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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Streubomben auf Korisa

Chronik eines Überfalls (Teil 28), 16.5.1999: Bei NATO-Angriff auf Dorf im Kosovo werden 100 Menschen getötet
Von Rüdiger Göbel
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Die NATO schützte die Kosovo-Albaner? 84 wurden bei dem brutalen Bombenangriff der Kriegsallianz bei Korisa am 15. Mai 1999 getötet

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Bundesaußenminister Joseph Fischer hat gerade seine Ziele auf dem Grünen-Sonderparteitag in Bielefeld erreicht, da fliegen NATO-Kampfjets in der Nacht zum 14. Mai 1999 den bisher opferreichsten Angriff gegen Jugoslawien: Beim Bombardement des Kosovo-Dorfes Korisa nahe Prizren sterben nach späteren Angaben der jugoslawischen Regierung mindestens 87 Menschen, 78 weitere werden verletzt. 60 Prozent der Getöteten sind Kinder zwischen sechs Monaten und zehn Jahren, vielen Verletzten müssen Gliedmaßen amputiert werden. Nach einer ersten Attacke gegen Mitternacht gibt es am Morgen ein zweites Bombardement. Getroffen wird ein Bauernhof, auf dem sich rund 400 Menschen befinden, die meisten davon Kosovo-Albaner. Einrichtungen von Armee und Polizei soll es im Ort nicht gegeben haben.

Korisa ist mit acht sogenannten Kassettenbomben – auch Cluster- oder Streubomben genannt – angegriffen worden. Beim Einsatz dieser Waffe wird jeweils ein großer Bombenbehälter abgeworfen, der mehrere hundert kleine Explosivkörper (Bomblets) enthält. Die NATO behauptet zunächst, Belege dafür zu haben, dass die in Korisa getöteten Kosovo-Albaner Opfer eines Artilleriebeschusses durch die jugoslawischen Streitkräfte geworden sind. Meldungen Belgrads zur Verantwortung der NATO dürften »nicht für bare Münze genommen« werden, so das US-Außenministerium.

Am 16. Mai räumen die Aggressoren schließlich ein: Ja, die NATO habe Korisa bombardiert. Es habe sich um ein »legitimes militärisches Ziel« gehandelt. Es sei unklar, warum sich dort Zivilisten aufgehalten hätten. Aus dem Bonner Verteidigungsministerium lanciert die Propagandastaffel Rudolf Scharpings die Falschmeldung, es gäbe Hinweise, dass der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic eine »schon öfter praktizierte Taktik der menschlichen Schutzschilde« angewandt hätte. Streubomben will die NATO nicht eingesetzt haben.

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Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere führende SPD-Politiker äußern sich zufrieden über das Ja zur Fortführung des Krieges beim Grünen-Parteitag in Bielefeld. Damit würden Außenminister Fischer und auch die Regierung insgesamt gestärkt. In einzelnen Landesverbänden von Bündnis 90/Die Grünen geht derweil die Angst vor Massenaustritten ob der Unterstützung für den rot-grünen Bombenkurs um.

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Die Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch bekundet in der jW-Reihe »Was sagen Künstler zum Krieg«: »Ich bin für die sofortige Beendigung dieses Krieges, und zwar aus Mitleid mit den Vertriebenen und aus Sorge um uns alle. Ich sehe in ihm ein ungerechtfertigtes, unsinniges, gefährliches und zu allen politischen, ökologischen und menschlichen Schäden, die er hinterlassen hat, ein unwirksames Zurückfallen ins Mittelalter, das niemandem außer der Rüstungsindustrie und den Medien genützt hat. Politische Kultur ist kleiner geworden, das Leid der Menschen im Kosovo ist größer, wie die Gefahr für den Weltfrieden.«

Nächster Teil Freitag: Was halten Muslime vom vermeintlichen NATO-Schutz?

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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