Gegründet 1947 Sa. / So., 15. / 16. Juni 2019, Nr. 136
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 16 / Sport
Radsport

Italien in Rosa

Und plötzlich mit Skispringer: Ein Überblick über das Radsport-Frühjahr
Von Janusz Berthold
Radsport_UCI_WorldTo_61359593.jpg
Genießt den Moment: Valerio Conti trägt das Maglia Rosa (noch)

Der Mai ist gekommen, und am 11. Tag des Wonnemonats startete der 102. Giro d’Italia. Er eröffnet für die Radsportwelt traditionell die Phase der »Grand Tours«, der großen dreiwöchigen Landesrundfahrten. Es folgen im Juli die Tour de France und im August die Vuelta a España. Ein Drittel der diesjährigen Saison ist somit bereits Vergangenheit.

In diesem hochinteressanten Frühjahr, gespickt mit den »Monumenten« Mailand–Sanremo, der Flandern-Rundfahrt, dem ewig legendären Paris–Roubaix sowie Lüttich–Bastogne–Lüttich, dominierte wieder das belgische Quick-Step-Team, heuer mit dem Sponsorenzusatz »Deceuninck« versehen. Seine Fahrer kontrollierten beinahe jedes Eintagesrennen und setzten die Siegesserie des Vorjahres fort. Dagegen bestachen während der bereits gefahrenen Regionalrundfahrten vor allem die Mannschaften Astana aus Kasachstan sowie Bora-Hansgrohe, unter deutscher Lizenz fahrend. Letztere setzten damit ihren stetigen Leistungsanstieg der vergangenen Jahre fort.

Im Baskenland gewann der 25jährige Berliner Maximilian Schachmann, vergangene Saison noch für Quick-Step unterwegs, neben dem Zeitfahren auch zwei Etappen. Beeindruckend war die Performance von Bora in der Türkei, die dortige Rundfahrt gewann der Österreicher Felix Großschartner. Die Equipe um den dreifachen Weltmeister Peter Sagan (Slowakei) und den deutschen Meister Pascal Ackermann scheint sich also nachhaltig und mit Bravour in der Beletage des Profiradsports zu etablieren. Fortsetzung findet diese Erfolgsgeschichte nun beim Giro d’Italia. Ackermann gewann bisher zwei Etappen, führt souverän die Punktewertung an und trägt somit das wohl schönste Sondertrikot aller Rundfahrten. Das violette Trikot Maglia Ciclamino sticht durch seine warme Gemütlichkeit sofort ins Auge. Vor allem weckt es Erinnerungen an die Internationale Friedensfahrt und ihr Violettes Trikot, welches bis 1997 dem aktivsten Fahrer verliehen wurde.

Die neun bisher gefahrenen Etappen des Giro kamen auch eher traditionell daher. Abzüglich zweier Zeitfahren mussten fünf Kanten von jeweils weit über 200 Kilometern bewältigt werden. Ungewöhnlich. Neben den gegebenen topographischen Voraussetzungen wurde das Rennen vor allem durch schlechtes Wetter sehr erschwert – und es soll nicht besser werden. Eine wirkliche Bergetappe war noch nicht dabei, spannend ist es aber allemal. So wurde während der vierten Etappe das Peloton durch starken Wind und Regen auseinander gerissen, was zu ersten Abständen in der Gesamtwertung führte. Leider stürzte hier auch einer der Favoriten, der Niederländer Tom Dumoulin (Sunweb), und musste am folgenden Tag das Rennen aufgeben. Beim sechsten Tagesabschnitt von Cassino nach San Giovanni Rotondo über 233 Kilometer schaffte es gar eine Fluchtgruppe mit weit über sieben Minuten Vorsprung ins Ziel. Hier siegte sensationell der Italiener Fausto Masnada vom zweitklassigen Team Androni. Solche Erfolge sind immer wieder erfreulich und beruhigend. Nach dieser Etappe übernahm sogar ein Italiener das Rosa Trikot des Gesamtführenden: Valerio Conti vom Team UAE. Es ist jedoch unausweichlich, dass er das Maglia Rosa über kurz oder lang abgeben muss.

Ein Fahrer besticht bisher mit starken Leistungen und wirkt als einziger, als habe er einen Plan – der Slowene Primoz Roglic, Team Jumbo-Visma. Der ehemalige Skispringer liegt auf Platz zwei und hat anderen Mitfavoriten bereits viel Zeit abgenommen. Klar fokussiert stellt er sich nun dem Steigerungslauf der kommenden zwei Wochen. Es geht in den Norden, am Ende warten die Dolomiten.

Mehr aus: Sport