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Aus: Ausgabe vom 07.05.2019, Seite 12 / Thema
Indochinakrieg

Valmy in Vietnam

Die Schlacht um Dien Bien Phu im Mai 1954 besiegelte die Niederlage Frankreichs im Krieg zur kolonialen Wiedereroberung Indochinas
Von Gerhard Feldbauer
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Die für die vietnamesischen Unabhängigkeitskräfte siegreiche Schlacht gegen den französischen Kolonialismus beflügelte auch den Befreiungskampf der Algerier in Nordafrika (Eroberung eines französischen Stützpunkts bei Dien Bien Phu am 7. Mai 1954)

Als der Chef des französischen Generalstabes, Paul Ély, am 20. März 1954 nach Washington flog, glich das einem Bittgang. Eine Woche vorher hatte die Vietnamesische Volksarmee (VVA) unter ihrem Befehlshaber Vo Nguyen Giap zum Sturm auf die französische Dschungelfestung im Tal von Dien Bien Phu im nordwestlichen Bergland Vietnams angesetzt und den ersten der sechs französischen Stützpunkte, das Fort »Beatrice«, in nur zwei Tagen eingenommen.

Vor dem Abflug aus Paris hatte Ély noch erfahren, dass Giaps Truppen zwei weitere Stützpunkte und eine Landebahn für Flugzeuge erobert hatten. Die Hälfte der Außenforts, der ganze nördliche Cordon, befand sich damit in der Hand der Vietnamesen. Fast alle Offiziere waren gefallen oder in Gefangenschaft geraten. 200 Thai-Söldner hatten sich ergeben. Ein zur Verstärkung aus Hanoi angeflogenes Fallschirmjägerbataillon hatte so starke Verluste erlitten, dass es kaum noch kampffähig war. Es ging für Frankreich um Sieg oder Niederlage bei dem 1946 begonnenen Versuch einer kolonialen Wiedereroberung des 1945 unabhängig gewordenen Vietnam.

Entscheidungsschlacht

Dabei war es im Operationsplan des im Mai 1953 zum neuen Befehlshaber in Vietnam ernannten Général de corps d’armée Henri Navarre ganz anders vorgesehen. Navarre, bis dahin Chef des Stabes beim Oberbefehlshaber der NATO in Zentraleuropa, wollte in Dien Bien Phu die Entscheidungsschlacht führen und der Viet Minh, der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, die endgültige Niederlage bereiten. Im Talkessel von Dien Bien Phu (wörtlich übersetzt »Große Kreisstadt an der Landesgrenze«) hatte er eine Festung ausbauen lassen, die die VVA zum Angriff provozieren sollte. Mit waffentechnischer Überlegenheit wollte er dann aus der Festung heraus die Viet Minh zur Feldschlacht stellen und vernichten. Der Talkessel von etwa 18 Kilometern Länge und acht Kilometern Breite ist von steil aufragenden, mehr als 1.500 Meter hohen Bergen umgeben. Durch das Tal schlängelt sich der Fluss Nam Youn. Dien Bien Phu war mit seiner Lage zwischen Nordvietnam, Südwestchina und Nordlaos von strategischer Bedeutung. Hier befand sich ein Straßenkreuz mit Verbindungen in mehrere Richtungen, darunter nach Sam Neua, der Zentrale der Befreiungsstreitkräfte von Laos.

Kommandant der Festung wurde Christian Marie de Castries, ein Oberst der Panzertruppen. Wie Navarre stand auch er im Ruf, ein im Kolonialkrieg erfahrener Kommandeur zu sein. Er ließ den Talkessel zu einer waffenstarrenden Dschungelfestung samt einem Militärflugplatz mit mehreren Landebahnen ausbauen. Das Zentrum mit der Kommandozentrale wurde von einem Gürtel mit auf sechs Hügeln liegenden selbständigen Stützpunkten umgeben: im Nordwesten »Huguette«, zu dem der Flugplatz gehörte, dann im Uhrzeigersinn »Dominique«, »Eliane«, »Junon«, »Claudine« und »Françoise«. Im Vorfeld der Festung wurden Außenforts angelegt. Auch sie trugen französische Mädchennamen: »Gabrielle« und »Anne-Marie« im Nordwesten, »Beatrice« im Nordosten und »Isabelle« mit einem Ausweichflugplatz im Süden. Dazwischen lagen zahlreiche Stellungen, bestückt mit schwerer Artillerie, die sich gegenseitig durch Feuer unterstützen konnten. Südlich der Kommandozentrale wurden Panzer konzentriert, auf den Flugplätzen standen 14 Maschinen. Das aus stabil ausgebauten Bunkern bestehende Stützpunktsystem war durch ein Labyrinth von Gräben verbunden. Die Angreifer erwarteten Stacheldrahtverhaue und Minenfelder, in denen auch Napalmbehälter mit elektrischer Zündung installiert waren.

