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Aus: Ausgabe vom 25.05.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bruderstaaten

»Gemeinsame Erinnerung brach das Eis«

Gespräch mit Klaus Kukuk. Über die Beziehungen der DDR zur CSSR und das Treffen Ulbrichts mit KP-Chef Husak am 26. Mai 1969 in Oberhof
Interview: Frank Schumann
Oberhof 1969 Husak WU.jpg
»Ich war mir im klaren, dass hier etwas Besonderes passierte«: Walter Ulbricht (l.) und Gustav Husak (M.) am 26. Mai 1969 in Oberhof

Ihre Nase hat es vor fünfzig Jahren auf Seite eins des Zentralorgans geschafft. Glückwunsch!

Damit kommen Sie ein halbes Jahrhundert zu spät.

Wie man’s nimmt. Die Vorgänge von damals beschäftigen noch immer sehr viele Menschen, nicht nur die Historiker. Wir reden vom »Prager Frühling«, den Folgen und den Interpretationen. Sie waren damals als Diplomat an der DDR-Botschaft in Prag und haben diverse Gipfeltreffen mit Walter Ulbricht gedolmetscht. Auch jene erste Begegnung mit Gustav Husak vor 50 Jahren in Oberhof...

Wo dieses Foto, auf das Sie anspielen, gemacht worden ist. Der Erste Sekretär des ZK der KPTsch hörte mir zu, doch der Fotograf hatte kein Weitwinkel an der Kamera. Husak lehnte sich in diesem Moment zurück. So kam nur meine Nase ins Bild.

Sie hatten zuvor auch bei den Begegnungen Alexander Dubceks mit Ulbricht übersetzt. Dubcek war am 17. April 1969 als Parteichef zurückgetreten, Gustav Husak – im Frühling ’68 Vizepremier in Prag und seit Spätsommer ’68 Erster Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Slowakei – folgte ihm in dieser Funktion nach.

Ja, das war praktisch Husaks Antrittsbesuch beim Nachbarn. Er fand auf Husaks persönlichen Wunsch statt.

Nicht in Berlin, sondern im Thüringer Wald?

Nun ja, ich hatte den Eindruck, dass Ulbrichts Verhältnis zu Husák zunächst ein wenig kühl war. Ulbricht genoss damals in der Tschechoslowakei nicht den allerbesten Ruf. In den Augen vieler galt er als einer der Scharfmacher, die zur militärischen Intervention im August 1968 geblasen hatten. Das war aber keineswegs so: Ulbricht hatte bis zuletzt auch im Dialog mit Dubcek nach einer politischen Lösung gesucht – auch um die Reformen in der DDR zu retten, jenes Neue Ökonomische System der Planung und Leitung, dem Moskau kritisch gegenüberstand. Angesichts der Ablehnung Ulbrichts in der CSSR – was wiederum Ulbrichts anfängliche Reserviertheit gegenüber Husak erklärte – bemühte sich der Prager Parteichef um Entspannung.

Woran wollen Sie das bemerkt haben – wenn die Antrittsvisite abseits der Hauptstadt nicht bereits als Indiz galt?

An subtilen Bemerkungen. Der Slowake Husak bemerkte eingangs, sein Tschechisch sei nicht das Beste, er habe es in Ruzyne gelernt. Nun muss man wissen, dass er damit nicht den Prager Flugplatz meinte, welcher sich ebenfalls in diesem Stadtbezirk befand, sondern das berüchtigte Gefängnis, in welchem die Opfer der politischen Schauprozesse gegen ­Slansky ** und Genossen einsaßen. Auch Husak war dort seit 1951 inhaftiert, 1954 wegen »slowakischem Nationalismus« zu lebenslanger Haft verurteilt und erst 1960 amnestiert worden.

Unterscheidet sich denn die slowakische sehr von der tschechischen Sprache?

Und ob! Die Lexik unterscheidet sich gravierend, was aber ein normales Gespräch dennoch erlaubt. Aber um wieder auf Husak zu kommen: Er sprach natürlich ein exzellentes Tschechisch. Er war ein belesener, kultivierter Mann mit großer politischer Erfahrung

Also war seine Ansage Tiefstapelei?

