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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Einer von nebenan

Nicole Oders »Amir«-Inszenierung am Berliner Ensemble
Von Anja Röhl
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»Man glaubt ihm das alles«: Burak Yigit in der Titelrolle

Berliner Ensemble, kleines Haus. Vier junge Leute in Trainingsklamotten lassen eine Betonmauer um die eigene Achse rotieren. Darauf eine Strichzeichnung und der Namenszug »Amir«. Dann erscheint neben dem Strichmännchen der riesige Kopf eines herrischen Mannes: »Geboren: Wann? Wo?« Ein junger Mann, vorn auf einem Stuhl sitzend, antwortet: »Palästina«. Der Beamte notiert: »staatenlos«, fragt weiter: »Augenfarbe?« »Braun.« Der Beamte notiert: »schwarz«. Danach erklärt er umständlich, dass der junge Mann nur eine Duldung bekäme.

Nun entfaltet sich das Drama einer palästinensischen Familie, die nach den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatilain (1982) mit drei kleinen Kindern geflohen ist und hierzulande seit 30 Jahren keine Arbeitserlaubnis, nur immer wieder die Duldung bekommen hat. Die Kinder wuchsen heran, ohne Respekt vor ihrem inzwischen verstorbenen Vater, der in ihren Augen nie in der Lage war, die Familie zu ernähren, und wurden noch vor der Pubertät kleinkriminell. Mit dem Abzocken von Mitschülern, Betrügereien, Diebstählen, später Überfällen, füllen sie den Familienkühlschrank und die Kleiderschränke auf.

Auf dem Amt – die Szenen werden zwischengeschoben –, bettelt Amir jedes Mal wieder um eine Arbeitserlaubnis. Sie wird ihm nun mit Verweis auf sein immer längeres Vorstrafenregister verwehrt. »Sie wissen doch genau, dass ich mir das Geld dann woanders beschaffen muss!« Irgendwann landet Amir, verliebt in Hannah, mit der er ein neues Leben anfangen will, im Knast.

Wie Menschen sich unter Bedingungen, von denen der normale Theaterbesucher keinen Schimmer hat, bewähren müssen, welchen Qualen sie ausgesetzt sind, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden, das wird hier kunstvoll auf die Bühne gebracht. Regisseurin Nicole Oder hat die Stückvorlage von Mario Salazar frei interpretiert. Amirs Schwester ist nicht Ballettänzerin, sondern Boxerin, vieles wird in Rückblenden erzählt, immer wieder wird der Erzählfluss durch Lieder, Raps oder szenische Fragmente unterbrochen. Wie gut die Figuren getroffen sind, wird einem Tage später klar, wenn man Leuten wie ihnen zufällig auf der Straße begegnet. Man sieht sie mit anderen Augen an, interessierter, fragender. Welches Drama verbirgt sich hinter ihren teuren Autos, ihrem Machogetue, ihren gestylten Haaren?

Dabei drängt Nicole Oder die zweite Generation der Flüchtlinge nicht in eine Opferrolle, im Gegenteil: Sie macht klar, dass sie die absolut nicht einnehmen wollen. Das Stück bezieht klar Position für eine andere Asylpolitik, geht unter die Haut, wühlt auf. Den Namen Nicole Oder sollte man sich merken. Ich sah von ihr Obdachlosentheaterprojekte, die Stücke »Arabqueen« und »Arabboy« im Neuköllner Heimathafen, »Der falsche Inder« im Münchner Volkstheater und »Glückskind« in Rostock. Jedes dieser Stücke traf die Sprache der Abgehängten, um die es ging, und brachte die Wahrheit über die Verhältnisse, in denen wir leben, ohne Schnickschnack auf die Bühne.

Dreh- und Angelpunkt ihrer »Amir«-Inszenierung ist die ständig wiederholte Demütigung in der Ausländerbehörde: »Melden Sie sich in sechs Monaten wieder!« Der junge Titelheld kann seine Würde nur mit kriminellen Taten wahren. Anders geht es nicht. Burak Yigit spielt den Amir sehr gut, man glaubt ihm den verhinderten Abiturienten, der es weit bringen würde, glaubt ihm den Liebenden mit großer Sehnsucht nach einem besseren Leben. Man glaubt ihm das alles, weil er spielt wie einer von nebenan.

Nächste Aufführungen: 29. u. 30. Mai, 20 Uhr

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