In Paris hatte Navarre für de Castries zusätzlich vier Infanterieregimenter, ein Fallschirmjägerbataillon, 3.000 Offiziere und Unteroffiziere zur Festigung der mittleren und unteren Kommandostrukturen, 100 gepanzerte Transportfahrzeuge und einen Flugzeugträger mit Schlachtflugzeugen angefordert. Ein großer Teil davon wurde bewilligt. Nicht jedoch der Flugzeugträger, was die Franzosen während der Schlacht noch stärker von der US-amerikanischen Luftunterstützung abhängig machte. In der Schlacht waren rund 16.000 Mann eingesetzt: durchweg kriegserfahrene Kolonialbataillone, darunter fast die Hälfte Fallschirmjäger und viele Fremdenlegionäre, von denen nicht wenige während des Zweiten Weltkrieges der deutschen Waffen-SS-Division »Charlemagne« oder der »Légion des volontaires français contre le bolchévisme« angehört hatten. Unterstützung erhielten die Streitkräfte von 170 Kampfflugzeugen, die mit Napalm, Bomben und Bordwaffen die Stellungen der VVA angriffen. Selbst an das »Amüsement« der Soldaten war gedacht und zu diesem Zweck ein »Bordel mobile de campagne« (d. h. ein »mobiles Feldbordell«) eingeflogen worden.

Stalingrad im Dschungel

Zwischen Dien Bien Phu und der etwa 100 Kilometern nördlich ebenfalls an der laotischen Grenze liegenden Garnison Lai Chau war außerdem ein Sperrgürtel gezogen worden, der die Verbindung zwischen der VVA und der laotischen Befreiungsarmee, die ihre Operationen koordinierten, zunächst unterbrach. Navarre wollte die Volksarmee isolieren und von der Festung und von Lai Chau aus schlagen. Er kalkulierte, das werde den vietnamesischen Befehlshaber zwingen, die Entscheidungsschlacht anzunehmen. In der Tat begann im Tal von Dien Bien Phu Anfang 1954 die letzte militärische Auseinandersetzung im seit acht Jahre dauernden französischen Indochinakrieg. Sie endete allerdings ganz anders, als Navarre sie auf seinen Generalstabskarten konzipiert hatte. Schon der Name, unter dem sie in die Geschichte einging, verrät es: Sie wurde für die Franzosen zum kleinen Stalingrad im Dschungel, zur Kesselschlacht, die zur Niederlage in Vietnam und damit in ganz Indochina führte.

Am 11. März unternahm de Castries den ersten Versuch, die Vietnamesen zur Eröffnung der Schlacht zu provozieren. Im Morgengrauen ließ er vom nordöstlichen Fort »Beatrice« aus zwei Bataillone Fallschirmjäger in Richtung der Bergstellungen der Volksarmee angreifen. Die Operation geriet zum Desaster. Nach ein paar hundert Metern lagen die Angreifer unter schwerem Artilleriefeuer, zahlreiche Tote und Verwundete blieben zurück, das Vorgehen stockte. Der Kommandant musste über Funk den Rückzug anordnen. Der Angriff kostete 150 Tote und 800 Verwundete. 90 Soldaten wurden vermisst – entweder gefangengenommen oder übergelaufen. Dem Chef des Festungslazaretts, Oberstabsarzt Paul-Henry Grauwin, wurde nun klar, dass er nur 42 Pritschen für Schwerverwundete zur Verfügung hatte. Noch wurden die Schwerverletzten und sogar die Toten nach Hanoi ausgeflogen. Aber Grauwin fragte sich bereits, wie lange das noch möglich sei. Am Abend erhielten die französischen Truppen einen weiteren Vorgeschmack auf den Ausgang der kommenden Kämpfe. Am Berghang blitzte das Mündungsfeuer einer 7,5er-Kanone auf. Ihr Ziel war eine Fairchild »C-119«, ein zweimotoriges Militärtransportflugzeug, auf der großen Landebahn. Nach einem Dutzend zielgenauen Einschlägen stand sie in Flammen.