Keineswegs. Der Hinweis auf Ruzyne war eine Botschaft. Gegen ihn und vier weitere Funktionäre hatte man in der zweiten Aprilhälfte 1954 in Bratislava ein Tribunal veranstaltet – man warf ihnen vor, im Auftrage Slanskys und des Westens für die Abtrennung der Slowakei vom tschechischen Teil der Republik gearbeitet zu haben. Husak führte faktisch bis zu seiner Amtsenthebung im Mai 1950 vier Jahre die slowakische Regierung und hatte nur mehr Rechte für die Slowakei in der Föderation eingefordert.

Husak selbst kam auf die 50er Jahre zu sprechen?

Ja. Ulbricht reagierte verständnisvoll und erklärte, dass auch die SED nicht frei von diesbezüglichen Pressionen aus Moskau gewesen sei. Namentlich Semjonow* forderte, wie wir heute wissen, die »Entlarvung« von Feinden in der Partei und entsprechende Verfahren in der DDR, man müsse »Lehren aus dem Fall Slansky« ziehen. Ulbricht erwähnte eine Arbeitsgruppe, die er während oder unmittelbar nach dem Slansky-Verfahren nach Prag geschickt habe, damit sie sich mit den Prozessunterlagen vertraut machte. Diese Gruppe – ich vermute, sie kam aus der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) – muss mehr oder minder konspirativ unterwegs gewesen sein, denn es findet sich im Archiv kein einziger Hinweis auf deren Einsatz. Üblicherweise wurden solche Auslandsreisen im Politbüro bzw. im Sekretariat besprochen und der Beschluss darüber in den Sitzungsprotokollen vermerkt. Doch nichts. Zu jener Zeit saßen stets sowjetische Berater mit in diesen Gremien, die sollten davon möglicherweise nichts mitbekommen. In Prag jedoch gehörte ein deutscher Genosse dem Politbüro des ZK der KPTsch an, wahrscheinlich Ulbrichts Vertrauter.

Das war?

Bruno Köhler, ein Mitbegründer der KPTsch und später führender Funktionär in der Kommunistischen Internationale. Der hatte eine sehr kritische Haltung zum Slansky-Verfahren. Der Schriftsteller F. C. Weißkopf notierte am 7. Juli 1953 nach einem Gespräch mit Köhler in sein Tagebuch, dass dieser von »groben Fehlern« gesprochen habe. Über diese Entgleisungen könne aber nicht öffentlich gesprochen werden: »Wir werden darüber nie schreiben, das ist unmöglich.«

Und über den sind die Kontakte nach Berlin gelaufen? Der sagte also: Kommt her, schaut euch das an?

Vielleicht. Ulbricht berichtete Husak jedenfalls, dass die Gruppe alle Unterlagen eingesehen und ihn dann informiert habe, dass in Prag mit unsauberen Mitteln gearbeitet würde.

Was heißt »unsaubere Mittel«?

Dass die Anklagen konstruiert, die Selbstbezichtigungen unlogisch und wenig glaubhaft, Geständnisse höchst wahrscheinlich erpresst worden waren. Alles inakzeptabel also. Das habe ihn, so Ulbricht, in der Auffassung bestärkt, dass die DDR solche Verfahren nicht führen, also dem Druck Moskaus nicht nachgeben werde.

Wie hat Husak auf dieses sehr offene Eingeständnis Ulbrichts reagiert? Das war doch ein gewaltiger Schritt von der anfänglichen Reserviertheit zu dieser Offenbarung.

Ihre gemeinsame Erinnerung an eine für beide sehr schwere Zeit – Husak war inhaftiert, Ulbricht musste sich damals in Machtkämpfen, gegen Intrigen und den Druck von außen behaupten – brach das Eis. Ich bin noch immer der Überzeugung, dass dieses Gespräch das Vertrauensverhältnis zwischen Ulbricht und Husak begründete. Das spürte man von Stund an. Ich war seit anderthalb Jahren als Botschaftssekretär an unserer Vertretung in Prag und zuständig für die Innenpolitik.

Wie reagierten Sie selbst darauf? Als Dolmetscher muss man professionell auf Durchgang schalten und alles vergessen; in diesem Job ist Vertraulichkeit so wichtig wie Vokabeln.

