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Aus: Ausgabe vom 25.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Terrorpate CIA

Chronik eines Überfalls (Teil 32), 25.5.1999: Der US-Geheimdienst soll die UCK in Sabotage schulen. Bärbel Bohley will Waffen für Albaner
Von Rüdiger Göbel
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»Angriffe auf Zivilisten« (jW von vor 20 Jahren)

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Die NATO attackiert Jugoslawien pausenlos und kommt doch nicht vom Fleck. »Wir bombardieren seit fast zwei Monaten, haben über 60.000 Angriffsflüge durchgeführt und Jugoslawiens militärische Kampfkraft nur um ein Drittel verringert«, klagt Trent Lott, Mehrheitsführer der Demokraten im US-Senat, Ende Mai 1999. Das sei schwer zu verstehen und zu akzeptieren. Das amerikanische Volk sei, so Lott, »mit überwältigender Mehrheit« gegen eine Invasion.

Es gilt, das Terrorpotential gegen das Balkanland zu steigern, ohne eigene Bodentruppen ins Feuer zu schicken. Wie bekannt wird, hat US-Präsident William »Bill« Clinton gerade erst 11,9 Milliarden US-Dollar genehmigt, mit denen laut Beschluss des US-Parlaments die Angriffe bis Ende September finanziert werden sollen. Laut Newsweek hat Clinton zudem einen zweiteiligen Geheimplan autorisiert, demzufolge der US-Geheimdienst CIA die Regierung in Belgrad sabotieren und die UCK trainieren wird. Die Kosovo-Gewaltseparatisten sollen in Sabotageangriffen auf die jugoslawische Infrastruktur ausgebildet werden: Kappen von Telefonleitungen, Sprengen von Häusern, Zerstörung von Benzinreserven und Diebstahl von Lebensmitteln. Der »Krieg im Kosovo« müsse »zur Zivilbevölkerung in Belgrad gebracht werden«, erläutert Joseph Lieberman, Senator der Demokraten und Mitglied im Armeeausschuss, die US-Terrorpläne.

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Auch Bärbel Bohley macht sich Gedanken, wie sich weiteres Benzin ins Feuer schütten lässt. In der Super-Illu setzt sich die ostdeutsche Exbürgerrechtlerin für Waffenlieferungen an die Kosovo-Albaner ein. Sie sehe nicht ein, »wieso nur Soldaten aus anderen Ländern für das Kosovo kämpfen sollten, ohne Beteiligung der Kosovaren, die doch das größte Eigeninteresse haben«. Allerdings, schränkt Bohley ein, sollten die Kosovo-Albaner die Waffen nur unter der Bedingung erhalten, dass sie das Kriegsgerät nach dem Krieg wieder abgeben. – Gerüchte, nach denen sie die Rückgabe der Waffen organisieren will, lassen sich nicht bestätigen.

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Ausgerechnet der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der zum Hohn eines jeden Rechtsstaates nicht als Kriegsverbrecher angeklagt und verurteilt, sondern mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, kritisiert die Entscheidung der NATO zum Feldzug gegen Jugoslawien scharf. Der Krieg sei das Ergebnis einer »emotionalen und undurchdachten« Politik der Vereinigten Staaten und habe jetzt schon mehr Flüchtlinge und Tote produziert, als dies bei jedem anderen denkbaren Versuch der Konfliktlösung mit diplomatischen Mitteln der Fall gewesen wäre. Diese Einlassungen sind überraschend, denn Kissinger ist ein antikommunistischer Terrorpate mit Blutspur u. a. durch Chile, Osttimor und Argentinien. Das hält die Bundesregierung nicht ab, ihm zu Ehren im Mai 2013 eine Stiftungsprofessur für Governance und Internationale Sicherheit an der Universität Bonn einzurichten.

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Die NATO wartet nicht, bis die UCK von der CIA in Sabotage trainiert ist und nimmt die weitere Zerstörung von jugoslawischen Anlagen zur Stromversorgung selbst in die Hand. Auch Wasserwerke werden bombardiert. Nach offiziellen Angaben des Bündnisses sollen das Leben der Bevölkerung erschwert und innenpolitische Spannungen geschürt werden.

Nächster Teil Montag: Gewerkschafter gegen den Krieg in Belgrad. Mehr als 100 Tote nach NATO-Angriff auf Gefängnis im Kosovo

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