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Aus: Ausgabe vom 14.05.2019, Seite 4 / Inland
Hamburg

Kriegsgegner auf Hafengeburtstag

Aktionen von »Seebrücke Hamburg« und »Bildung ohne Bundeswehr«
Von Kristian Stemmler
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Der Hamburger Senat hatte die Hansestadt zum »sicheren Hafen« erklärt. Die Seebrücke fordert seitdem entsprechende Taten ein

Wenn Hunderttausende in Hamburg rund um die Landungsbrücken das traditionelle Volksfest feiern, nutzt die Bundeswehr immer gern die Gelegenheit, für sich zu werben. So auch an diesem Wochenende beim 830. Hafengeburtstag. An der Überseebrücke konnte der Einsatzgruppenversorger »Berlin« der Bundesmarine besichtigt werden. Wie in den Vorjahren ging diese PR-Aktion der Truppe aber auch diesmal nicht ungestört über die Bühne.

Am Sonnabend tauchten unvermutet mehr als 30 Aktivisten des Bündnisses »Bildung ohne Bundeswehr« (BOB) auf dem Ponton auf, auf dem die Festbesucher zur Besichtigung des dort vertäuten Kriegsschiffes anstanden. Sie entfalteten Spruchbänder mit den Aufschriften »Wir wollen Eure Kriege nicht!« und »Krieg ist keine Berufsperspektive«. Die Aktivisten skandierten »Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt«, die HipHopper Master Al und Albino steuerten spontan ein Konzert bei.

Nach kurzer Zeit waren Feldjäger der Bundeswehr und die Polizei vor Ort, um die nicht ordnungsgemäß angemeldete Kundgebung aufzulösen. »Wir haben aber noch weitergemacht, die ganze Aktion dauerte immerhin etwa eine halbe Stunde. Das hat gut geklappt«, bilanzierte Chris Kramer, Aktivist von BOB, am Sonntag gegenüber junge Welt. Auch das Feedback sei insgesamt gut gewesen. »Natürlich sind einige von solchen Aktionen genervt, aber es gab auch zustimmende Kommentare«, sagte Kramer.

Im Anschluss an die Aktion fand eine Kundgebung an der Überseebrücke statt, die allerdings bei den Behörden angemeldet worden war. Es wurden Reden gehalten und Flugblätter an die Besucher des Hafengeburtstags verteilt. Ein Sprecher des Bündnisses wies darauf hin, dass sogenannte humanitäre Einsätze tatsächlich geostrategischen und ökonomischen Interessen dienten. »Kriegs- und Auslandseinsätze finden ausnahmslos in Ländern mit großen Rohstoffreserven, auf wichtigen Handels- und Transitwegen sowie rund um das Mittelmeer und entlang der Flüchtlingsrouten statt.«

Im Hamburger Abendblatt, das umfangreich über das Volksfest berichtete, kam der Auftritt der Antimilitaristen nicht vor. Dafür machte die Zeitung Werbung für die Bundeswehr. Die »Berlin« habe »in den vergangenen Monaten mehrere tausend Menschen aus Seenot im Mittelmeer gerettet«, behauptete das Blatt. Tatsächlich war das Kriegsschiff an der Rettung von mehr als 4.000 schiffbrüchigen Migranten im Mittelmeer beteiligt – allerdings von Mai 2015 bis Januar 2016 und keineswegs in den vergangenen Monaten. »Angesichts der Abschottung Europas ist der Verweis auf solche Einsätze zynisch«, kommentierte Chris Kramer die Berichterstattung.

Auch die »Seebrücke«-Bewegung nutzte den Hafengeburtstag, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. An ihrer spontanen Versammlung, auch »Flashmob« genannt, beteiligten sich Dutzende Menschen. Die Teilnehmer hielten Spruchbänder mit Aufschriften wie »Seenotrettung oder Barbarei« hoch und verteilten ebenfalls Flugblätter. Der Hamburger Senat hatte die Stadt 2018 zum »sicheren Hafen« erklärt. Die Ortsgruppe »Seebrücke Hamburg« kritisiert in ihrem per Facebook verbreiteten Aufruf, dass Taten seitdem ausgeblieben seien. Die Hansestadt müsse endlich aus Seenot gerettete Flüchtlinge aufnehmen.

Während der Hafengeburtstag zele­briert und für politische Aktionen genutzt wurde, kam es am Rande der Veranstaltungen zu einem brutalen Übergriff auf einen Obdachlosen. Wie der NDR am Sonntag berichtete, habe ein Unbekannter dem nach Polizeiangaben zwischen den Landungsbrücken 9 und 10 auf einer Bank schlafenden Mann mit einem Feuerzeug die Haare angezündet. Eine Zeugin konnte die Flammen mit der Hand ausschlagen. Der Täter gehörte demnach zu einer Gruppe britischer Touristen. Der 52 Jahre alte Obdachlose kam laut NDR ins Krankenhaus, das er nach kurzer Behandlung aber wieder habe verlassen können.

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