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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 5 / Inland
Deutsche Bahn AG

Eisenbahner auf Kollisionskurs

DGB-Gewerkschaft EVG demonstriert für mehr Investitionen ins Schienennetz in Berlin. GDL-Lokführer setzen auf Zerschlagung des DB-Konzerns
Von Katrin Küfer
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Bahner der EVG forderten am Montag in Berlin mehr Geld fürs Gleisnetz

Hunderte Eisenbahner aus dem gesamten Bundesgebiet sind am Montag zur Demo nach Berlin gereist. Unter dem Motto »Mehr Bahn für die Menschen« zogen sie durch das Regierungsviertel. Aufgerufen hatte die zum DGB gehörende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die Protestaktion, die am Mittag vor dem Bundesfinanzministerium begann und später vor dem Verkehrsministerium endete, war Teil einer bundesweiten Kampagne, mit der die EVG ihre Forderung nach deutlich mehr Bundesmitteln für den Erhalt und Ausbau des Schieneninfrastruktur unterstrich.

Etwa 50 Gewerkschafter, die frühmorgens in Frankfurt am Main in den ICE 874 Richtung Berlin gestiegen waren, strandeten unverhofft in Kassel-Wilhelmshöhe, weil der Zug aufgrund einer technischen Störung die Fahrt nicht fortsetzen konnte. Alternativzüge waren überfüllt. »Da wissen wir gleich, warum wir unterwegs sind«, kommentierte ein EVG-Sprecher diesen Vorgang. »Niemals zuvor war es so wichtig wie heute, für eine moderne und leistungsfähige Bahn zu demonstrieren, damit sie nicht weiter den Bach runtergeht«, rief Veit Sobek, Gesamtsbetriebsratsvorsitzender der DB Netz AG, den Demonstranten zu.

Unterdessen kritisierte die Lokführergewerkschaft GDL die Demonstration ihrer gewerkschaftlichen Konkurrenzorganisation als »effekthascherische Showveranstaltung« und forderte in einer Presseerklärung eine »Bahnreform II«, bei der die DB-Infrastrukturtöchter DB Netz, DB Energie und DB Station und Service zu einer »gemeinnützigen Gesellschaft« zusammengefasst werden sollten. Diese Forderung entspricht dem Bestreben von Union, FDP und Grünen und läuft auf eine komplette Aufspaltung der Deutschen Bahn nach britischem Muster hinaus, bei der die Transport- und Servicegesellschaften vollständig für Privatisierung und Wettbewerb freigegeben werden. Demgegenüber fordern britische Gewerkschaften und die Labour Party eine vollständige Wiederverstaatlichung und Zusammenführung des seit der Privatisierung der Staatsbahn British Rail vollständig fragmentierten britischen Eisenbahnwesens.

Während die EVG-Mitglieder im Regierungsviertel demonstrierten, freuten sich das Bündnis »Allianz pro Schiene« und der Dachverband öffentlicher Verkehrsunternehmen (VDV) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz über Ansätze für ein »Comeback der Schiene«. Vertreter beider Organisationen begrüßten die Tendenz zur Reaktivierung stillgelegter Nebenstrecken für den Personen- und Güterverkehr. Ein entsprechendes Potential bestehe auf 186 Strecken mit einer Länge von insgesamt 3.072 Kilometern. Allerdings seien seit 1994 bundesweit unterm Strich immer noch deutlich mehr Schienenstrecken für den Personen- und Güterverkehr stillgelegt als wieder in Betrieb genommen worden. .

Der Widersinn der vorherrschenden staatlichen Verkehrspolitik kam am vergangenen Wochenende auch auf besonders tragische Weise zum Vorschein. So wurden am späten Sonntag nachmittag bei einem schweren Verkehrsunglück auf der Autobahn A9 bei Leipzig eine Person getötet und etliche weitere Personen schwer verletzt. Bei ihnen handelt es sich um Fahrgäste eines Fernbusses, der sich im Auftrag von Flixbus auf dem Weg von Berlin nach München befand. Die Polizei ging nach ersten Ermittlungen davon aus, dass ein sogenannter Sekundenschlaf des Fahrers zu dem Unfall des Fernbusses geführt habe. Die Deutsche Bahn hatte erst Ende 2017 das letzte Stück der ICE- Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen der Stadt an der Spree und der an der Isar in Betrieb genommen. Züge können bei wenigen Zwischenhalten die Distanz in weniger als vier Stunden zurücklegen. Dass viele Menschen mit kleinem Einkommen statt der im Vergleich zum Straßenverkehr bequemeren und sichereren Bahnfahrt sich die Strapazen einer Busfahrt antun, dürfte daran liegen, dass Bustickets in aller Regel deutlich billiger sind.

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