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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 15 / Politisches Buch
»Rückeroberte Betriebe«

Vorschein einer anderen Welt

Dario Azzellini bietet Überblick über Betriebe unter Arbeiterkontrolle in Europa, Lateinamerika, Ägypten und der Türkei
Von Helge Buttkereit
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Dann machen wir es eben: Arbeiter einer stillgelegten Baustoffabrik produzieren in Eigenregie (Thessaloniki, 12.2.2013)

Von der Krise führt kein direkter Weg in den Sozialismus. Gleichwohl können bestimmte selbstorganisierte Lösungswege aus der Krise heraus eine andere Welt vorscheinen lassen. Dies gilt besonders für »rückeroberte Betriebe« unter der Kontrolle der Arbeiter, die Dario Azzellini in seinem Buch »Vom Protest zum sozialen Prozess« beschreibt. In der Krise wurden die Fabriken von ihren Besitzern geschlossen, verlagert oder verlassen. Die Arbeiter besetzten sie, um die weitere Ausplünderung, eine Abfindungszahlung oder die Schließung zu verhindern. Die Besetzung ist jeweils eine Reaktion auf eine Krise, eine notgedrungene Strategie in der Defensive. Eine Produktion unter Arbeiterkontrolle war in den wenigsten Fällen das ursprüngliche Ziel. ein solches Vorhaben entwickelte sich erst nach vielen Gesprächen, Versammlungen und zum Teil durch Unterstützung von anderen betroffenen Arbeitern.

Azzellini ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er hat viel in und zu Venezuela sowie über die Bolivarische Revolution geforscht und veröffentlicht. In Venezuela hatte Hugo Chávez die Arbeiter aufgerufen, verlassene Betriebe zu übernehmen. Neben solchen Unternehmen aus Venezuela, die er bereits in früheren Büchern ausführlich beschrieben hat und die zumindest zum Teil auch in der derzeitigen Krise weiter arbeiten, besuchte Azzellini in den vergangenen Jahren viele Betriebe unter Arbeiterkontrolle in Europa oder in Lateinamerika. Er interviewte die Protagonisten und begleitete sie in ihrem Kampf. In seinem Buch gibt er einen Überblick und versucht, einige weitergehende Schlussfolgerungen zu formulieren.

Im Prozess des Protestes, so zeigt sich, entwickelt sich in vielen Fällen ein aktiver Kern der Belegschaft, der am Ende oft die Basis der selbstorganisierten Produktion bildet. Eine solche überhaupt wieder aufzunehmen ist am Anfang nur in den seltensten Fällen der Plan der Belegschaft. Diese will ihr Auskommen sichern, ihre Familien ernähren.

Auf dem Weg zur Übernahme der Produktion vollzieht sich bei den Arbeitern eine Bewusstseinsbildung, die ihnen – oft unterstützt durch solidarische Kollegen und ein entsprechendes Umfeld – ermöglicht, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. So entsteht etwas Neues, was allerdings nicht selten gegen die Gewerkschaften und auch gegen linke Parteien durchgesetzt werden muss.

Manche Gewerkschaften sehen die Arbeiterkontrolle schon deshalb kritisch, weil sie in ihrer Rolle als Angebotskartelle von Arbeitskraftbesitzern auf das Fortbestehen des Lohnarbeitsverhältnisses angewiesen sind. Azzellini arbeitet heraus, dass in den von ihm untersuchten Fällen keine traditionelle Gewerkschaft solche Entwicklungen fördert. Die KP-nahe Gewerkschaft in Griechenland, PAME, beispielsweise lehnt sie als kleinbürgerlich ab. Die Gefahr, dass Arbeiter, die selbst produzieren und dabei von politischen sowie ökonomischen Kämpfen isoliert sind, sich zu kleinbürgerlichen Produzenten entwickeln, ist natürlich da – aber sie lässt sich abwenden. Dazu müsste über eine politisch-ökonomische Organisation neuen Typs nachgedacht werden. Darin könnten die Erfahrungen der selbstorganisierten Produktion durch die Arbeiter im politischen und ökonomischen Kampf verallgemeinert werden, denn durch ihre Aktivitäten und ihre Organisationsformen stellen diese Betriebe »Privateigentum an Produktionsmitteln, den kapitalistischen Produktionsprozess, herkömmliche Hierarchien und die kapitalistische Arbeitsteilung in Frage«, so Azzellini.

Wenn die Arbeiter in diesen Betrieben nach den Ausführungen von Azzellini insgesamt eher organisationsfeindlich sind, kann das durchaus mit ihren Erfahrungen mit Gewerkschaften und linken Parteien erklärt werden. Sie verbinden sich meist nur mit anderen Betrieben, mit lokalen Gruppen oder Netzwerken. Um gesamtgesellschaftlich wirksam werden zu können, wäre hier wohl am besten ein syndikalistischer Organisationstypus zu entwickeln, in dem die unmittelbaren Produzenten mit ihren praktischen Erfahrungen neben anderen Verbündeten eine »Vorhut« darstellen.

Azzellini gebührt das Verdienst, die mannigfaltigen Erfahrungen selbstorganisierter Produktion gesammelt sowie kurz und verständlich aufgeschrieben haben. Sein Buch zeigt, dass eine Welt von frei assoziierten und selbstorganisierten Produzenten eine konkrete Utopie ist.

Dario Azzellini: Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung. Eine Flugschrift. VSA, Hamburg 2018, 152 Seiten, 12,80 Euro

Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. ( 3. Juni 2019 um 14:52 Uhr)
    Die Arbeiterkontrolle stellt den Kapitalismus wirklich nur sehr bedingt in Frage. KKE und PAME haben absolut recht, diese wird zwangsläufig zu kleinbürgerlicher Produktion führen. Auch ein »syndikalistisches Netz« aus Produzenten (national) kann diesen kleinbürgerlichen Charakter nicht auflösen. Ein solcher Staat wird sich zwangsläufig wieder zum Monopolkapitalismus entwickeln. Außerdem scheint mir hier die Praxis zu Selbstverwaltung und Arbeiterkontrolle der KKE und der PAME ziemlich verzerrt. Denn trotz ihrer Kritik daran unterstützt sie Fabrikbesetzungen und selbstverwaltete Produktionsstätten. Sie strebt aber nun mal die sozialistische Planwirtschaft an, solche Unternehmungen müssen also zwangsläufig besser organisiert werden – v. a. im nationalen Rahmen kollektiver. Warum wird ein neuer Organisationstyp gebraucht? Gerade die KKE baut schon seit einigen Jahren ein revolutionäres Volksbündnis (die Gewerkschaftsfront PAME ist Teil davon) auf, in dem solche Fragen rege diskutiert werden, Erfahrungen ausgetauscht werden. In Venezuela, wo es schon sehr lange ein mehr oder weniger loses Bündnis aus selbstverwalteten Produzenten und Kommunen gibt, versucht die PCV ebenso ein revolutionäres Bündnis auf die Beine zu stellen. Mit der Kleinproduktion kommt man eben nicht weit, und schließlich ist es auch die Aufgabe des Sozialismus, die Entscheidungsgewalt über die Produktion für alle demokratisch zu gestalten, nicht nur für jeweils die Arbeiter in einer Fabrik für eben nur diese Fabrik. Wobei natürlich auch die Planwirtschaft klären muss, welche Kompetenzen in einem Produktionsprozess vor Ort vergeben werden können (bei Rechenschaftspflicht, versteht sich), wieviel Autonomie also möglich sein kann.

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