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Aus: Ausgabe vom 14.05.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Produktionsgenossenschaft

Besetzen und Tee trinken

In der Provence führen Arbeiter einen Betrieb in Eigenregie, um dessen Schließung zu verhindern
Von Christian Kaserer, Aubagne
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Tee aus der angeeigneten Fabrik in Aubagne

Die Geschichte der französischen Teeproduktionsgenossenschaft »SCOP-TI«, erinnert einen fast schon an die Comichelden Asterix und Obelix. Ein gallisches Dorf – hier die kleine, in der Provence gelegene Gemeinde Gémenos –, welches sich einer Weltmacht entgegenstellt und trotz geringer Erfolgsaussichten konstant Widerstand leistet. Im Falle von SCOP-TI allerdings ist nicht Rom der Feind, sondern der multinationale Konzern Unilever. Ursprünglich produzierte die Fabrik für den Konzern diverse Teesorten und übernahm dabei alle anfallenden Aufgaben von der Aromatisierung bis zur Verpackung. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Erfolgs wurde im Jahr 2010 allerdings den Angestellten mitgeteilt, Unilever werde die Produktion künftig nach Polen verlegen. Kurz zuvor zog die Firma von Nordfrankreich in die Provence. Viele Arbeiter gingen damals mit in den Süden. Aber das Angebot von Unilever, man könne doch nun auch nach Polen ziehen und dort für etwa 500 Euro im Monat weiterarbeiten, schockierte die Beschäftigten. Die Arbeiter, von jeher stark in der französischen Gewerkschaft CGT organisiert, entschieden sich dafür, nicht einfach aufzugeben. Sie besetzten den Betrieb.

Anfangs wurden die Arbeiter von Unilever belächelt. Doch je länger die Betriebsbesetzung dauerte, umso mehr Aufmerksamkeit erregten sie in Frankreich. Zeitungen und Fernsehsender berichteten über den Fall, und auch die Politik nahm Notiz. Eine Welle der Solidarität rollte durch das Land, und besonders in der Provence wurden den Besetzern nicht nur finanzielle, sondern auch Lebensmittel- und Sachspenden übermittelt. Auch die Nachbargemeinde Aubagne, damals von einem kommunistischen Bürgermeister regiert, mobilisierte und sicherte das Überleben.

Nach drei Jahren – oder genau gesagt 1.336 Tagen – der Besetzung, lenkte Unilever schließlich ein und gab den Forderungen nach: Den Beschäftigten wurde nicht nur der Betrieb mit all seinen Maschinen zur Gründung einer Genossenschaft überlassen, sondern überdies erhielten sie auch noch eine hohe Abfindung und Schulungen. »Unsere dritte Forderung, dass sie uns die bekannte Marke ›Thé de l’Éléphant‹ überlassen sollten, hatten sie abgelehnt. Allzu leicht wollte Unilever uns den Erfolg dann wohl doch nicht machen«, meinte Olivier Leberquier, der SCOP-TI inzwischen leitet, gegenüber jW am 25. April. Trotzedem sind die beiden etablierten Eigenmarken SCOP-TI und »1336« inzwischen landesweit in Supermärkten erhältlich. 2018 gelang es sämtliche Kredite, die für den Start gebraucht wurden, zurückzuzahlen.

Für 2019 wird erstmals mit einem Gewinn gerechnet, obwohl die Kooperative auf ganz andere Weise wirtschaftet, als es von Unilever für notwendig erachtet worden war. »Wir zahlen für die Rohmaterialien ein Vielfaches von dem, was in der Branche Standard ist«, sagte Leberquier. »Darüber hinaus versuchen wir hier in der Provence den fast ausgestorbenen Anbau von Lindenblüten wiederzubeleben.« Damit wollen die Arbeiter der Region, der sie so viel zu verdanken haben, etwas zurückgeben.

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