Gegründet 1947 Dienstag, 18. Juni 2019, Nr. 138
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.05.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das »Gelbwesten-Video«

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

In Österreich löst sich die Regierung wegen eines Videos auf, in Deutschland geht in solchem Fall mindestens das Abendland unter. Die FAZ-Reaktion auf die 55-Minuten-Polemik in einem Youtube-Video, das der sich Rezo nennende Produzent von Internetclips unter dem Titel »Die Zerstörung der CDU« (https://youtu.be/4Y1lZQsyuSQ) am vergangenen Sonnabend veröffentlicht hatte, besagt das: Die deutsche Medienaristokratie hat die Contenance verloren. Da redet einer über Armut und Reichtum, Klimapolitik und Kriegsverbrechen und hat ein Echo, das reicht. Zwei Wutkommentare des FAZ-Innenressortchefs Jasper von Altenbockum unter den Titeln »Zerstörerisch« und »Jeder Like ein Armutszeugnis« sowie ein Aufgebot von vier Redakteuren, die »Das Rezo-Video im Faktencheck« untersuchen, allein am Freitag – das deutet auf ein politisches Erdbeben der Größenordnung: Die Bundesrepublik tritt aus der NATO aus.

Dabei macht Rezo nichts anderes als das, was z. B. diese Zeitung tagtäglich und andere linke Medien anbieten: Die Konfrontation der extrem rechten, verlogenen und in Kriegsfragen kriminellen, schönfärberisch neoliberal genannten politischen Praxis von CDU/CSU und SPD mit dem, was diese faktische Einheitspartei Deutschlands öffentlich ankündigt. Warum daher so viel FAZ-Lärm um einen Bildstreifen? Klar, die Zahl der Aufrufe des Rezo-Videos ist ein Anlass fürs »Kotzen im Strahl«, wie es ein anderer Youtube-Autor ausdrückte: Freitag mittag mehr als 7,4 Millionen Klicks bei einem Anstieg pro Stunde von etwa 100.000. Zudem: Die CDU hat das Video erst verschlafen, dann alles vergeigt, obwohl sich Berichte darüber bereits Anfang der Woche in allen großen Nachrichtensendungen fanden. Noch am Mittwoch kündigte das CDU-Hauptquartier an, der Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor werde »in einer Art von atomarem Gegenschlag« (Süddeutsche Zeitung) antworten. Der mit ihm aufgenommene Film wurde aber schnell in irgendeine Rumpelkammer gesteckt. Der Rest war Stottern des CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak, der erst von »Falschbehauptungen« und »Pseudofakten« sprach, später davon, die CDU mache »nicht alles richtig«. Irgendjemand in der FAZ muss gestöhnt haben: Alles muss man allein machen.

Was von Altenbockum und Co. allerdings losließen, ist geeignet, das PR-Desaster zu vergrößern. Vorsichtshalber befinden sich vielleicht deswegen alle FAZ-Texte hinter einer Bezahlschranke. Eine kleine Aufzählung der Verbalinjurien zum Video ergibt beim Ressortchef: »Sottisen«, »Verflachung«, »Verrohung«, »Verdummung«, »pure Demagogie», »ohne Anstand und Hemmschwelle« »Niedermachen«, »Nachtreten«, »Zerstörung«, »Hetzkampagne«. Beachtlich bei einem einzigen, ziemlich langen Video.

In seinem zweiten Kommentar ledert von Altenbockum im selben Stil weiter, legt den Schwerpunkt lediglich auf die Nutzer: »Armutszeugnis«, »Machwerk«, »es wird einem übel beim Anschauen«, weswegen der Clip auch »auch an allen Schulen des Landes gezeigt werden sollte«. Der Redakteur schwingt sich auf zu Weisheiten wie: Es sei »Armut eine Frage der Definition«. Reiche seien bei Rezo »meistenteils Schmarotzer«. Der weist aber vor allem auf die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung unter CDU-Regierungen hin. Das steigert sich bis zum Stoßseufzer: »Noch lebt Deutschland nicht in einer Planwirtschaft.« Was wohl heißt: Die kann aber kommen.

Die Botschaft an die CDU lautet: Ihr seid Waschlappen. Dabei hat Ziemiak gefordert, Lösungen für Probleme müssten derart sein, »dass die Menschen in Deutschland unseren Weg akzeptieren und nicht aus Wut über Preise und Vorschriften zu ›Gelbwesten‹ werden.« Die aber, etwa eine Klassenbewegung, mahnte der Bundesverband der Deutschen Industrie bereits mehrfach an, wolle er hier nicht sehen. Das Video signalisiert: Könnte aber passieren.

Die Botschaft an die CDU lautet: Ihr seid Waschlappen. Dabei hat Ziemiak gefordert, Lösungen für Probleme müssten derart sein, »dass die Menschen in Deutschland unseren Weg akzeptieren und nicht aus Wut über Preise und Vorschriften zu ›Gelbwesten‹ werden.« Die aber, etwa eine Klassenbewegung, mahnte der Bundesverband der Deutschen Industrie bereits mehrfach an, wolle er hier nicht sehen. Das Video signalisiert: Könnte aber passieren.

Ähnliche:

Mehr aus: Wochenendbeilage