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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Austrofaschismus

Von Daniel Bratanovic
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Faschistische Einheitspartei in Österreich. Kundgebung der Vaterländischen Front, Wien, Oktober 1936

Ein Strizzi und sein Gehilfe halluzinieren auf Ibiza und Koks künftige Machtfülle, Beherrschung der Presse sowie staatliche Auftragsvergabe nach eigenem Gusto herbei und nennen freimütig die Gönner ihres selbstlosen Dienstes am österreichischen Volk: einen Waffenhändler, die Erbin eines aus Arisierungen zusammengeraubten Milliardenvermögens, einen Immobilienspekulanten und einen Glückspielkonzern. Der Strizzi heißt Strache und war, bevor das Video, das ihn, den Faschisten, so zeigt, wie Faschisten denken, handeln, ja sind, der Öffentlichkeit präsentiert wurde, Vizekanzler der Republik Österreich und Vorsitzender der Freiheitlichen Partei. Die war, anders als ihr Name nahelegt, bei ihrer Gründung 1955 eine bestenfalls notdürftig getarnte Fortsetzungsveranstaltung der NSDAP – und ist es im Grunde bis heute.

Aus einer anderen Variante des österreichischen Faschismus ist der Koalitionspartner ÖVP hervorgegangen. Im Unterschied zu den österreichischen Nazis, deren Vorläufer bei den deutschnationalen Burschenschaften (bis heute ein erstrangiges Rekrutierungsbecken der FPÖ) und insbesondere bei der antisemitischen und antiklerikalen Alldeutschen Vereinigung Georg von Schönerers zu suchen sind, war die von dem fanatischen Antisemiten und späteren Wiener Bürgermeister Karl Lueger 1893 gegründete Christlichsoziale Partei nicht großdeutsch und schon gar nicht antikatholisch ausgerichtet. Pseudosozialismus und Antisemitismus mischten sich bei ihr mit katholisch-fundamentalistischen Positionen. Diese Partei erlebte nach kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg und war ab 1919 die beherrschende Kraft der Ersten Republik.

Ihren Reihen entstammte Engelbert Dollfuß. Die Christlichsozialen machten den unehelichen Sohn einer Bauerntochter 1932 zum Bundeskanzler, der sich rasch als Beschützer des österreichischen Kapitals erwies. Per Notverordnung sanierte er mit Staatsgeldern die im Zuge der Weltwirtschaftskrise in Schieflage geratene Creditanstalt für Handel und Gewerbe, das größte Bankhaus des Landes, das den Großteil aller österreichischen Industriebetriebe betreute. Im Verein mit seinem Koalitionspartner, den faschistischen Heimwehrverbänden, schaltete Dollfuß am 4. März 1933 das Parlament aus, untersagte alle Aufmärsche und Versammlungen und stellte die Presse unter Zensur. Danach ging es Schlag auf Schlag. Ende März ließ der Kanzler den der Sozialdemokratie nahestehenden Republikanischen Schutzbund verbieten, am 26. Mai die Kommunistische Partei. Mit Verordnung vom 21. April 1933 wurde ein weitgehendes Streikverbot erlassen und am 21. Dezember 1933 wurden die Betriebsräte in allen staatlichen Unternehmen aufgelöst. Bereits am 1. Mai hatte die Bundesregierung die Vaterländische Front gegründet, die laut Bundesgesetz vom gleichen Tag »die politische Zusammenfassung aller Staatsangehörigen, die auf dem Boden eines selbständigen, christlichen, deutschen, berufsständisch gegliederten Bundesstaates Österreich stehen« bilden sollte. In dieser Monopolorganisation gingen die Christlichsozialen auf, die Heimwehren gerieten faktisch zur Parteimiliz, der »Austrofaschismus« hatte, endgültig mit der Verkündung der neuen Verfassung am 1. Mai 1934, sein spezifisches Gepräge erhalten. Jenseits offizieller Verlautbarungen war die autoritäre Neuregelung der Beziehungen von Arbeit und Kapital zugunsten des letzteren entscheidend.

Ideologisch war das von der Kurie unterstützte Regime an der Sozialenzyklika Quadragesimo anno und am Korporativstaatsmodell des italienischen Faschismus orientiert. Der »Ständestaat« blieb gleichwohl eine papierne Angelegenheit. Rom jedenfalls gab den Protektor der neuen Ordnung in Österreich, wo die Nazis als faschistische Konkurrenz bekämpft wurden. Als aber Mussolinis Italien und Hitlerdeutschland ihre Differenzen einstweilen beilegten, wurde die Herrschaft des »ständestaatlichen« Regimes prekär. Fünf Jahre nach Errichtung der Diktatur herrschten die Nazis auch in der »Ostmark«.

Es gibt demnach zwei Traditionslinien des Faschismus in Österreich. Bis 2017 hing in den Parlamentsräumen der ÖVP noch ein Porträt von Engelbert Dollfuß.

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