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Aus: Ausgabe vom 31.05.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Solidarität mit Venezuela

David gegen Goliath

750 Menschen bei Veranstaltung »Hände weg von Venezuela« in der Berliner Urania. Aufruf zur weiteren Solidarität
Von André Scheer
Zum Abschluss sangen alle Teilnehmer gemeinsam »El Pueblo Unido«
Carolus Wimmer, Internationaler Sekretär der KP Venezuelas, spricht in der Urania
Der in Frankreich lebende kolumbianische Journalist Hernando Calvo Ospina warnte vor der Gefahr durch Paramilitärs aus Kolumbien
Orhan Akman bedauerte, dass er nicht offiziell im Namen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auftreten durfte
Gesprächsrunde mit Andrej Hunko (Die Linke), André Scheer (junge Welt), Gerhard Mertschenk (Berliner Bündnis »Hände weg von Venezuela«) und Patrik Köbele (DKP) (v.l.n.r.)
Ein Chilene in Berlin: Nicolás Miquea begeisterte mit seinen Liedern
Die venezolanische Sängerin Cecilia Todd hatte für die Veranstaltung eigens ihre Europatournee unterbrochen
Botschaft der ganzen Veranstaltung: Hände weg von Venezuela!

Der Humboldt-Saal war voll: Mehr als 750 Menschen kamen am Dienstag abend in die Berliner Urania, um an der von mehr als 30 Organisationen, Initiativen und Medien organisierten Solidaritätsveranstaltung »Hände weg von Venezuela« teilzunehmen. Der stellvertretende jW-Chefredakteur Sebastian Carlens, der zusammen mit der Schauspielerin Esther Zimmering durch den Abend führte, erinnerte in seiner Einleitung noch mal an den Anlass für das Treffen: In Berlin waren am gleichen Tag rund 20 Außenminister aus Lateinamerika und der Karibik zu einer Konferenz im Auswärtigen Amt zusammengekommen. Als einzigen nicht eingeladen hatte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) seinen venezolanischen Amtskollegen Jorge Arreaza. Dafür durften die Vertreter der »Lima-Gruppe«, der rechtsgerichtete Regierungen des Kontinents angehören, die Räumlichkeiten der Bundesregierung nutzen, um ihre Frontstellung gegen Caracas zu bekräftigen.

Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Linke), der am Vormittag im Auswärtigen Amt gewesen war, berichtete auf der Bühne der Urania, dass ihm Maas’ Rede »noch einmal die Schuhe ausgezogen« habe. Der Außenminister habe seine kürzlich durchgeführten Besuche unter anderem in Brasilien und Kolumbien eine »Reise zu Freunden« genannt und damit den faschistischen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, als Freund bezeichnet. »Ich finde das unerträglich«, so Hunko.

Zuvor hatte bereits Carolus Wimmer, Internationaler Sekretär der Kommunistischen Partei Venezuelas, auf die Diffamierung der gewählten Regierung Venezuelas durch die meisten internationalen Medien hingewiesen. Die Bevölkerung des südamerikanischen Landes unterstütze den rechtmäßigen Präsidenten Nicolás Maduro, alles andere seien Falschmeldungen. Der in Kolumbien geborene und im französischen Exil lebende Journalist Hernando Calvo Ospina warnte, dass der Paramilitarismus aus Kolumbien eine weitere große Bedrohung für Venezuela sei. Die Todesschwadronen hätten sich nahe der Grenze zu Venezuela breitgemacht, nachdem die linke FARC-Guerilla mit Unterzeichnung des Friedensvertrages die Waffen niedergelegt und die von ihr kontrollierten Gebiete geräumt habe. »Wir dürfen nicht zulassen, dass der Paramilitarismus die Grenzregionen kontrolliert«, so Calvo Ospina.

Nach einem umjubelten Auftritt der venezolanischen Sängerin Cecilia Todd ergriff der deutsche Gewerkschafter Orhan Akman das Wort. Er bedauerte, dass er auf der Veranstaltung nicht im Namen von Verdi reden durfte und erinnerte an die lange Tradition gewerkschaftlicher Solidarität, so in den 1980er Jahren mit der Sandinistischen Revolution in Nicaragua. An Außenminister Maas gerichtet kritisierte Akman, dass dieser sich im Vorfeld der EU-Wahl zwar gegen einen erstarkenden Rechtsradikalismus gewandt habe, aber kurz zuvor mit Bolsonaro, einem »waschechten Faschisten«, zusammengekommen sei. Das mache ihn unglaubwürdig.

