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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 6 / Ausland
Kolumbien

Das Tischtuch zerschnitten

Kolumbiens FARC steht vor der Spaltung. Offener Streit zwischen Londoño und Márquez
Von Santiago Baez
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Damals feierten sie noch gemeinsam den ersten Jahrestag des Friedensvertrags: Rodrigo Londoño (l.) und Iván Márquez am 24. November 2017 in Bogotá

In Kolumbien steht die aus der früheren Guerilla hervorgegangene Partei FARC (Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes) vor der Spaltung. Zwei ihrer führenden Köpfe, Parteichef Rodrigo Londoño alias »Timoschenko« sowie der frühere Chef der FARC-Delegation bei den Friedensverhandlungen in Havanna, Iván Márquez, haben de facto gegenseitig die weitere Zusammenarbeit aufgekündigt und kommunizieren nur noch mittels offener Briefe miteinander.

Mit Datum vom 18. Mai hatte sich Márquez in einem Schreiben an »die Guerillos und alle Kolumbianer« gewandt. Anlass war die Justizfarce um Jesús Santrich, der ebenfalls der FARC-Führung angehört. Der seit gut einem Jahr im Gefängnis sitzende frühere Comandante war am vergangenen Freitag aus der Haft entlassen, noch am Tor der Haftanstalt jedoch wieder festgenommen worden. »Was für eine Schweinerei von Staatsanwaltschaft haben wir«, schreibt Márquez in dem Brief, der von der alternativen Nachrichtenagentur ABP verbreitet wurde. Selbstkritisch richtet sich Márquez darin an die Genossen in den »Territorialen Räumen für Ausbildung und Wiedereingliederung« (ETCR), den Sammlungszonen für ehemalige Kämpfer der FARC-Guerilla. »Im Namen der militärischen Kommandeure des früheren Zentralen Befehlsstabes der FARC, Kommandeure der Fronten und Kolonnen« schreibt Márquez selbstkritisch, dass es »angesichts des Verrats am Friedensabkommen von Havanna durch den Staat« ein »schwerer Fehler« gewesen sei, die Waffen abzugeben. Trotzdem müsse »der Frieden in Kolumbien unser Banner« bleiben, fordert Márquez. »Wir werden für ihn weiterkämpfen.«

Londoño reagierte darauf mit einem am Mittwoch auf Twitter veröffentlichten vierseitigen Schreiben »an die FARC«. Scharf attackiert er Márquez darin als jemanden, der »seine Verantwortung aufgab, die ihm unsere Partei übertragen und auf die das Land und die internationale Gemeinschaft vertraute«. Er habe die Bedeutung des Platzes nicht verstanden, auf den ihn »unser langer Kampf gestellt« habe: »Er ging weg ohne irgendeine Erklärung und lehnte es ab, seinen Sitz im Senat einzunehmen, und ließ so unsere parlamentarische Vertretung führungslos zurück, als sie ihn am meisten brauchte«. Nach der Abgabe der Waffen sei die Aufgabe nicht, »dass wir uns hinsetzen und voller Nostalgie die Tage des Krieges beschwören«. Es müsse darum gehen, allen Kolumbianern die Inhalte des Abkommens nahezubringen: »Unsere Partei wurde mit dem Ziel geboren, Brücken zu allen Schichten des nationalen Lebens zu schlagen, um Sympathie, Solidarität und Einheit im Ziel bei der Schaffung eines neuen Landes zu gewinnen.«

Márquez hatte im vergangenen Jahr die Liste der FARC für die Wahlen zum Senat angeführt und sollte einen der fünf Sitze einnehmen, die der Partei nach dem Friedensabkommen zustanden. Nach der Festnahme Santrichs im April 2018 erklärte er jedoch, dass er das Mandat nicht annehmen werde, weil die Sicherheit der Parlamentarier nicht gewährleistet sei. Er hält sich inzwischen an einem unbekannten Ort auf. Im Januar meldete er sich mit einer Videobotschaft an die Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt in Berlin zu Wort: Zwei Jahre nach Unterzeichnung des Friedensabkommens seien die Ergebnisse seiner Umsetzung »niederschmetternd«, erklärte er. »Das Abkommen verfolgte das Ziel, die Sprache der Waffen aus der Politik zu verbannen, doch die Waffen werden weiter eingesetzt, um die Oppositionellen physisch auszurotten.«

Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens und der Abgabe der Waffen wurden mindestens 114 frühere Guerilleros sowie 31 ihrer Familienangehörigen ermordet. Diese Zahl nannte am 15. Mai die kolumbianische Tageszeitung El Tiempo unter Berufung auf den FARC-Senator Carlos Antonio Lozada. Doch nicht nur einstige Guerilleros sind zur Zielscheibe von Paramilitärs und Drogenbanden geworden. Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros vom 10. Mai wurden allein zwischen Januar und April 51 Menschenrechtsaktivisten umgebracht.

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