Naja, das war auch in diesem Falle so. Aber dennoch war ich mir im klaren, dass hier etwas Besonderes passierte. Zum einen dieses hohe Maß an Verständnis für Husaks Schicksal und Ulbrichts Einfühlungsvermögen, zum anderen: mit welcher Selbstverständlichkeit die beiden darüber sprachen.

Husak, bis 1987 Parteichef und von 1975 bis Dezember 1989 Staatspräsident der CSSR, war nach heutiger Lesart ein Opfer des Stalinismus?

Ja.

Klaus Kukuk
Klaus Kukuk

Sprachen die beiden dies auch so an?

Nein. Solche Begriffe verwandten sie nicht. Husak berichtete über Anlass und Charakter seiner Verurteilung und über die Jahre im Zuchthaus, und Ulbricht erzählte, was er durch die nach Prag entsandte Arbeitsgruppe erfahren und welche politischen Konsequenzen ihr Bericht für die SED-Spitze hatte, nämlich: Das machen wir nicht mit!

Dennoch erschien 1953 das 680 Seiten dicke Buch »Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slansky an der Spitze« auf Deutsch – mit Verhandlungsprotokollen, Zeugenaussagen, Urteilen.

Schauen Sie mal ins Impressum: Herausgegeben wurde die Dokumentation vom tschechoslowakischen Justizministerium, gedruckt wurde sie in Prag.

Ich vermute mal: Das Buch gab es in allen Sprachen des Ostens. Hat die Prager Führung das selbst veranlasst, oder erfolgte dies auf Moskauer Weisung?

Das weiß ich nicht. Aber die Forderung der KPdSU-Führung an die Bruderparteien, sie mögen Lehren aus dem Slansky-Prozess ziehen, legt diesen Schluss nahe.

Als Botschaftssekretär haben Sie alle Treffen Ulbrichts mit Dubcek gedolmetscht. Waren Sie auch bei der letzten Runde am 3. August 1968 in Bratislava dabei?

Ja, am 3. August ging es schon nicht mehr um die Sorge, dass die Reformen aus dem Ruder laufen könnten – sie liefen bereits aus dem Ruder. Dennoch war die Deklaration von Bratislava die Chance zu einer Wende in Prag, die aber – wie man weiß – leider nicht ergriffen wurde. Die Einmischung des Westens in die inneren Prozesse war offenkundig, was Prag aber nicht so wahrhaben wollte. Um rechtzeitig zum Treffen nach Bratislava zu kommen, charterte ich im Auftrage des Botschafters ein kleines Flugzeug, was zunächst problemlos schien. Ich mietete die Maschine auf meinen Namen und gab auf Verlangen die Adresse der Botschaft als meine an, ohne explizit zu erwähnen, dass es sich um die DDR-Vertretung handelte. Ich hielt das für unerheblich. Nach einer halben Stunde wurde ich telefonisch kurz unterrichtet, dass – entgegen der ursprünglichen Zusage – kein Flugzeug zur Verfügung stünde. Man bedauere.

Die hatten die Adresse überprüft und boykottierten?

Davon gehe ich aus.

Und wie kamen Botschafter Peter Florin und Sie dann doch noch in die slowakische Hauptstadt?

Mit dem Auto. Wobei wir nicht wussten, wer oder was uns dort erwartete. Wir waren ziemlich überrascht, fast die gesamte Führung aus Berlin dort zu treffen. Offensichtlich handelte es sich um die letzte kollektive Unternehmung, die Prager Spitze – nun, ich formuliere es mal salopp – auf Linie zu bringen. Ulbricht unternahm noch einen letzten individuellen Versuch mit Dubcek in Karlovy Vary am 13. August. Es war faktisch eine Überprüfung, ob die Festlegungen, Zusagen und Versprechungen, die die tschechoslowakischen Genossen in Bratislava abgegeben hatten, auch realisiert werden. Ein Punkt war die Zügelung der Massenmedien. Ulbricht kündigte in Karlovy Vary eine Pressekonferenz an. Ungewöhnlich daran war, dass nicht nur alle Fragen erlaubt sein sollten, sondern dass diese – wie sonst üblich – nicht »abgestimmt« sein müssten. Das schien Dubcek nicht zu gefallen, er war sich bewusst, dass Ulbricht mit seiner ganzen Erfahrung ein anderes politisches Gewicht darstellte als er selbst. Er würde neben ihm blass aussehen. In einer Pause sprach er am Zaun mit tschechischen Journalisten. Es täte ihm leid, hörte ich ihn sagen, es werde auf Wunsch Ulbrichts keine Pressekonferenz geben. Darüber habe ich natürlich unsere Delegation informiert, worauf etwa ein zweistündiges Ringen um diese PK einsetzte. Nun ging es um Gesichtswahrung. Die Konferenz fand schließlich statt und wurde auch live im Fernsehen übertragen. Ich übersetzte Dubcek und Genossen, während ein tschechischer Kollege Ulbricht übernahm.

