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Aus: Ausgabe vom 10.05.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Ein Fall von Klassenkampf

Amazon die Zähne zeigen

Für existenzsichernde Löhne und gute Arbeitsbedingungen: Seit sechs Jahren streiken deutsche Beschäftigte des US-Versandriesen regelmäßig
Von Gudrun Giese
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Belegschaft und Verdi mit langem Atem: Auftaktstreik 2013 bei Amazon in Bad Hersfeld

Vor ziemlich genau sechs Jahren gab es erstmals in deutschen Versandzentren des Onlinehändlers Amazon Streiks. Den Auftakt machten mehrere hundert Beschäftigte an zwei Standorten im nordhessischen Bad Hersfeld, wo sich der älteste und größte dieser Logistikstützpunkte des Konzernriesen befindet. Zuvor hatte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) das Unternehmen zu Verhandlungen über einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels aufgefordert. Kurz nach den Hersfeldern traten auch Beschäftigte am Amazon-Standort Leipzig (Sachsen) in den Ausstand. Inzwischen ist aus den Anfängen des Frühjahrs 2013 eine bundesweite kämpferische Streikbewegung geworden.

Erst Anfang Mai legten die Beschäftigten in mittlerweile fünf Versandzentren die Arbeit nieder: Nach Bad Hersfeld und Leipzig beteiligten sich auch Belegschaftsangehörige in Rheinberg und Werne (beide Nordrhein-Westfalen) sowie in Koblenz (Rheinland-Pfalz) an diesem Langzeitarbeitskampf. »Die Beschäftigten (…) streiken, weil sie existenzsichernde Löhne und gute Arbeitsbedingungen durchsetzen wollen«, erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. »Sie verlangen, dass Amazon nicht mehr einseitig die Arbeitsbedingungen diktiert.«

Doch das US-amerikanische Unternehmen verweigert sich den Tarifverhandlungen und bestreitet die Zuordnung zum Einzel- und Versandhandel. Man sei ein Logistikunternehmen, heißt es. Immerhin hat der seit sechs Jahren anhaltende Arbeitskampf mittlerweile diverse Entgelterhöhungen und Sonderzahlungen für die Beschäftigten ausgelöst. Gerade die Streiks anlässlich des Schnäppchentages »Black Friday« sowie vor Feiertagen treffen den Onlinehändler empfindlich – auch wenn Unternehmenssprecher regelmäßig behaupten, dass die Ausstände keine Umsatzeinbußen bewirkt hätten.

Während die Mitarbeiter in Deutschland dank ihres Einsatzes und der gewerkschaftlichen Unterstützung Teilerfolge erreicht haben, geht Amazon im Stammland USA mit harten Bandagen gegen vermeintlich faule Beschäftigte vor: Sie erhielten die Kündigung – von einem Algorithmus, wie lebensmittelzeitung-online Anfang Mai berichtete. Die Produktivitätsmessungssoftware im Warenlager Baltimore erfasst die Arbeitsleistung jedes Beschäftigten haargenau. Wer die vorgegebenen Ziele nicht erreicht, bekommt erst eine Verwarnung und dann die Kündigung – der Algorithmus macht es möglich. Öffentlich wurde diese Vorgehensweise bei einem Gerichtsverfahren, das ein betroffener Mitarbeiter angestrengt hatte.

Die Anwältin des Konzerns erklärte, dass die automatisch erteilten Verwarnungen täglich von einem Vorgesetzten überprüft würden. Sei die verwarnte Person aus plausiblem Grund untätig gewesen – etwa wegen einer Toilettenpause – so werde die Verwarnung auch zurückgenommen. Insgesamt seien allerdings in Baltimore bereits mehrere hundert Beschäftigte mittels eines Computerprogramms gekündigt worden, weil sie die Produktivitätsziele nicht geschafft hätten.

