Gegründet 1947 Mittwoch, 24. Juli 2019, Nr. 169
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.05.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei

Tunceli soll wieder Dersim heißen

Türkei: Kommunistischer Bürgermeister gibt kurdischer Stadt ihren Namen zurück. Beschluss vor Gericht gestoppt
Von Nick Brauns
RTX6SV67.jpg
Fatih Mehmet Macoglu am 15. April vor dem Rathaus von Tunceli, das künftig wieder Dersim heißen soll

Die Provinzhauptstadt Tunceli in der gleichnamigen ostanatolischen Bergprovinz soll wieder ihren kurdischen Namen Dersim tragen. Auf Antrag des im März zum Oberbürgermeister gewählten Kommunisten Fatih Mehmet Ma­coglu wurde ein entsprechender Schriftzug am Rathaus befestigt. Der Name werde wieder auf allen öffentlichen Schildern verwendet, um die Kultur und Geschichte der Provinz zu bewahren, heißt es in einer am vergangenen Mittwoch verbreiteten Erklärung der Stadtverwaltung. Allerdings stoppte am Freitag ein Verwaltungsgericht auf Antrag des Provinzgouverneurs die Umbenennung per einstweiliger Verfügung. Eine abschließende Entscheidung soll Ende dieser Woche fallen.

Der Namensstreit ist ein Politikum, denn 1935 hatte die Regierung in Ankara im Zuge ihrer Assimilationspolitik gegen die nichttürkischen Bevölkerungsgruppen den Namen der alevitisch-kurdisch geprägten Provinz per Gesetz in den türkischen Namen Tunceli (Bronzefaust) geändert. Unter dem Vorwand, einen Aufstand niederschlagen zu müssen, wurden in den folgenden Jahren Zehntausende alevitische Kurden von der Armee getötet oder in andere Landesteile deportiert. Dabei wurde auch Giftgas eingesetzt, das Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk persönlich aus Nazideutschland hatte liefern lassen, wie die Tageszeitung Dersim Gazetesi vor einigen Tagen unter Berufung auf Dokumente aus dem Staatsarchiv berichtet hatte. Aus Deutschland stammten auch die beim Abwurf der Gasbomben eingesetzten Heinkel-Kampfflugzeuge.

Neben der Umbenennung der Stadt hat der Bürgermeister angeordnet, dass kommunale Dienstleistungen in Dersim künftig nicht mehr nur auf Türkisch, sondern auch in den kurdischen Sprachen Kurmanci und Zazaki angeboten werden. Mit diesem Beschluss tritt Macoglu, der bei der Kommunalwahl im März zum ersten kommunistischen Bürgermeister einer Provinzhauptstadt gewählt wurde, in die Fußstapfen seiner Vorgänger von der prokurdischen Linkspartei HDP. Deren Bürgermeister waren 2016 per Regierungsdekret abgesetzt und unter Terrorismus- und Separatismusvorwürfen in Untersuchungshaft genommen wurden. Ein an ihrer Stelle eingesetzter Zwangsverwalter hatte gemäß der türkischen Verfassung alle Sprachen außer dem Türkischen aus der Stadtverwaltung verbannen lassen.

Macoglu, der Mitglied der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) ist und zuvor bereits die Kleinstadt Ovacik regiert hatte, war nach seinem überraschenden Wahlerfolg in der Provinzhauptstadt von einigen türkischen Nationalisten in den Medien gefeiert worden, weil er die Dominanz der nur noch zweitplazierten HDP gebrochen habe. Das Staatsfernsehen TRT widmete ihm sogar eine Sondersendung, in der er als volkstümlicher Politiker porträtiert wurde. Konnte Macoglu bei seiner Wahl also noch von der Protektion durch den Staat profitieren, so machte er mit den jüngsten, durch die Stadträte der HDP unterstützten Beschlüsse deutlich, dass er sich nicht für eine kurdenfeindliche Politik missbrauchen lässt.

Um so mehr sieht er sich nun dem Zorn türkischer Nationalisten ausgesetzt. »Es gibt keine Provinz in der Türkei, die offiziell Dersim heißt, und es wird nie eine geben«, tobte der Vorsitzende der faschistischen, mit der AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan verbündeten MHP, Devlet Bahceli. Er sprach von einem »kommunistischen und separatistischen Plot« zur Zerstörung der Einheit des Landes. Damit werde eine Tür zu Bedrohungen geöffnet, die das Überleben des Landes in Frage stellten.

Die nicht im Parlament vertretene, aber im Militär und in der Bürokratie über einen gewissen Einfluss verfügende ultranationalistische Vatan Partisi (Vaterlandspartei) hat Strafanzeige gegen den Stadtrat von Tunceli erstattet. Die Partei appellierte zudem an den Innenminister und den Provinzgouverneur von Tunceli, eine Umsetzung des als »Schande« bezeichneten Stadtratsbeschlusses zu verhindern.

Ähnliche:

  • Anhänger der HDP protestierten am 24. März mit T-Shirts, auf den...
    27.05.2019

    Isolation durchbrochen

    Ende des Hungerstreiks kurdischer politischer Gefangener und Politiker nach Aufhebung der Isolationshaft für PKK-Gründer Öcalan
  • Demonstrantinnen halten ein Banner hoch, auf dem die Ermordeten ...
    18.05.2019

    Gegen Staatsterror

    Türkischer Geheimdienst im Fokus der französischen Justiz wegen Morden an drei kurdischen Revolutionärinnen
  • Türkische Soldaten posieren 1938 neben Einwohnern aus Dersim
    17.05.2019

    Giftgas aus Deutschland

    Archivfund beweist: Türkei kaufte in den 30er Jahren Chemiewaffen von den Nazis. Gegen Kurden eingesetzt. Zeitpunkt der Enthüllung auffällig

Regio:

Mehr aus: Ausland