Das erste Gefecht verdeutlichte, dass den Kolonialtruppen eine kampferprobte Armee gegenüberstand. Im November 1953 hatte die Demokratische Republik Vietnam (DRV) die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die Volksarmee zählte 350.000 Mann, gegliedert in sechs Infanteriedivisionen, eine sogenannte schwere Division sowie mehrere selbständige Regimenter, darunter Artillerie, Pioniere und Flak.

Erfolgsgrundlage Bodenreform

Im Dezember 1953 hatte die Nationalversammlung der DRV das Dekret über eine Bodenreform beschlossen. Das Land der französischen Kolonialisten und derjenigen vietnamesischen Großgrundbesitzer, die sich als Feinde der DRV erwiesen hatten, wurde entschädigungslos enteignet und an fünf Millionen arme Bauern verteilt. Großgrundbesitzer, die sich im Befreiungskampf auf die Seite der Volksmacht gestellt oder sich auch nur loyal verhalten hatten, wurden für Grund und Boden, Vieh und Technik entschädigt und durften ihr übriges Eigentum behalten. Mit der Bodenreform wurden die feudalen Zustände beseitigt, eine der Hauptaufgaben der nationaldemokratischen Revolution. Die Maßnahme festigte die Volksmacht nicht nur politisch und ökonomisch, sondern auch militärisch. Sie stellte das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Bauern, welche die Mehrheit der Kämpfer der VVA stellten, auf eine feste Grundlage. Die vietnamesischen Soldaten, die unter dem Kommando der Franzosen kämpften, erhielten Bodenanteile zugesichert, wenn sie deren Reihen verließen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist die vietnamesische Agrarreform gelegentlich mit der Sklavenbefreiung durch Abraham Lincoln als einer wesentlichen Voraussetzung für den Sieg der bürgerlichen Revolution im Amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Südstaaten verglichen worden.

Vor Dien Bien Phu hatte Giap zwei Infanteriedivisionen, zwei Regimenter, zwei Abteilungen 10,5-Zentimeter-Haubitzen und zwei weitere Abteilungen 7,5-Zentimeter-Kanonen, dazu ein Flak- und ein Pionierregiment, insgesamt zirka 35.000 Mann, zusammengezogen. Die Vietnamesen transportierten die schweren Geschütze – jedes wog mehr als zwei Tonnen und wurde in Einzelteile zerlegt, was man im französischen Stab für unmöglich gehalten hatte – ohne Zugmittel, womöglich dienten ihnen lediglich auf den Gipfeln installierte Winden als mechanische Hilfsmittel, über die zerklüfteten Berge und brachten sie dort gegenüber der Festung in Höhlen in Stellung. Aus diesen Kasematten wurden die Geschütze zum Schuss herausgerollt und sofort wieder zurückgezogen. Besonders die rückstoßfreien Geschütze, die China aus in Korea erbeuteten US-amerikanischen Beständen geliefert hatte, eigneten sich dazu hervorragend. Mit ihrem geringen Gewicht waren sie einfach zu handhaben, und der Stellungswechsel war in Sekunden möglich. In der Endphase der Schlacht konnte die eingeschlossene Festung von Hanoi aus nicht einmal mehr minimal mit Nachschub versorgt werden. Die vietnamesische Flak schoss die meisten Transportmaschinen ab. Und das obwohl viele der eingesetzten US-amerikanischen »B-26« von Air-Force-Piloten mit Korea-Erfahrung geflogen wurden.

Den ersten Schlag führte Giap gegen Lai Chau, wo Einheiten der 316. Division die von zwei Bataillonen verteidigte Garnison angriffen und in nur zwei Tagen eroberten. Zum ersten Mal setzte die Volksarmee hier ihre schwere Artillerie ein und schoss den Stützpunkt sturmreif. Mit dem Fall von Lai Chau wurde die Verbindung mit den laotischen Patrioten wiederhergestellt. Zeitgleich bedrohten Truppen der Pathet Lao (Freies Laos) zusammen mit vietnamesischen Einheiten in Nordlaos die Königsresidenz Luang Prabang, griffen in Zentrallaos an und besetzten dort die strategisch wichtige Stadt Thakhek am Mekong. In koordinierten Operationen eroberten laotische und vietnamesische Truppen ferner in Südlaos und Südvietnam beträchtliche Gebiete, darunter die Stadt Attapeu.

