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Aus: Ausgabe vom 27.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Washingtons Peitsche

US-Präsident besucht Japan
Von Jörg Kronauer
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Japans Premierminister Shinzo Abe und US-Präsident Donald Trump verfolgen einen Sumo-Kampf (Tokio, 26.5.2019)

Wer wissen will, wieso die Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump im Washingtoner Establishment regelmäßig Verzweiflungsanfälle auslöst, kann sich den aktuellen Besuch des New Yorker Immobilienoligarchen in Japan vor Augen führen. Das Bündnis zwischen den beiden Ländern ist äußerst eng; es gibt einen klaren gemeinsamen Feind – China –, und beide Seiten sind sich im wesentlichen einig, gegenüber der erstarkenden Volksrepublik eine härtere Gangart einzuschlagen. Die Gespräche, die Trump heute mit Premierminister Shinzo Abe führt, könnten fast ein Heimspiel sein. Und es gibt Elemente seiner Visite, die im US-Establishment, das überparteilich auf antichinesischem Kurs ist, uneingeschränkt auf Beifall stoßen werden: Die für morgen angekündigte Besichtigung eines der beiden Hubschrauberträger etwa, die Tokio zu Flugzeugträgern umrüsten will. Dass Abe im Kampf gegen Beijing die Militarisierung des Landes forciert, wird in Washington lagerübergreifend gelobt.

Wenn da nur nicht Trumps Wüten mit Handelskriegen gegen alle und jeden wäre. In einer seiner ersten Amtshandlungen hatte der US-Präsident das pazifische Freihandelsbündnis TPP aufgekündigt. Die Folge: Für die US-Landwirte blieb die ersehnte Öffnung des japanischen Agrarmarktes aus. Jetzt, wo die Farmer schwer unter seinem Handelskrieg gegen China leiden, verkündet Trump im Kommandoton, Tokio müsse seine Agrarzölle niederreißen. Das kommt bei der japanischen Regierung nicht gut an, zumal die US-Administration ihre Drohung mit Strafzöllen auf Kfz-Importe aufrechterhält. Japan exportiert dreieinhalbmal so viele Autos in die Vereinigten Staaten wie Deutschland. Tokio hat mit dem Empfang für Trump deutlich gemacht, dass es bereit ist, auf Washington zuzugehen: Trump wird als erster ausländischer Staatschef vom neuen japanischen Kaiser Naruhito empfangen; gestern durfte er ein Sumoturnier besuchen; serviert wurden Cheeseburger mit US-Rindfleisch. Aber nur nach Washingtons Peitsche tanzen? Das lehnt Tokio ab.

Das ist der Grund, wieso viele in Washington über die präsidiale Außenpolitik stöhnen: Trump stößt politische Partner unnötig vor den Kopf und schafft damit Risse im eigenen Bündnis. Man sieht das Ergebnis auch in Japans Umgang mit Huawei. Zu Beginn, als die US-Administration den Ausschluss des chinesischen Konzerns von den 5G-Netzen verlangte, war Tokio sogleich mit dabei. Jetzt lässt Trump seinen Wirtschaftskrieg aber so sehr eskalieren, dass Japan, das fast ein Viertel seines Handels in China abwickelt und viel in der Volksrepublik investiert hat, harte Einbrüche bei unklarem Ausgang befürchten muss. Der japanische Konzern Panasonic ist schon längst nicht mehr so begeistert vom Huawei-Boykott und prüft nach Kräften, welche Lieferungen er aufrechterhalten kann. Auch wenn das gewiss nicht Trumps Absicht war: Der arg bedrängten Volksrepublik kann’s nur recht sein.

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