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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 8 / Inland
»Krossener36« gegen Verdrängung

»Der Widerstand hat uns als Hausgemeinschaft gestärkt«

Berliner Mieter organisieren sich gegen den Verkauf ihres Wohnhauses an Spekulanten. Ein Gespräch mit Jeannette Brabenetz
Interview: Carmela Negrete
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»Hier leben Menschen«: Die Bewohnerinnen und Bewohner der Krossener Straße 36 in Berlin-Friedrichshain

Für diesen Samstag organisiert Ihre Hausgemeinschaft »Krossener 36« eine Demonstration in Berlin-Friedrichshain. Wogegen protestieren Sie?

Das Haus wurde im April dieses Jahres sehr teuer an einen Investor verkauft. Sollte es zu Modernisierungen oder gar Umwandlung in luxussanierte Eigentumswohnungen kommen, werden wir verdrängt. Denn die zu erwartenden horrenden Mieten können wir uns nicht leisten.

Wer unterstützt vor Ort Ihren Kampf gegen die Verdrängung?

Wir erhalten solidarische Unterstützung von Musikern aus dem Kiez, die mit uns den Zusammenhalt und den Protest richtig feiern wollen. Weitere Hausgemeinschaften, die wie wir vom Verkauf ihres Hauses betroffen sind, werden vorbeischauen, sich vorstellen und mit uns und den anderen vernetzen.

Zum Protestfest haben wir aber auch Politiker eingeladen, die bei uns sprechen werden: Die Bundestagsabgeordneten Canan Bayram von Bündnis 90/Die Grünen und Pascal Meiser von Die Linke sowie die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann und den Bezirksstadtrat Florian Schmidt, beide von den Grünen.

Letzterer wirbt auf Ihrer Internetseite mit einem Plakat für Ihr Anliegen. Hat er sich für die Krossener 36 besonderes eingesetzt?

Das Foto ist während eines Mietertreffens entstanden, das das Bezirksamt organisiert hatte, um uns und andere betroffene Hausgemeinschaften über unsere Rechte in bezug auf den Hausverkauf im Milieuschutzgebiet zu informieren. Florian Schmidt setzt sich bekanntlich für die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk ein. Ob er uns in unserem konkreten Fall unterstützen kann, wissen wir noch nicht. Aber durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird das Vorkaufsrecht und sogar der Aufbau einer Dachgenossenschaft geprüft.

Welche Forderungen erheben Sie gegenüber den politisch Verantwortlichen?

Wir wollen, dass unsere Politiker uns dabei unterstützen, unsere Rechte zu stärken und durchzusetzen. Unser Wohngebiet um den Boxhagener Platz ist bereits seit den 1990er Jahren als Milieuschutzgebiet anerkannt. Die Bewohnerstruktur soll in ihrer sozialen Zusammensetzung und Mieter vor Verdrängung durch spekulative Verkäufe oder renditeorientierte Vermietungspraxis geschützt werden. Trotz bestehenden Rechts und Milieuschutzes beobachten wir, dass dennoch Mieter verdrängt werden.

Wie hat sich das Projekt im Laufe der Zeit entwickelt?

Ich lebe seit fast 20 Jahren hier. Es ist ein Haus mit Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen – Kiez eben. Bei uns wohnen Angestellte, Familien, Alleinerziehende Mütter, Singles und Wohngemeinschaften, Selbständige, Akademiker und viele Kinder. Wir kennen uns als Nachbarn, die Kinder ließen uns noch enger zusammenrücken.

Was würde ein Auszug aus dem Haus bedeuten?

So wie die jetzige Situation auf dem Wohnungsmarkt ist, lässt sich kaum noch eine bezahlbare Wohnung finden. Es ist eine absurde Situation. Ich habe an meinem Balkon ein Transparent aufgehängt mit den Satz »Gemeinsam #13Häuser für ein Recht auf Wohnen«.

Wie geht es für die Hausgemeinschaft weiter?

Wir geben nicht auf, auch wenn unser gemeinsames Kaufangebot vom Vermieter ausgeschlagen und durch den Käufer mit dem 45fachen der Jahresnettokaltmiete weit überboten wurde. Wir setzen uns dafür ein, dass das Haus vom Bezirk durch einen Vorkauf vor Spekulation geschützt wird.

Der Widerstand hat uns als Hausgemeinschaft gestärkt. Auf unserem großen und grünen Gemeinschaftshof haben wir einen sehr wichtigen Treffpunkt geschaffen. Wir alle sind voller Energie und entschlossen, unseren Beitrag gegen Verdrängung und für das Grundrecht auf Wohnen in dieser Stadt zu leisten.

Jeannette Brabenetz ist Kunsthistorikerin und Mitglied der Hausgemeinschaft »Krossener36« in Berlin-Friedrichshain

Protestfest und Demo: Sonnabend, 15 Uhr, Krossener Straße 36, Berlin-Friedrichshain

Mehr unter: www.krossener36.de

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