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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 16 / Sport
Baseball

»Jaaa, er lebt noch!«

Da bomb mir einer die Rosine. Neulich in der Baseballstadt Berlin
Von Maximilian Schäffer
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Der Schokoladenonkel bei der Arbeit: Colonel »Karies« Halvorsen besichtigt die Truppe

Es begab sich aber zur Essenszeit, neulich in Berlin, ein höchst seltsames Schauspiel. Auf den teilbegrünten Brachflächen eines ehemaligen preußischen Exerzierplatzes wurden Würste gegrillt. Das später zum Rollfeld des 2008 außer Betrieb genommenen Flughafens umfunktionierte »Tempelhofer Feld« beherbergt heute vor allem Hauptstädter und deren touristische Anhängsel, die vom hässlichen Alltag zwischen Handyshops und Hipsterbars Naherholung auf einem platten Acker suchen. Am Rand dieses »Parks« befinden sich diverse Sportanlagen: unter anderem ein Baseball- und ein Softballfeld. Diese betreibt die »Turngemeinde in Berlin 1848 e. V.« (TiB), deren Teams im »Baseball- und Softballverband Berlin/Brandenburg e. V.« (BSVBB) spielen.

Dass dort am Wochenende also Würste gegrillt werden, während sich Männer und Frauen belederte Schnurbälle mit voller Wucht ins Gesichtsfeld werfen, ist noch nichts Ungewöhnliches. Um 11.30 Uhr am vergangenen Samstag fuhren jedoch zwei schwarze Großraumlimousinen mit getönten Scheiben vor. In freudiger Erwartung auf diese Entourage spalierten alsbald Rudel von Kindern und Jugendlichen mit Fahnen und Feldhemden. Ein Dutzend Journalisten zückte Stifte und Kameras zur Dokumentation des Geschehens. Was geschah Wichtiges im Freizeithort der Hauptstadt?

Zum 70. Jahrestag der »Berliner Luftbrücke« hatte man sich eine weitere Festivität überlegt, um auf irgendeine Weise die USA zu glorifizieren. Weil die vorhandene Baseballanlage noch keinen Namen trug, überlegte man sich kurzerhand etwas passend Patriotisches. Ein berenteter Redakteur der Deutschen Presseagentur, Herr Douglas Sutton, kam auf die Idee dem ehemaligen US-Air-Force-Piloten und prominenten Mormonen Gail Halvorsen eine weitere Stätte in der Hauptstadt zu widmen. Bereits 2013 weihte der damals 92jährige die »Gail-S.-Halvorsen-Schule« im Stadtteil Dahlem ein. Halvorsen war einst Initiator der Verteilung kariesfördernder Substanzen (Schokolade, Kaugummi) auf die Kinder Westberlins: ein wahrer Held der Rührseligkeit im biblischen Alter – und »Jaaa, er lebt noch!«.

11.33 Uhr, eine Autotür öffnet sich. Die Ortsgruppen der »Boy Scouts of America« und »Girl Scouts of the USA« – homophobe, gerichtsnotorische Kindersekten, in denen man, gefördert von Großkonzernen und der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), das Marschieren und Bücken lernt – wuseln aufgeregt um einen rüstigen Greis mit Schirmmütze. Als der sich als der falsche herausstellt, wuseln sie zum anderen Uropa. Da steht er also, der fast 100jährige Rosinenbomber in Luftwaffenkluft und Fliegermütze und kuschelt mit den »Pfadfindern«. Man hat ein kleines Zelt aufgebaut, wo man ihn ohne Mikrofon zu Wort kommen lässt. Die anwesenden Journalisten stellen brennend heiße Fragen: »Wie geht es Ihnen? Wie fühlt es sich an? Wie ist es so?« Danach begeben sich alle aufs Feld: die Baseballspieler, die Journalisten, die Pfadfinder und die Greise. Nationalhymnen werden gespielt. Zuerst die US-amerikanische. Die Pfadfinder und die Greise salutieren. Dann die deutsche. Ein paar legen die Hand aufs Herz, kaum einer salutiert. »Colonel Halvorsen« ist glücklich, weil er bei den Ansprachen dauernd mit militärischem Dienstgrad betitelt wird. Für Kampfflugzeuge und Feuerwerk hat es leider nicht gereicht. Die Aktiven stehen derweil daneben und fragen sich, wann die Plätze endlich modernisiert werden und ob sie gerade mit ihren Mitgliedsbeiträgen fünf Interkontinentalflüge der Business- oder First-Class bezahlt haben.

Wieso man diesen sinnentleerten, militaristischen, amerikanophilen Klimbim beim Baseball immer noch brauchen sollte, ist schleierhaft. Obwohl der Sport in seiner heutigen Form vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern in ihrer Besatzungszone verbreitet wurde, hat sich doch hierzulande, wie in jeder anderen Sportart, eine eigenständige Fan- und Vereinskultur etabliert. Schließlich feiert man beim 1. FC Nürnberg auch nicht alljährlich den Geburtstag der Queen. Fernab von Hot dog und Burger sind die deutschen Baseballhauptstädte Mannheim und Regensburg. Die Stadt an der Donau bietet neben dem erfolgreichen Erstligaverein und fünfmaligen Deutschen Meister »Regensburg Legionäre« auch ein 1.100 Menschen fassendes Stadion sowie ein Sportinternat zur Förderung des Nachwuchses. Von dort aus schaffte beispielsweise Max Kepler den Sprung in die Major League Baseball (MLB), wo der 26jährige heute auf der Mannschaftsliste der »Minnesota Twins« steht.

Nicht nur im Profisport erfreuen sich Base- und Softball hierzulande großer Beliebtheit. Besonders in Berlin gibt es unzählige Freizeitteams und sogar eine eigene Liga für das gemischtgeschlechtliche Spiel aus Spaß an der Freude. In der »Mixed Softball League« spielen Frauen, Männer und alles dazwischen für beispielsweise die »Crosshill Creeps«, die »Niku Jagahs« oder die »Pharaos«. Die Truppen glänzen besonders durch Buntheit. Neben Deutschen und Exilanten aus den großen Schlagballnationen USA und Japan spielen Taiwanesen, Afghanen, Iraner und Bulgaren um den heißen Brei. Das ist viel schöner zu beobachten als alte weiße Männer in Uniformen und Nationalhymnen, die so ideologisch ein Spiel vereinnahmen, das längst anderes bedeutet als »Stars and Stripes«.

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