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Aus: Ausgabe vom 29.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Erich Honecker 1912-1994

Deutscher unter Deutschen

Vor 25 Jahren starb Erich Honecker im chilenischen Exil
Von Matthias Krauß
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»Staat aus der diplomatischen Isolation geführt«: Erich Honecker und Richard von Weizsäcker am 7. September 1987 in Bonn

Am 7. September 1987 begrüßte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Villa Hammerschmidt in Bonn einen Gast aus der DDR: »Herr Vorsitzender! Sie sind mit den Mitgliedern Ihrer Delegation als Gast des Bundeskanzlers in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. Ich begrüße dies nachdrücklich und freue mich, Sie bei uns willkommen heißen zu können – als Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und als Deutscher unter Deutschen.« Der »Gast des Bundeskanzlers« war Erich Honecker.

Für den aus dem Saarland stammenden Kommunisten war das zweifellos die größte Stunde seines Lebens. Der Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik hatte mitnichten etwas von den heutigen »Gipfeln«, die oft die Dauer von zwei Stunden nicht übersteigen. Fünf Tage lang genoss Honecker die Gastfreundschaft des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers und mehrerer Ministerpräsidenten – bis hin zum unvermeidlichen Franz Josef Strauß. Zu diesem Besuch und seiner Dauer war der Westen nicht gezwungen gewesen, und er war von der DDR auch nicht erbettelt worden.

Zwei Jahre später war dieser Erich Honecker ein Gejagter und Verfemter im eigenen Land. Aus seinem Rücktritt wurde schnell ein Sturz, dann ein Absturz. Obdachlos irrte er mit seiner Frau Margot über die Straßen Berlins, kam schließlich nicht bei alten Genossen, sondern bei einem Pfarrer unter. Er floh danach in eine sowjetische Garnison, später nach Moskau in die chilenische Botschaft. Absichtlich falsche ärztliche Expertisen bildeten die Grundlage für die Auslieferung des fast 80jährigen, zwangen ihn in das Gefängnis in Moabit, in dem er als kommunistischer Widerstandskämpfer schon in der Hitlerzeit hatte einsitzen müssen. Kein anderer Gefangener mit dem Krankheitsbild Honeckers hätte auch nur einen weiteren Tag im Gefängnis bleiben müssen – Honecker musste dort 170 Tage verbringen, bis der Todkranke schließlich nach Chile ausreisen durfte. All jene, die vor Honecker ein paar Monate zuvor noch den roten Teppich ausgerollt hatten, überboten sich an Verachtung und Verächtlichmachung.

Erich Honecker steht für eine ruhige, friedliche und besonnene Phase der deutschen Geschichte – und das in komplizierten Zeiten. Er hat nie einen Krieg begonnen und die abscheulichen Aggressionen des Westens angeprangert, statt sie zu unterstützen, wie es die westdeutschen Bundeskanzler alle taten. Zweifellos, er war im SED-Politbüro zuständig für den Mauerbau 1961. Honecker hatte diesen Bau nicht entschieden, sondern einen in Moskau gefassten Beschluss aller sozialistischen Staaten umgesetzt (»Maßnahmen zum Schutz des Friedens«). Die Reaktionen im europäischen Umfeld lassen nur einen Schluss zu: Die Westmächte waren eingeweiht, sie nahmen diese Abriegelung als Maßnahme der politischen Stabilisierung hin. Die Bundesregierung könnte die einzige Ausnahme gewesen sein. Hinzuzufügen wäre – der Mauererbauer Honecker hat später diese Mauer auch wieder durchlässiger gemacht; im Jahr seines BRD-Besuches fuhren prozentual mehr DDR-Bürger in die Bundesrepublik als umgekehrt.

Unter Erich Honecker wurden Millionen neue Wohnungen gebaut – nach seinem Sturz wurden in Ostdeutschland Wohnungen abgerissen. In den knapp 20 Jahren seiner Amtszeit wurden in Ostdeutschland zwei Millionen Kinder mehr geboren als in den 20 Jahren danach. Erich Honecker hat die Todesstrafe abgeschafft – als einziger im Osten. Er hat die Befreiungsbewegungen auf diesem Erdball unterstützt und für das großartige Bild gesorgt, das die Dritte Welt bis heute von der DDR bewahrt. Dass der völlig Mittellose in den letzten anderthalb Lebensjahren im Exil von diesen Bewegungen unterstützt wurde, war der Lohn dieser guten Tat.

Honecker hat seinen Staat aus der diplomatischen Isolation geführt und die weltweite Anerkennung wie auch die UNO-Mitgliedschaft für die DDR durchgesetzt. Am Ende tauschte sie mit 138 Staaten Botschafter aus. Erneut war die Bundesrepublik mit ihrer Abstinenz allein geblieben und gezwungen, die DDR, wenn schon nicht de jure, so doch de facto, als einen souveränen Staat zu behandeln. Und eine historische Sekunde lang musste sie die DDR ja doch anerkennen, sonst hätte es 1990 nicht den Zwei-Plus-Vier-Vertrag der beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges geben können. Da hatte sich am Ende viel ohnmächtige Wut angesammelt.

Was diese Wut und den aus ihr sich ergebenden Hass aber so dauerhaft macht, ist dies: Erich Honecker hat für alle Zeiten bewiesen, dass auch auf deutschem Boden ohne diese blutbesudelte und schuldbeladene herrschende Klasse eine achtbare und erfolgreiche Entwicklung möglich ist. Diese »Eliten«, die zweimal im vergangenen Jahrhundert das Unglück der ganzen Welt gewesen sind und die sofort nach 1945 im Westen das Heft des Handelns wieder in die Hand bekamen, hatten 45 Jahre lang in einem Teil des deutschen Territoriums nichts zu sagen. Ihre Wut und die ihrer Lakaien darüber ist das beste Denkmal, das man Erich Honecker setzen kann. Vor 25 Jahren, am 29. Mai 1994, ist er im chilenischen Exil gestorben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Thilo Schwarz: Ins Stammbuch »Was diese Wut und den aus ihr sich ergebenden Hass aber so dauerhaft macht, ist dies: Erich Honecker hat für alle Zeiten bewiesen, dass auch auf deutschem Boden ohne diese blutbesudelte und schuldbel...
  • Ralph Petroff: Nicht unkritisch sehen Danke für den Artikel über Erich Honecker. Einen Kritikpunkt muss ich jedoch anbringen: Wiewohl klar ist, dass in diesem speziellen Artikel Honecker im Vordergrund steht, ist es nicht richtig, quasi a...
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