Gegründet 1947 Montag, 17. Juni 2019, Nr. 137
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.05.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Neue Handelswege

Vision und Aktion

Langer Marsch, kompaktes Buch: Uwe Hoering über Chinas »Neue Seidenstraßen«
Von Burkhard Ilschner
RTX6T7ZZ.jpg

Der »Sino-Kapitalismus«, schreibt Uwe Hoering in seinem Vorwort, bringt »neue Dynamik« in die kapitalistische Globalisierung und Weltordnung. Die Rede ist vom chinesischen Konzept der »Neuen Seidenstraßen«, das offiziell als »Belt and Road Initiative« (BRI) bezeichnet wird. Hoering ist ein anerkannter Ostasien- und Afrikaexperte. Und er kann komplizierte Sachverhalte hervorragend erklären. Sein Büchlein über die BRI ist ein gut verständlicher Überblick über die Probleme und Fragen, die die chinesische Initiative aufwirft.

Im Jahre 2015 hatte Beijings Nationale Entwicklungs- und Reformkommission das BRI-Konzept unter dem Namen »Visionen und Aktionen zum gemeinsamen Aufbau des Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtels und der Maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts« vorgelegt – der Entwurf eines Netzwerks interkontinentaler Landverbindungen und maritimer Linien. Seither wird der Ausbau dieses Netzes entschlossen vorangetrieben. Hoering beschreibt in oft narrativem Stil die Komponenten der BRI, mischt Details der Konzeption mit einzelnen – sachlichen oder geographischen – Facetten ihrer Umsetzung und der Erläuterung ökonomischer, finanzpolitischer oder historischer Hintergründe. Das wirkt anfangs etwas verwirrend, aber wer sich darauf einlässt, merkt schon bald, dass Hoering den Leser überlegt anleitet.

China baut Straßen, Bahnstrecken oder Flughäfen, regelt die Energieversorgung durch Erwerb oder Neubau von Staudämmen, Kraftwerken oder Pipelines, baut oder erwirbt Häfen, um Schiffahrtslinien zu vernetzen – und das im gesamten asiatischen, afrikanischen und arabischen Raum. Und bis tief nach Europa. Hoering betrachtet sein Buch als eine »Momentaufnahme«. Ende April hat Chinas Staatschef Xi Jinping im Rahmen eines »Seidenstraßen-Gipfels« in Beijing Delegierte aus mehreren Kontinenten empfangen und im Zuge der BRI-Umsetzung Milliardenverträge abgeschlossen. Das sind aktuelle Details, die Hoering bei der Arbeit an seinem Buch noch nicht kennen konnte, die er aber in seiner Beschreibung bereits als geplant und konsequent andeutet und aus der Konzeption erklärend herleitet.

Hoering beschreibt die sich aus der BRI ableitenden Chancen sowohl für die Entwicklung Chinas als auch für die Vernetzung des asiatischen Landes mit den westlich-südwestlichen Nachbarstaaten und -kontinenten. Er weist aber zugleich und eindringlich auf Risiken und Gefahren hin – beispielsweise für die BRI-Partner, die sich teils hoch verschulden, teils nicht mehr Herr ihrer eigenen Infrastruktur sind. Er beschreibt die Veränderung globaler Machtverhältnisse und der Transport- und Warenströme. Und er kritisiert die lange und bis heute anhaltende Passivität der EU-Politik gegenüber der BRI – obwohl China längst erfolgreich einzelne EU-Mitgliedsstaaten in seine Konzeption einbindet.

Drei kleine Minuspunkte zum Schluss: Was Hoering nicht liefert, ist die Antwort auf die naheliegende Frage, warum das BRI-Konzept allem Anschein nach nicht auch auf den südostpazifischen Raum oder Lateinamerika ausgerichtet ist. Das in diesem Zusammenhang interessante Verhältnis zwischen Beijing und Washington unter der BRI-Perspektive bleibt ebenfalls offen. Der Verlag hat leider auf ein hier hilfreiches Register verzichtet und zudem eine BRI-Übersichtskarte in Grautönen wiedergegeben, die schon im farbigen Original relativ unübersichtlich ist.

Uwe Hoering: Der Lange Marsch 2.0. Chinas Neue Seidenstraßen als Entwicklungsmodell. VSA, Hamburg 2018, 157 Seiten, 14,80 Euro

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (27. Mai 2019 um 03:42 Uhr)
    Zugegeben – aus einer Amazon-Rezension abgeschrieben:

    »Zunächst möchte ich Verständnis, ja geradezu Mitgefühl äußern, denn es ist sicher äußerst schwierig, heute über China zu schreiben und up to date zu sein. Der Autor hat das Manuskript vor 1 Jahr abgeschlossen und ist damit schon nicht ganz aktuell, da sich gerade die Seidenstraße so rasant entwickelt. Außerdem hat man das Gefühl, dass fast monatlich ein neues Werk über China erscheint. Umso wichtiger wäre es, sich auf eigene Fragestellungen zu konzentrieren. Die Fragen des Autors aber, ›inwieweit die(se) Entwicklungsstrategie mit demokratischen Verhältnissen, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit, der Wahrung von Menschen- und Minderheitsrechten und dem Abbau von Konflikten vereinbar ist‹ und ob die chinesische Führung tatsächlich keine hegemonialen oder imperialen Ambitionen verfolgt, werden bestenfalls erörtert. Die letzte Frage kann er schon deswegen nicht beantworten, weil er die Eindämmungspolitik der USA außer Acht lässt. (...)

    Hoering schafft es aber nicht, die westliche Sicht zu überwinden, und kann somit die Glaubwürdigkeit des chinesischen Unwillens zur Alleinherrschaft nicht beurteilen.

    Besonders enttäuschend fand ich den Umgang mit den Minderheitsfragen. Da wird doch tatsächlich Erdogan als »Anwalt der turkmenischen Uiguren« dargestellt. Das ist auch beschämend für den VSA-Verlag, denn dieser müsste einfach wissen, dass Erdogan seit seiner Zeit als Bürgermeister von Istanbul und unterstützt von der CIA terroristische Gruppen unterstützt, die mit dem separatistischen Ziel unterwegs sind, Ostturkmenistan (wieder) zu erschaffen.

    Bei einem im VSA Verlag erschienenen Buch hätte ich auch ein kritisches Verhältnis zum Mercator Institut erwartet, das sich der Nähe von Mitarbeitenden zur CSU Stiftung nicht schämt und brav den neoliberalen und transatlantischen Paradigmen folgt.

    Fazit: das Buch ist eher uninspiriert bis ärgerlich und bringt nix wirklich Originelles."

Regio:

Mehr aus: Politisches Buch