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Aus: Ausgabe vom 09.05.2019, Seite 15 / Medien
Unruhe im Rif

Probleme bei Zensur

Marokko unterdrückt kritische Berichterstattung. Doch soziale Netzwerke bereiten dem Regime Kopfschmerzen
Von Gerrit Hoekman
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Protestaktion gegen Repression im marokkanischen Rif-Gebiet am 21. April in Rabat

Der Journalist Ali Lmrabet lebt überwiegend in Katalonien. In seiner Heimat Marokko hat er seit Jahren Schreibverbot. Mundtot ist er dennoch nicht. Am 18. April gab Lmrabet der algerischen Tageszeitung El Watan ein Interview, das es in sich hat. Es liest sich wie eine Generalabrechnung mit dem marokkanischen Staat.

»Von Norden nach Süden, von Osten nach Westen – ganz Marokko kocht«, sagte er zu El Watan. Dabei zieht er eine Parallele zum gerade stattfindenden politischen Umbruch im Nachbarland Algerien. »Wir sprechen die gleichen Sprachen, Maghrebi, Tamazight, und schreiben Arabisch. Wir haben dieselben Ziele wie Freiheit, Demokratie, Brüderlichkeit und Wohlstand.«

Der 60jährige wurde in Tétouan geboren, eine der Metropolen im Rif, dem Siedlungsgebiet der Amazigh, in Deutsch auch Berber genannt. Seit geraumer Zeit begehren die immer wieder auf. Sie fühlen sich von der Regierung in Rabat benachteiligt. Polizei und Armee gehen mit aller Härte gegen Demonstranten vor.

Die Rif-Bewegung stelle »nur« soziale Forderungen. Das aber reiche schon, um sie zu unterdrücken, so Lmrabet. Der königliche Hof fürchte offenbar, der Protest könne sonst auf andere Regionen übergreifen. »Die soziale Ungleichheit ist erschreckend. Die Ungerechtigkeit, die das marokkanische Volk trifft, manifestiert sich täglich in Videos, die in »sozialen Netzwerken« hochgeladen werden«, erklärt er. Die Filme sollen die Repression dokumentieren.

Marokkos Behörden hätten den Internetnutzern den Krieg erklärt. »Diejenigen, die das Regime beispielsweise auf Facebook kritisieren, werden sofort auf das Polizeipräsidium vorgeladen und häufig strafrechtlich verfolgt und verurteilt«, heißt es bei El Watan weiter. »Soziale Netzwerke bereiten dem Regime Kopfschmerzen, deshalb diese blinde Unterdrückung, die niemanden verschont, nicht einmal Minderjährige.«

Davon dringe wenig nach außen, weil Marokko im Ausland über einflussreiche Seilschaften verfüge, besonders in Spanien und Frankreich. Ferner habe der Auslandsgeheimdienst DGED ein eigenes Presseimperium aus arabisch- und französischsprachigen Medien aufgebaut. Titel nannte Lmrabet nicht. Und er bezeichnete den Staat als »Koloss auf tönernen Füßen, der Angst vor seinem eigenen Volk hat«.

Fehlen würden indes Persönlichkeiten, die im Ausland als Stimme der Unterdrückten auftreten könnten. »Schauen Sie sich die marokkanischen Intellektuellen an. Sie leben in Frankreich, verhalten sich wie Demokraten, sind empört über das Leid anderer. Aber wenn sie die Grenze nach Marokko passieren, werden sie von einer seltsamen Lähmung befallen«, kritisiert Lmrabet.

Er selbst hat nie geschwiegen. Als Autor und Herausgeber verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in Marokko bekam er seit Mitte der 1990er regelmäßig Ärger mit dem Staat. »Ohne Selbstzensur informieren, Analysen ohne inquisitorisches Vorgehen durchführen, mit Verve Innovationen einführen, stets an der Speerspitze bleiben und in dieser Epoche des Wechsels die Transparenz fördern«, umschrieb er seinen Anspruch im Jahr 2000 im Editorial der ersten Ausgabe der von ihm gegründeten Zeitung Demain. Sie wurde schnell verboten, er selbst stand mehrfach vor Gericht und wurde zu Haftstrafen verurteilt.

»Gibt es in Marokko noch unabhängige Journalisten? Die Antwort lautet nein«, resümiert Lmrabet. Wer sich eine eigene Meinung leiste, lande schnell im Gefängnis. Wie der Herausgeber der Tageszeitung Akhbar El Yaoum, Taoufik Bouachrine. Er wurde im November wegen Vergewaltigung und Menschenhandel zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Weil Bouachrine zu den wenigen Journalisten im Land gehört, die sich trauen, den König zu kritisieren, vermuten viele, auch Lmrabet, ein Komplott. Ob an den Beschuldigungen etwas dran ist, lässt sich aus der Ferne schwer beurteilen, zumal der Prozess nicht öffentlich stattfand.

Ali Lmrabet hofft auf Impulse aus dem Nachbarland. Am vergangenen Sonntag veröffentlichte er auf seiner Facebookseite eine kurze Solidaritätsadresse der in Algier Protestierenden: »Freiheit für Nasser Zefzafi, Freiheit für das Rif«, steht auf einem braunen Pappschild, das irgend jemand vor die Kamera hält.

Zefzafi ist der wohl bekannteste Führer der Rif-Bewegung (siehe auch jW vom 9. April 2019). Im vergangenen Jahr wurde er in Marokko wegen vermeintlicher Aufwiegelung und separatistischer Absichten zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde am 6. April bestätigt. Der Journalist Hamid El Mahdaoui muss für drei Jahre ins Gefängnis, weil er beruflich Kontakt zur Rif-Bewegung hatte, die Polizei aber nicht über deren angeblich die Sicherheit gefährdende Absichten informierte.

Nach Ansicht Lmrabets steht Marokko vor denselben sozialen Problemen wie Tunesien, Algerien und der Sudan, wo Demonstrationen zum Sturz der alten Regierung führten. »Einfache Frage: Lebt der Marokkaner von heute besser als der Tunesier von früher und der Sudanese und der Algerier von heute? Die Antwort lautet nein«, erklärt Lmrabet.

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