In Karlovy Vary saßen Sie, wie auf den Aufnahmen erkennbar, zwischen Ulbricht und Dubcek. Wie würden Sie Dubcek charakterisieren?

Ein typischer Kabinettspolitiker, der wenige Vertraute um sich scharte und mit diesen alles besprach und entschied. Zudem war Dubcek rhetorisch unbegabt, aber eitel. Er kam ziemlich ins Rudern, wenn er frei formulierte. Bisweilen versteckte er sich hinter der Notlüge, er habe sich nicht vorbereiten können. Ich entsinne mich jenes Treffens in Dresden im März: Da war das Aktionsprogramm der KPTsch, das Anfang April 1968 auf der ZK-Tagung beschlossen werden sollte, schon lange erarbeitet und ihm als Parteichef durchaus bekannt. Aber Dubcek tat so, als habe er noch nie etwas davon gehört.

Dann erfolgte die militärische Intervention ohne DDR-Beteiligung, und für Sie war erst einmal Pause. Ihr nächster Einsatz war der mit Dubceks Nachfolger im Frühjahr 1969.

So ist es.

Sie haben nach 1990 wiederholt Themen aus der Nachbarrepublik aufgegriffen, zuletzt übersetzten Sie Miloslav Formaneks »Rollback – die Restauration des Kapitalismus in Tschechien«. Nun bringen Sie ein weiteres Buch heraus. Gegenstand sind drei Gespräche, die Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar 1993/94 in Wien, Moskau und Prag führten. Worin sehen Sie die Bedeutung dieser Publikation?

Zunächst ist es ein im deutschen Sprachraum bisher unbekanntes Zeitdokument. Die Gesprächspartner äußern sich bisweilen in ungewohnter Offenheit. Unverblümt formulierte Mlynar als eines der Hauptziele der Prager Reformer die »Wiederholung des politischen Systems, wie es in der Tschechoslowakei zwischen 1945 und 1948 bestanden hatte«, also im Klartext: bürgerliche Demokratie und kapitalistisches Wirtschaftssystem. Das als »Erneuerung des Sozialismus« auszugeben, war schon dreist. Mlynar war 1968 ZK-Sekretär und gehörte der Dubcek -Führung an. Er wurde 1970 aus der KPTsch ausgeschlossen und ihm wurde 1977 – als Aktivist der »Charta 77« – die Ausreise nahegelegt. Danach war er Professor in Österreich. Gorbatschow und er teilten sich Anfang der 50er Jahre beim Jurastudium in Moskau eine Studentenbude. Sie blieben in Verbindung.

Auf diese drei Gespräche 1993/94 wurde wiederholt in der tschechischen wissenschaftlichen Literatur verwiesen, doch nirgendwo habe ich das Buch entdecken können. Ich fand es schließlich nach jahrelanger Suche in einem Prager Antiquariat. Den Prager Verlag gab es schon lange nicht mehr. Wie ich dann in Erfahrung brachte, war dieser Text 2003 auch von einer US-Stiftung in lediglich kleiner Auflage in englischer Sprache herausgebracht worden.

Offenkundig waren die Editoren nicht vom Erfolg ihrer Publikation überzeugt.

Bei diesem Titel? Der lautete nämlich »Reformer pflegen nicht glücklich zu sein. Dialog über Perestroika, Prager Frühling und Sozialismus«. Das war damals keine prickelnde Kost. Für Zeitgenossen heute sind diese Gespräch jedoch sehr erhellend.

Inwiefern?

