste dafür kritisierte, in letzter Zeit hauptsächlich an der eigenen ihm zustehenden Popularität und Beliebtheit zu arbeiten. Hacks schob das beiseite. »Ruhmredig«, sagte er, »sind Dichter nun einmal, Sie und ich, wir alle, das kann man keinem vorwerfen. Viel wichtiger ist doch, Gernhardt sei Dank, dass jetzt auch Werke unserer Richtung wieder mehr wahrgenommen werden, Bernsteins, Rühmkorfs, nicht zuletzt mein eigenes und sogar das, lieber Herr Droste, was Sie Gedichte zu nennen sich offenbar entschlossen haben.« Eine kurze Stille trat ein. Auch die Uhren, erinnere ich mich, unterbrachen ihr Gebimsel und Gebamsel. Hacks hatte das mit dem freundlichsten Lächeln gesagt, und Droste musste, was er eben gehört hatte, verarbeiten, um dann noch freundlicher, ja strahlend zu antworten: »Wenn das so ist, lieber Herr Hacks, dann will ich doch sehr hoffen, dass Robert Gernhardt seinen Büchnerpreis so schnell wie möglich erhält.« Rauch stieg auf, das Gespräch wanderte in schönster Entspanntheit in weitere Bereiche des Weltgeschehens. Unten vor der Tür, nachdem wir uns um Mitternacht verabschiedet und das turmartige Treppenhaus absolviert hatten, kam Droste auf die Sache zurück. »Den Nobelpreis«, ergänzte feierlich und albern zugleich, »dann aber, bitte schön, für mich!«

Rayk Wieland, Schriftsteller und Journalist

Und sowieso das bessere Gedicht

Für Wiglaf

*

Den Hut zu nehmen, ohne Gruß zu gehen,

das war, pardon, ein bisschen asozial.

Du hattest echt schon bessere Ideen,

hier stehn wer weiß viele im Regal.

*

Erstaunlich, wie dich plötzlich alle feiern,

sie stelln dich unter Klassikerverdacht.

Du würdest dich vermutlich leicht beeiern,

wär’s nicht so traurig, hätt ich auch gelacht.

*

Wir hatten die bei weitem bessren Witze,

die salzigeren Tränen im Gesicht

und viel gepflegter einen in der Mütze

und sowieso das bessere Gedicht.

*

Na klar, es hat dich viel zu oft gerissen,

ich war ein paar mal etwas zu nah dran.

Die Sorte Absturz werd ich nicht vermissen,

dich schon, mein Freund, du weißt warum und wann.

Fritz Eckenga, Kabarettist und Schriftsteller

»Grönemeyer kann nicht tanzen« – Hommage an Wiglaf Droste, Leipzig, Felsenkeller, 27. Juni 2019, 19.30 Uhr

Die große Wiglaf-Droste-Gala. Ein Abend zu Ehren des großen Sängers, Dichters und Schriftstellers. Volksbühne Berlin, 20. September 2019, 20 Uhr

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Wiglaf Droste

    Wiglaf Droste

    Autor, Sänger und Satiriker: Wiglaf Droste (1961–2019)

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