Ganz so weit treibt es Amazon an seinen deutschen Standorten noch nicht. Doch dass auch hierzulande die Versandzentren mit immer mehr Technik aufgerüstet werden, ist bekannt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen sich diesen technischen Abläufen unterwerfen, die »menschliche Arbeit« werde »durch die verstärkte Digitalisierung und vermehrte Automatisierungsprozesse entwertet«, stellt Orhan Akman von Verdi fest (siehe Interview). Die Betroffenen leiden unter der immer monotoner werdenden Arbeit und fordern gemeinsam mit Gewerkschaft und Betriebsräten, in die Umsetzung technischer Innovationen einbezogen zu werden.

Die Amazon-Kundschaft holt sich indes freiwillig und gegen Geld mit dem Informationsdienst »Alexa« die Überwachung ins Haus. Sobald das Gerät aktiviert ist, zeichnet es fleißig auf und liefert alle Daten an zentrale Amazon-Server in den USA. Auf dem Weg zu immer mehr Macht und Einfluss könnte der Konzern eines nicht so fernen Tages dann auch noch Polizei und Geheimdienst übernehmen.

Expansion um jeden Preis

Für Jeffrey »Jeff« Bezos und sein Onlinehandelsimperium Amazon geht die Verkaufs- und Gewinnkurve seit Jahren steil aufwärts: Lag der weltweit erzielte Umsatz im Jahr 2010 noch bei 34 Milliarden US-Dollar, so bezifferte das Börsenblatt ihn Anfang Februar für 2018 auf knapp 282,9 Milliarden Dollar (rund 253 Milliarden Euro), was wiederum ein Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutete. Der Nettogewinn stieg von drei Milliarden auf 10,1 Milliarden US-Dollar.

Kein Wunder, dass Bezos mit seinem 1994 als Buchhandelsversand gegründeten Unternehmen im vergangenen Jahr auf der Forbes-Liste zum »reichsten Menschen der Welt« avancierte. Am 6. März 2018 löste er mit einem geschätzten Vermögen von 112 Milliarden US-Dollar Microsoft-Gründer William Gates an der Spitze der Superreichen ab. Ein Jahr später hat Bezos diese Position kräftig ausgebaut – mit nunmehr 131 Milliarden US-Dollar.

Vom Onlin ebuchhändler hat sich Amazon unter Bezos zum Verkäufer nahezu jeder Ware entwickelt, wie Verdi in einer Unternehmensanalyse vom Herbst 2018 ausführt. Zu weiteren Geschäftsfeldern zählen etwa der Marktplatz, Bezahldienste, Amazon-Payment, Filmdatenbank, Onlinevideothek, Amazon-Web-Services (AWS), Amazon-Business (Shop für Geschäftskunden) und Amazon-Fresh (frische Lebensmittel). 2017 kaufte der Onlineriese den weltgrößten stationären Biohändler Whole Foods. Mit seinen Clouddiensten (AWS) erzielt Amazon enorme Gewinne. Bezos ist zudem Eigentümer der Washington Post, und zu seinem Imperium zählt ebenfalls Youtube-Konkurrent Twitch, eine milliardenfach frequentierte Streaming-Plattform.

Bezos und Amazon werden auf diese Weise immer einflussreicher und verschaffen sich Zugang zu wichtigen Lebensbereichen. Über sein Kundenbindungsprogramm wie auch über Marketplace erlangt der Konzern zunehmend Macht. Amazon hat für den Onlinehandel Standards bei der Liefergeschwindigkeit gesetzt und damit die Verbrauchererwartungen verändert. Die bestellten Waren sollen immer schneller und möglichst kostenlos ausgeliefert werden.

Deutschland ist laut Verdi-Analyse der größte Auslandsmarkt des weltweit agierenden Konzerns. Hier sind derzeit rund 16.000 Menschen beschäftigt (weltweit waren es 2018 566.000). Die Zahl der Versand- und Verteilzentren wächst stetig. Dieses Jahr soll beispielsweise eines in Mönchengladbach in Betrieb genommen werden. Laut der Lebensmittelzeitung online vom 3. Mai erweitert Amazon derzeit vor allem das Netz kleiner Verteilzentren. Als Grund wird hier die wachsende Bedeutung von Lieferungen am Tag der Bestellung genannt. (gg)

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