Für das Berliner Bündnis »Hände weg von Venezuela« berichtete Gerhard Mertschenk über die seit Ende Januar nahezu wöchentlich stattfindenden Kundgebungen vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor. Er lud die Anwesenden zur nächsten Aktion am 15. Juni ein. Man werde sich wie gewohnt um 14 Uhr auf dem Pariser Platz treffen, wolle dann aber in einem »Protestspaziergang« zu Medienhäusern, Banken und anderen Botschaften ziehen, um auf deren Mitwirkung bei dem Putschversuch in Venezuela hinzuweisen. Der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele unterstrich, dass es heute nicht nur um Venezuela, sondern immer auch um das sozialistische Kuba gehe. In Venezuela finde ein täglicher Klassenkampf statt, in dem letztlich die Kapitalistenklasse, deren Vertreter der Putschist Juan Guaidó sei, entmachtet werden müsse.

In Vertretung von Venezuelas Außenminister Jorge Arreaza, der in Oslo an den Verhandlungen mit Vertretern der Opposition beteiligt war, trat schließlich sein Stellvertreter Yván Gil ans Mikrofon. Er kritisierte die Blockade venezolanischer Finanzmittel durch die internationalen Banken und Finanzinstitute. So hätten die USA Venezuela allein durch die Beschlagnahmung des Erdölunternehmens Citgo mehr als 30 Milliarden US-Dollar gestohlen. Man dürfe aber nicht vergessen, dass auch europäische Banken an diesem Raubzug beteiligt seien. Deshalb brauche Venezuela die Unterstützung der gesamten Welt: »Das ist ein Klassenkampf von David gegen Goliath.« Anschließend präsentierte Gil eine Audiobotschaft Arreazas, die dieser aus der norwegischen Hauptstadt übermittelt hatte.

Für den kraftvollen musikalischen Abschluss sorgten Nicolás Miquea und das Trio Palmera, bis schließlich alle zusammen mit erhobenen Fäuste das weltberühmte chilenische Revolutionslied »El Pueblo Unido« sangen – vereint wird das Volk niemals besiegt sein.

Hallo, guten Abend! Hier spricht aus Oslo, Norwegen, Jorge Arreaza, der Genosse Jorge (...) Wir wollten euch heute bei dieser schönen kulturellen und politischen Veranstaltung zur Unterstützung unseres Volkes begleiten, das im Kampf gegen den Imperialismus steht. Unser Volk erleidet eine Aggression gegen unsere Wirtschaft, unsere Bürger, unseren Geist und unser Denken, einen Medienkrieg und auch einen direkten psychologischen Angriff, indem die Regierung der Vereinigten Staaten, die Trump-Administration, den Einsatz von Gewalt, einen Kriege, androht.

Das ist eine historische Auseinandersetzung zwischen dem Imperialismus und dem Volk Venezuelas. Er will die Reichtümer Venezuelas, das Erdöl kontrollieren, um die Gewinne einzustecken, um den Kapitalismus zu füttern. Doch das Volk Venezuelas und seine Revolution wollen diese Gewinne kontrollieren, um sie für das Volk zu investieren: in die Gesundheitsversorgung, in die Bildung, in Wohnungen, in die Infrastruktur, um unserem Volk seine sozialen Rechte zu garantieren.

Das ist das Modell, das der Comandante Hugo Chávez entworfen hat und das wir Bolivarischen und Chavistischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts nennen. Wir werden dieses Modell und unsere Souveränität weiter verteidigen. Aber das können wir nicht alleine tun. Deshalb all unseren Dank und unseren Stolz dafür, dass ihr uns unterstützt. In Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt gibt es Solidaritätsbewegungen, denn ihr wisst, dass es in diesem Kampf nicht nur um Venezuela geht. Dieser Kampf geht um die Würde aller Völker der Welt. (...)

Auf unserem Kontinent, in Lateinamerika und der Karibik, haben sich leider verschiedene Regierungen, die meist von Geschäftsleuten kontrolliert werden, Donald Trump unterworfen und befolgen seine Kriegsbefehle. Wir aber reichen allen Regierungen der Welt unsere Hand zur Freundschaft. Hoffentlich kommen wir auch mit der Regierung Deutschlands wieder zusammen. Das wird geschehen, wenn sie wieder das Völkerrecht und die Souveränität des venezolanischen Volkes respektiert. (...)

Ich danke den Menschen in Deutschland sehr für ihre Unterstützung; euch allen, jeder Frau und jedem Mann, die uns unterstützt haben, die jeden Sonnabend in Berlin am Brandenburger Tor oder in anderen Teilen Deutschlands und Europas auf die Straße gegangen sind. Wir werden es schaffen, wir werden siegen, wir werden den imperialen Irrsinn stoppen. Wir werden erreichen, dass die Blockade Venezuelas aufgehoben und das Modell der Bolivarischen Revolution in der Welt wieder respektiert und geschützt wird. Vielen Dank!

Es lebe der Frieden! Es lebe der Sozialismus! Und es lebe die Souveränität der Völker! Wir werden immer siegen!

Übersetzung: scha

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