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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 1 / Feuilleton
Droste

Kleines Liedchen zum Abschiedchen

Von Wiglaf Droste
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Kitsch heißt: Man lebt knietief,

nur noch im Diminutiv,

wo man All und alles verniedlicht:

und selbst noch den Nordpol versüdlicht.

*

Baby hat so schöne Löckchen,

Hündchen apportiert das Stöckchen,

die Sau wird zum Schweinchen,

zum Tierchen auf Beinchen.

*

Mein klein’ Freundchen Heinchen

lädt Säufer zum Weinchen,

zu Schnäpschen und Bierchen

und pflegt sein Pläsierchen.

*

Jungchen trägt Zöpfchen,

darunter ein Köpfchen.

Der Platzhirsch mag Plätzchen,

Hoses Matz macht gern Mätzchen

*

und sich auch ins Höschen.

Das Mädchen flicht Röschen

in die Härchen ums Möschen.

Mancher nennt es auch Döschen:

*

Pandora ihr Bärchen,

und das ist kein Märchen.

Das ist der Fluch der Verniedlichung.

Der hält noch die Ältesten kleinkindchenjung.

*

Sie mümmeln ihr Breichen

und morgens ein Eichen,

das sind keine Bäumchen,

das sind bloß Alpträumchen.

*

Nun komm schon, mein liebstes Bienchen,

bring Äpfelchen und Apfelsinchen

und Rosinchen und Marmelädchen.

Du bist ein so kirschsüßes Mädchen!

*

Wir sitzen am Frühstückstischchen,

essen Brötchen, Bütterchen, Fischchen,

und das schwarz-weiße Katerchen

schnurrt, dass im Kapellchen das Paterchen

*

ganz baff bis ins Beffchen

als warnendes Äffchen

mahnt und droht mit dem Teufelchen.

Doch wir springen ihm fröhlich vom Schäufelchen.

*

Er kriegt, und ist er noch so erpicht

auf sie, uns’re Seelchen doch nicht.

Kätzchen gibt Pfötchen.

Nur der Tod ist kein Tödchen.

*

Huhn wird zum Hühnchen, Hahn ist ein Hähnchen,

das Leben ist manchmal ein feines Romänchen.

Nun noch ein Morgenbanänchen,

dann wedele ich mit dem Fähnchen

*

Dir zum Abschiedchen noch einmal zu:

Ach Du, ach Duchen, ach Du …

Unser Kolumnist ist am Mittwoch im Alter von 57 Jahren gestorben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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