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Ho Chi Minh, der Anführer der Viet Minh (Mitte), zusammen mit dem Befehlshaber der Vietnamesischen Volksarmee Vo Nguyen Giap (rechts) bei einer militärischen Beratung (o. D.)

Nach der Niederlage de Castries’ vor Fort »Beatrice« setzte Giap zwei Tage später zum nächsten Gegenschlag an und griff als erstes »Beatrice« direkt an. Nach schwerer Artillerievorbereitung – die Geschütze der Volksarmee verschossen mehr als 9.000 Granaten – wurde der Stützpunkt innerhalb nur eines Tages und einer Nacht gestürmt.

Operation »Geier«

Verteidigungsminister René Pleven hatte seinem Generalstabschef Paul Ély vor dessen Abflug nach Washington eingeschärft, den US-Amerikanern reinen Wein einzuschenken, um eine »entscheidende Aufstockung« ihrer Hilfe zu erhalten. Bereits seit 1950 hatten die USA Frankreich umfangreiche Lieferungen neuer Kampftechnik, vor allem Flugzeuge, geschickt. In Saigon war eine »Militärische Unterstützungs- und Beratergruppe« (MAAG) mit mehreren hundert Mann stationiert. Das reichte nicht mehr. Ély sollte den Amerikanern klarmachen, dass »wir Dien Bien Phu und ganz Indochina verlieren, wenn die Amerikaner nicht eingreifen«. Es gehe nicht mehr nur um Munition und Flugzeuge. Man brauche Truppentransporter mit Infanterie, Artillerie, Fallschirmtruppen, »B-29«-Bomber. Pleven erwog gar den Einsatz von Atombomben, um Ho Chi Minhs rückwärtige Gebiete zu zerstören.

In Washington wurde Ély vom Chef der Vereinigten Stabschefs, Admiral Arthur Radford, empfangen. Er hatte die 7. US-Flotte kommandiert, war ein enger Vertrauter von Douglas McArthur, dem US-Oberbefehlshaber in Südkorea, und Präsident Dwight D. Eisenhowers Berater in Asienfragen. Im Pentagon gehörte er zu den Hardlinern. Nach dem Eingreifen der Chinesen in Korea hatte er über der Mandschurei ein paar Atombomben abwerfen wollen. Eisenhower, selbst Militär, hatte ein derartiges Risiko, das Moskau hätte auf den Plan rufen können, nicht eingehen wollen. Auch jetzt befürchteten Regierungskreise, so Radford, dass »eine massive Aufstockung« der US-amerikanischen Hilfe in Indochina dort, ähnlich wie vorher in Korea, zum Eingreifen der Chinesen führen könne.

Die US-Amerikaner waren aber nicht untätig geblieben. Noch vor Élys Eintreffen hatten »C-119«-Flugzeuge begonnen, Napalm auf die Belagerer von Dien Bien Phu abzuwerfen. Jede Maschine transportierte etwa sechs Tonnen. Es handelte sich um Restbestände aus dem Koreakrieg. Der Gastgeber äußerte schließlich, er sei für die Anwendung des »großen Knüppels«, also der Atombombe. Unter der Codebezeichnung »Volture« (Geier) liefen dazu auch bereits Operationsplanungen. Für einen solchen Einsatz habe die französische Regierung ein »offizielles Ersuchen« zu stellen.

Am nächsten Tag wurde Ély von Eisenhower empfangen. Es ist überliefert, dass der US-Präsident der Meinung war, die Franzosen sollten sich in Indochina ruhig verschleißen. Vietnam würde dann zu einer leichten Beute der USA werden. Er hütete sich allerdings, gegenüber Ély anzudeuten, dass die Franzosen sich mit ihrer Niederlage abfinden müssten. Das sollte Außenminister John Foster Dulles ihnen beibringen. Eisenhower sicherte zu, den Einsatz von »B-26« mit US-Piloten über Dien Bien Phu zu verstärken, ebenso die Hilfslieferungen an Waffen und Nachschub zu erhöhen, und zwar »bis zu der von unseren französischen Verbündeten gewünschten Grenze«. Es könne nicht schaden, wenn die Air-Force-­Piloten noch einige Erfahrungen sammelten, bevor dieser französische Krieg zu Ende gehe, soll der US-Präsident intern geäußert haben.