Ungeachtet von Selbstdarstellung und Rechtfertigung der Protagonisten bieten die Erklärungen Einsichten in ihr Denken, die sehr ernüchternd sind. Es ist schon erstaunlich, wie wenig von der marxistischen Methodologie übriggeblieben ist, mit der sie einst die Welt analysierten und danach angeblich handelten. Ich finde es erstaunlich, wie wenig der Exgeneralsekretär der KPdSU in der Lage ist, in die Tiefe zu gehen, und es ist zu vermuten, dass er diese Fähigkeit nicht verlernt, sondern nie besessen hatte. Das würde uns vieles in der Vergangenheit erklären. Emotionen und Empathie genügten auch damals nicht, um erfolgreich Politik zu machen.

Gibt es außer der Bestätigung von schon immer Geahntem auch neue Einsichten?

Durchaus. Mlynar gedachte die Reformen mit langem Atem anzugehen. Er rechnete bis zur Erreichung der Reformziele mit zwei Legislaturperioden, also mit nahezu einem Jahrzehnt innenpolitischer Turbulenzen. Bei Gorbatschow muss man eines konzedieren: Ein Antikommunist und vorsätzlicher Verräter des Sozialismus war er wohl nicht. Versagen wirkt am Ende wie Verrat, gewiss, und davon ist er so wenig entfernt wie Selbstbewusstsein von Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit: So tief sind die Gräben dazwischen nämlich nicht. Aber das ihm zugeschriebene Zitat, er sei 1985 angetreten, um den Kommunismus abzuschaffen, hat er nie bestätigt, aber auch nicht dementiert – eine diesbezügliche Anfrage von Egon Krenz wurde von ihm nicht beantwortet, wie ich hörte.

Wiederholt bekannte sich Gorbatschow in den drei Gesprächen zur Idee des Sozialismus und dass er ihn, das heißt, sein sowjetisches Modell, welches er nicht zu Unrecht als Sackgasse bezeichnete, von seinen Deformationen, Unzulänglichkeiten und Beschränkungen befreien, nicht aber habe abschaffen wollen. Die Lauterkeit seiner Intentionen ist ihm so wenig abzusprechen wie seine Unfähigkeit, dies auch zu bewerkstelligen. Der gute Wille genügt auch in der Politik nicht. Dort schon gar nicht.

Inwieweit Gorbatschow scheiterte, weil er die falschen Berater hatte oder beratungsresistent war, weil der Druck von außen – also des Klassenfeinds, dessen Existenz er gleichsam in Abrede stellte – zu groß war und er in nahezu kindlicher Naivität an das Gute in jedem Menschen zu glauben schien, selbst wenn dieser Klassen- und Konzerninteressen vertrat: Wir werden es nie genau erfahren.

Klaus Kukuk, Jahrgang 1933, gelernter Rohrschlosser, studierte von 1953 bis 1959 Philologie an der Karls-Universität in Prag, Absolvent des Instituts für internationale Beziehungen in Babelsberg, war von 1967 bis 1981 im diplomatischen Dienst der DDR, davon acht Jahre in der Botschaft in Prag. Übersetzte mehrere zeithistorische Arbeiten von Autoren aus der Tschechoslowakei in Deutsche

Erscheint in diesen Tagen:

Klaus Kukuk (Herausgeber und Übersetzer): Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar. Gespräche in Wien, Moskau und Prag, Verlag am Park in der Edition Ost, Berlin 2019, 238 S., brosch., ISBN 978-3-947094-36-3, 15,00 Euro

* Wladimir S. Semjonow (1911–1992) war von 1939 bis 1954 im diplomatischen Dienst der UdSSR und firmierte in der Sowjetischen Militäradministration von 1946 bis 1953 als »Berater«. Nach Stalins Tod wurde er Botschafter in Berlin. Er spielte eine höchst dubiose Rolle in der SED und in der Innenpolitik der DDR. So versuchte er beispielsweise im Umfeld des 17. Juni 1953, den BND-Agenten Hermann Kastner (LDPD) als Ministerpräsident der DDR zu etablieren

** Rudolf Slansky (1902-1952) war von 1945 bis 1951 Generalsekretär der KP, wurde wegen Hochverrats angeklagt und am 3. Dezember 1952 zusammen mit zehn weiteren Mitangeklagten in Prag hingerichtet.

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