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Aus: Ausgabe vom 23.05.2019, Seite 4 / Inland
Protest für die Zukunft

Aktionstag in 114 Ländern

Studierende, Schüler, Eltern und Forscher rufen weltweit zu Demos für effektiven Klimaschutz auf
Von Wolfgang Pomrehn
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Kaum zukunftsfähig: Rede von Dieter Zetsche, scheidender Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, bei deren Hauptversammlung am Mittwoch

Kommen nach den Schülern nun auch die Studenten in Bewegung? An einigen Hochschulen, unter anderem in Berlin und Leipzig, fanden am Dienstag und Mittwoch Vollversammlungen statt. In Mannheim und Köln sind solche für Freitag vormittag geplant. Hintergrund ist die Schulstreikbewegung für ernsthaften Klimaschutz. Seit Anfang Dezember 2018 gehen jeden Freitag in Dutzenden Städten in der ganzen Republik und in zahlreichen anderen Ländern Schülerinnen und Schüler auf die Straße. In rund 500 deutschen Städten gibt es inzwischen Ortsgruppen junger Menschen, die Teil der Bewegung »Fridays for Future« sind. Am morgigen Freitag wollen sich zumindest in einigen Städten auch Studierende an einem internationalen Aktionstag beteiligen. Darüber hinaus rufen Eltern und Wissenschaftler über die Netzwerke »Parents for Future« und »Scientists for Future« zur Beteiligung auf. Einen Appell, in dem die Schülerproteste als wissenschaftlich fundiert und gerechtfertigt bezeichnet werden, haben in den deutschsprachigen Ländern mehr als 26.000 aktive Wissenschaftler unterzeichnet.

An der Berliner Humboldt-Universität verabschiedete am späten Dienstag nachmittag eine Vollversammlung einen Forderungskatalog an die Hochschulverwaltung und die Landesregierung. Darin wird unter anderem der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), eine vom motorisierten Individualverkehr befreite Stadt und ein schneller Ausbau der Radinfrastruktur gefordert. Als erster Schritt zu einem für alle kostenlosen ÖPNV müsse der Nulltarif für Auszubildende und Studierende eingeführt werden. Überwältigende Unterstützung fand eine Ergänzung des Forderungskatalogs, in der der Kapitalismus wegen seiner Gier als unfähig zur Abwendung der Klimakrise bezeichnet wird. Er gehöre deshalb überwunden.

Das Thema Klimaschutz spielte auch am Rande der am Mittwoch in Berlin tagenden Jahreshauptversammlung der Daimler AG eine Rolle. Der am Mittwoch gewählte neue Konzernchef Ola Källenius hatte bereits im Vorfeld angekündigt, bis 2030 die Produktion zur Hälfte auf Elektroautos umgestellt zu haben. Fragt sich allerdings, wo der Neue in elf Jahren noch Dieselfahrzeuge verkaufen will. Auf dem weltweit größten Absatzmarkt, in der Volksrepublik China, werden vermutlich zu diesem Zeitpunkt schon keine neuen Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zugelassen. Auch in Indien und einigen europäischen Ländern wie Dänemark, den Niederlanden und Irland ist es bereits beschlossene Sache, dass ab 2030 keine neuen Pkw mit Verbrennungsmotoren mehr auf die Straße kommen. Letztlich bedeutet die Ankündigung also, dass Daimler seine alten Modelle vor allem hierzulande absetzen will.

Kein Wunder daher, dass die Versammlung von Protesten der Umweltschutzorganisation Greenpeace und des Netzwerks ATTAC begleitet wurde, die einen Umstieg auf den öffentlichen Verkehr mit Elektrobussen und Schienenfahrzeugen forderten. Elektroautos seien bestenfalls als Sammeltaxis sinnvoll. »Wenn wir nicht zulassen wollen, dass Mensch und Umwelt unter die Räder geraten, müssen wir endlich auf ein klimagerechtes, soziales und gemeinwirtschaftliches Verkehrssystem umsteigen«, meinte Thomas Eberhardt-Köster vom bundesweiten ATTAC-Koordinierungskreis. Mit Daimler und den anderen Autokonzernen sei das jedoch nicht zu machen. Sie müssten deshalb unter demokratische Kontrolle gebracht werden, »um sie klima- und sozialverträglich umzubauen«.

Für den morgigen Freitag sind von Usedom bis Zwickau, von der ostfriesischen Insel Juist bis ins bayerische Berchtesgaden, von Flensburg bis nach Lindau am Bodensee Schulstreiks und Demonstrationen in mehr als 220 Orten angemeldet. Weltweit sind nach einer unvollständigen Liste in 1.429 Städten in 114 Ländern – darunter neben den meisten europäischen Staaten auch Indien, Brasilien, Uganda, Südafrika, den USA und Kanada – Aktionen geplant.

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