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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Schlechte Verlierer

USA wollen Huawei in die Knie zwingen
Von Sebastian Carlens
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Huawei hat den größten Heimatmarkt der Welt – die Volksrepublik China. Daran können auch die USA nichts ändern

Was tut der Kaufmann, dessen Produkte teurer und schlechter als die der Konkurrenz sind? Er könnte, Möglichkeit eins, hochwertiger oder billiger produzieren. Oder aber, so er die Distribution ebenfalls unter Kontrolle hat: Er kann zweitens die Konkurrenz aus dem Laden werfen. Dadurch wird das eigene Angebot weder besser noch günstiger (ganz im Gegenteil!), aber es ist plötzlich alternativlos – die Kunden kommen dann schon zurück. Dieser Methode, die den Apologeten des »freien Marktes« zufolge nirgendwo und niemals funktioniert, bedienen sich aktuell die USA.

Das geht, weil der Markt dort endet, wo der bürgerliche Staat die Möglichkeiten nationaler Gesetzgebung nutzt, um ausländische Mitbewerber zugunsten der eigenen Monopole auszubooten. Diese Spielart der Globalisierung trifft gerade den chinesischen Hersteller Huawei, dessen Mobiltelefone keine Android-Betriebssysteme mit Anbindung an die Dienste Googles mehr erhalten. Damit reagiert Googles Mutterkonzern auf die Kampagne des US-Präsidenten, der die Volksrepublik als strategischen Hauptfeind ausgemacht hat. Der Schritt straft brutal alles Gerede der letzten Jahrzehnte Lügen: Das »freie Netz«, eine bloße Chimäre. Die »globalen Lösungen«; sie bleiben, wenn überhaupt, kontinental. Und: Der kapitalistische Markt, der angeblich alles zum Besten regelt, muss offenkundig selbst gehörig reguliert werden. Man kann es in wenigen, einfachen Worten zusammenfassen: Neoliberalismus funktioniert nicht. Den Beweis haben ausgerechnet die USA erbracht – wer hätte das gedacht.

Das US-Vorgehen klingt drastisch, und in der Tat: Haben die Maßnahmen Bestand, sind die aktuell sehr beliebten Huawei-Geräte langfristig auf dem europäischen Markt nur noch schwer zu verkaufen. Wer ein Smartphone erwirbt, möchte schließlich die populärsten Dienste nutzen können, und die kommen aus den USA. Gut möglich, dass Googles Softwareboykott den chinesischen Konzern härter trifft als alle Strafzölle.

Dennoch, dieses Vorgehen ist zum Scheitern verurteilt. Huawei wird weiter Telefone bauen, die technisch ganz vorne sind, und das zu Preisen, die weder Apple noch Samsung noch Sony bieten kann – und die Chinesen werden sie kaufen. Die Abschottung der US-Märkte ist eine Maßnahme der Schwäche, der puren Verzweiflung. Zum ersten Mal überhaupt hat sich ein chinesischer Produzent unbestritten an die Spitze der Entwicklung gesetzt – und was fällt dem »freien Westen« dazu ein? Nur dies eine: Tür zu!

Für Huawei, mit einem Heimatmarkt von 1,4 Milliarden Menschen, ist das alles zu verschmerzen. Zeit für ein Gedankenspiel: Was wäre eigentlich, wenn China zu ähnlichen Maßnahmen, vielleicht gegen den US-Konzern Apple, griffe? Der setzt jedes fünfte seiner »IPhones« in der Volksrepublik um. Und würde eine solche Eskalation vermutlich nicht überleben. In diesem Falle: Ein letztes Prosit auf den Markt.

Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. (21. Mai 2019 um 10:12 Uhr)
    »Neoliberalismus« (wenn denn damit die Wirtschaftspolitik der westlichen imperialistischen Staaten seit den 70er Jahren gemeint ist) funktioniert doch, sonst wäre dieser Erfolgszug des Kapitals gar nicht möglich gewesen. China verfolgt – noch – eine andere Wirtschaftspolitik (irgendwann ist aber auch der heimische Markt gesättigt und es müssen ähnliche Reformen her wie auch im Westen). Ich empfehle der jW und ihren Autoren, endlich von der Werbung für den »besseren staatlichen Kapitalismus« abzulassen. Hier soll doch Journalismus für das Proletariat gemacht werden, oder? Die Arbeitsbedingungen in China sind schlechter als im Westen (v. a. bei den armen Hunden, die Geräte wie Handys zusammensetzen müssen), und noch kann der chinesische Staat üppige Subventionen verteilen (deshalb auch billigere Huawei-Handys). Wie bei Apple und anderen Produzenten frage ich mich auch bei Huawei: warum jedes Jahr zig neue (trotzdem überteuerte) Modelle? Ich kann das angeblich so bessere Modell des chinesischen Kapitalismus und v. a. seine wegweisende Richtung zum Sozialismus einfach nicht erkennen …
    • Beitrag von josef w. aus H. (21. Mai 2019 um 12:09 Uhr)
      Sicherlich wird es noch einige Zeit, d. h. Jahrzehnte, dauern, bis die chinesische Gesellschaft einen vergleichbaren Stand erreicht haben wird wie hier im Westen. Der Start war nach über hundert Jahren Krieg im Jahre 1949 alles andere als günstig, und auch in den ersten Jahrzehnten musste China bitteres Lehrgeld für manche Fehlentwicklung zahlen. Der Vorbildcharakter der chinesischen Entwicklung besteht darin, dass es dem Land gelungen ist, sich von einem der ärmsten Länder der Erde zu einer der fortschrittlichsten Gesellschaften des Globus entwickelt zu haben. Das ist im Wesentlichen der makroökonomischen Steuerung durch den Staat und der mikroökonomischen Markwirtschaft zu verdanken, d. h. die Gesellschaft setzt sich Ziele, die sie in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten erreichen will und konzentriert ihre Kräfte darauf. Voraussetzung sind Unabhängigkeit von anderen Staaten und Selbständigkeit. Darauf schauen ca. 66 Prozent der Weltbevölkerung mit großem Interesse, da sie unter großer Rückständigkeit, verursacht wesentlich durch Kolonialismus und Neokolonialismus, leiden, während die Eliten der transatlantischen Gesellschaften den Rest der Welt gerne als Markt, Rohstofflieferant, Arbeitsmarkt oder Werkbank sehen, aber um Gottes Willen nicht als Macht, die ihre rücksichtslose Produktionsweise beenden könnte.
    • Beitrag von Barbara D. aus B. (21. Mai 2019 um 20:39 Uhr)
      @David S.: Danke für diesen Kommentar!!!
  • Beitrag von josef w. aus H. (21. Mai 2019 um 10:50 Uhr)
    Huawei wird eine Zeit lang in Schwierigkeiten geraten, und seine amerikanischen Zulieferer werden ebenfalls Verluste erleiden. Der Unterschied besteht darin, dass Huawei aus dieser Krise gestärkt hervorgehen kann, während die amerikanischen Zulieferer wahrscheinlich einen kontinuierlichen Geschäftsrückgang zu verzeichnen haben werden. Wenn Huawei nicht mehr beliefert wird, verliert das Unternehmen Google irreversibel den chinesischen Markt.

    Der Handelskrieg zwischen China und den USA hat auf beiden Seiten Verluste verursacht. Der Verlust, der China zugefügt wird, ist vorübergehend. Was die USA zu bewältigen haben, sind die wachsenden langfristigen Folgen. Die Chinesen sehen hierin den eigentlichen Beginn des US-Niedergangs. Das sind sie sehr optimistisch und selbstbewusst.

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