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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 15 / Antifa
Schriftsteller gegen rechts

»Zunehmend Anleihen bei Nazirhetorik«

PEN-Zentrum empört über Sprachverrohung durch Rechte. Gespräch mit Regula Venske
Von Gitta Düperthal
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»Herz statt Hetze«: Bürgerliches Engagement gegen rechts besteht primär aus der Ablehnung von AfD und Neonazis (Frankfurt am Main, 13.10.2018)

Am 26. Mai ist Europawahl. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?

Die Gefahr ist groß, dass Politiker gewählt werden, die nicht für Europa stehen oder es gar vernichten wollen. Mit dem »Brexit« war zu sehen, welches Chaos damit einhergeht. Und es wird von unseren tatsächlichen Problemen, wie der sozialen Ungerechtigkeit, abgelenkt – obgleich doch diesbezüglich dringender Handlungsbedarf besteht. Oder das Beispiel Grenzsicherung. Die darf nicht als Vorwand genommen werden, um verfolgten Menschen den Schutz zu versagen. Bereits 2014 haben wir eine Resolution verabschiedet, in der es heißt: »Wir Schriftsteller Europas erwarten von den Mitgliedsstaaten und den Institutionen der Europäischen Union, dass sie ihren humanitären Verpflichtungen nachkommen«.

Was müsste auf europäischer Ebene getan werden, um autokratischen und nationalistischen Tendenzen entgegenzuwirken?

Wir haben im April auf der 51. »Writers for Peace«-Konferenz des internationalen PEN (»Poets, Essayists, Novelists«, jW) im slowenischen Bled eine gemeinsame europäische Bildungsoffensive gefordert. Die Geschichte aller Mitgliedsländer soll in Schulen und Bildungseinrichtungen gelehrt werden, um zu zeigen, dass das Kennenlernen anderer Kulturen keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung darstellt.

Inwiefern hilft das gegen den derzeitigen Rechtstrend in Europa?

Nationalistische Gruppierungen schüren Angst vor der Kultur der anderen. Das Eigene kann aber nur begreifen, wer auch das andere kennt. Länderübergreifende Initiativen, wie etwa die für deutsch-polnische Geschichtsbücher, gilt es fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Die Kritiker Europas machen gern den Vorwurf, es sei beabsichtigt, eine Brüsseler Einheitskultur entstehen zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Vielfalt Europas ist nicht durch die EU, sondern durch große Konzerne bedroht, zumeist US-amerikanischer Herkunft, sowie durch Internetkonzerne, die konkret die Meinungsfreiheit in Europa gefährden.

Das PEN-Zentrum Deutschland hat auf seiner Jahrestagung in Chemnitz vom 9. bis 12. Mai beschlossen, ein »Wörterbuch der Unmenschlichkeit« zusammenzutragen. Was wird darin konkret dokumentiert?

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Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, setzt sich gegen den Rechtstrend und für Vielfalt in Europa ein (Dortmund, 28.4.2017)

Unsere Mitglieder werden entsprechende Begriffe sammeln und begründen, weshalb wir diese problematisch finden. Beispiel: Wer bei Migration von »Invasion« spricht oder meint, Europa »verteidigen« zu müssen, so, als habe es einen Angriff gegeben, macht eindeutig seine Absicht der Ausgrenzung deutlich. Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Chemnitz gab es aber auch gutgemeinte Formulierungen, die unbeabsichtigt ausgrenzenden Charakter haben: Etwa wenn von »fremdenfeindlichen Übergriffen« die Rede ist oder, um den Begriff »Ausländer« zu vermeiden, von »anders aussehenden Menschen«. Wer hierzulande verfolgt wird, ist keineswegs unbedingt »fremd« hier. Und »anders aussehend«? Wir alle haben zwei Augen, eine Nase, einen Mund.

Wir stellen zudem fest, dass einige Politiker zunehmend mit Formulierungen Anleihen bei der Nazirhetorik machen. Formulierungen einiger Politiker wie auch in der Öffentlichkeit zunehmend Anleihen bei einer Nazirhetorik nehmen. Und auch wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, die Migration als »Mutter aller Probleme« bezeichnet, empört uns das.

Wie nehmen Ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen die Bundesrepublik wahr?

Viele sehen in ihr noch eine vergleichsweise stabile Demokratie, trotz AfD und weiterer rechtsextremer, rechtsnationalistischer und neofaschistischer Gruppierungen. Ich hoffe, es gelingt uns, diese rückwärtsgewandten Bewegungen dahin zu verweisen, wo sie hingehören: auf den Müllhaufen der Geschichte.

Und wie ist der Umgang mit neurechten Autoren innerhalb des PEN-Verbands?

Es gibt lebhafte Debatten, und das ist gut so. Aber wer Mitglied bei uns wird, verpflichtet sich, die PEN-Charta zu unterschreiben und versichert damit unter anderem, jederzeit seinen »ganzen Einfluss für das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen« einzusetzen.

In der bei unserer Jahrestagung verabschiedeten »Chemnitzer Erklärung« wehren wir uns entschieden gegen jeden Versuch rechtsnationaler Gruppierungen, die Freiheit der Kunst und Kultur zu beschneiden. Es ist alarmierend, wenn Institutionen wie die öffentlich-rechtliche ARD wie im Streit um gegen die AfD gerichtete Symbole in einer »Tatort«-Episode vor rechten Populisten einknicken. Wir werden weiter für eine Gesellschaft kämpfen, in der Hass, Ausgrenzung und Verrohung keinen Platz haben.

Regula Venske ist Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland

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