Zurück in Paris wurde Ély mit der Realität konfrontiert. Die Vietnamesen hatten zwei weitere Stützpunkte eingenommen. In den nächsten Tagen fielen die Festungsanlagen von »Gabrielle« und »Anne-Marie«, es folgten »Huguette« mit dem Flugplatz sowie »Dominique« und »Eliane«. Der erfolgreiche Abwurf von Lastenfallschirmen gelang immer seltener, denn die Flak der Viet Minh beherrschte inzwischen den ganzen Talkessel. Giap stand nur noch 1.500 Meter vor den zentralen Befestigungen. Schneller als in Washington erwartet, übermittelte Paris Eisenhower die Bitte, unverzüglich die Operation »Geier« auszulösen. Die Amerikaner mussten nun Farbe bekennen und schoben dazu als Sündenbock den britischen Premierminister Winston Churchill vor. Außenminister Dulles teilte dem französischen Botschafter in Washington, Henri Bonnet, mit, dass für einen Atombombeneinsatz laut Vereinbarungen mit Großbritannien dessen Zustimmung erforderlich sei; Churchill aber lehne ab.

Washington wollte das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes nicht eingehen. Als die eigene militärische Situation Ende der 1960er Jahre in Vietnam immer auswegloser wurde, erwog das Pentagon durchaus, kleine Atomwaffen gegen Nordvietnam und auch gegen den Front national de libération du Sud Viet Nam einzusetzen. Lediglich die Gegenschlagkapazitäten der UdSSR sorgten dafür, dass dies unterblieb.

Das Ende

Nach 55 Tagen war die Schlacht um Dien Bien Phu zu Ende. Berichte von der Schlacht haben immer wieder den Eindruck erweckt, die Festung sei Giap nach monatelanger Belagerung wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen. Das entsprach mitnichten der Realität. Die Angreifer hatten bis zu fünf Kilometer Gelände zu überwinden. Dabei lagen sie unter dem Feuer der Artillerie und der Infanteriewaffen des Gegners. In den Gräben kam es zu erbitterten, auch für die Volksarmee verlustreichen Nahkämpfen. Um einzelne Bunker und Gebäude fanden tagelange Kämpfe statt.

Um den Mythos von der heldenhaft kämpfenden Besatzung in Dien Bien Phu hochzuhalten, wurde de Castries zum Brigadegeneral befördert, er und seine Soldaten wurden in einem Tagesbefehl »leuchtende Beispiele« der Verteidigung der »Ehre Frankreichs« genannt. Gleichzeitig erging Order, nicht zu kapitulieren. De Castries umging sie, indem er am 7. Mai über Funk befahl, keinen Widerstand mehr zu leisten. Auf seinem Bunker ließ er ein großes, weißes Bettlaken ausbreiten. Ein vietnamesischer Zugführer nahm ihn mit seinen Offizieren gefangen. Auf dem Bunker wurde die rote Fahne mit dem gelben Stern aufgezogen.

Die Niederlage läutete das Ende der französischen Kolonialherrschaft in Vietnam und in ganz Indochina ein. Auf französischer Seite kostete sie noch einmal 2.200 Tote, auf vietnamesischer Seite rund 8.000. Insgesamt fielen während des Kolonialkrieges schätzungsweise 92.000 französische Soldaten. Zusammen mit Verwundeten und Gefangenen verloren die Franzosen, einschließlich der Soldaten ihrer vietnamesischen Marionettenarmee, 466.172 Mann. Auf vietnamesischer Seite kamen mehr als 800.000 Menschen um, ein großer Teil Zivilisten, die Vergeltungsaktionen und Bombardements zum Opfer fielen. Nach den Ursachen des Sieges befragt, erklärte Giap gegenüber Le Monde: »Rufen Sie sich die Französische Revolution ins Gedächtnis zurück, erinnern Sie sich an Valmy und die schlecht bewaffneten Soldaten gegenüber der preußischen Berufsarmee. Trotzdem siegten Ihre Soldaten. Um uns zu verstehen, denken Sie an diese historischen Stunden Ihres Volkes. Suchen Sie die Realität. Ein Volk, das für seine Unabhängigkeit kämpft, vollbringt legendäre Heldentaten.«

Gerhard Feldbauer schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 16. Oktober 2018 über Papst Karol ­Wojtyla: »Der Antikommunist«

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