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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Wenn der Sound stimmt

Das war das Theatertreffen 2019
Von Andreas Hahn
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Es geht noch länger: »Dionysos Stadt«, zehnstündig (Münchner Kammerspiele)

»Wir arbeiten, wir lernen«, heißt es in Agota Kristofs Roman »Das Große Heft«, mit dessen ziemlich angestrengter Bühnenadaption durch Ulrich Rasche für das Staatsschauspiel Dresden am Montag das nunmehr 56. Berliner Theatertreffen endete, das die angeblich zehn bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachigen Theaters des Jahres 2018 präsentierte.

Eröffnet wurde es am 3. Mai mit dem Schachtelhaus-Boulevardstück von Simon Stones »Hotel Strindberg«. Anders gesagt, mit mehr oder weniger charmant irritierendem Geplauder. Davon ist Ulrich Rasche wiederum weit entfernt. Bei ihm herrscht ein forscher, maskuliner Ton. Kristofs Kindheitserzählung aus Weltkriegszeiten mag dieser Ton vielleicht angemessen sein, letztlich zeugt er lediglich von Suggestion. Die Rasche-Masche: Ein Chor unrasierter Männer in schwarzen Trainingsanzügen deklamiert emphatisch, während er gegen die Bewegungsrichtung einer steilen Drehbühne anstampft. Der steile Rammstein-Boulevard.

Der Chor war in den Inszenierungen überhaupt omnipräsent: zur Unterstreichung des Geplauderten, zur Andämmung des Gedrängels auf dem Boulevard und natürlich auch in der angestammten Funktion in der griechischen Tragödie, wie in »Dionysos Stadt« von Christopher Rüping für die Münchener Kammerspiele, das heimliche Zentrum des diesjährigen Theatertreffens. Zehn Stunden, in denen ein Bogen von Prometheus bis Fußball geschlagen wurde. Fazit: Zeus spricht Arabisch, wir sprechen immer noch Heiner-Müllerisch.

Daneben gab es auch viel Therapeutisches: Tartuffe als Schwein und »Sexschamane« in einer Schlagerbearbeitung von Peter Licht. David Foster Wallace’ 1.500 Seiten »Unendlicher Spaß« von Thorsten Lensing eingedampft auf eine lange Therapiesession in der Entzugsklinik. In einen Boulevard der albernen Art verwandelte Sebastian Hartmann Dostojewskis »Erniedrigte und Beleidigte«, nicht zuletzt auch in Verneigung vor Frank Castorf, dessen Arbeit inzwischen allgemein so etwas wie die heimliche Matrix der Theaterwelt zu sein scheint. Dostojewskis Text handelt nicht nur von Erbschleicherei, Ruin und Prostitution, sondern auch von der Zwangsjacke und Zweifelhaftigkeit einer »literarischen Produktion«. Dafür steht innerhalb der Inszenierung Wolfram Lotz’ »Hamburger Poetikvorlesung«: »Wenn der Sound stimmt, heißt das für den Schreibenden: Das ist das Feld, um das es mir geht, auch wenn ich vielleicht noch nicht weiß, um was es mir geht, das stellt sich eben im Schreiben erst heraus.«

Arbeiten, lernen. Wenn der Sound stimmt. Dringlichkeit. Boulevard. Das ist heute Theater.