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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Sammelbiographie

Mutige Frauen

Geschichte gemacht: Lesebuch auch über vergessene »Wegbereiterinnen«
Von Holger Czitrich-Stahl
Von Unbekannt - Badia, Gilbert: Clara Zetkin. Eine neue Biograph
Clara Zetkin während des Internationalen Arbeiterschutzkongresses in Zürich 1897

Frauen machen Geschichte: Heinrich von Treitschke hätte diese Umwidmung seiner Faustformel des Geschichtsprozesses (»Männer machen die Geschichte«) wohl keinesfalls akzeptiert. Die von Gisela Notz herausgegebene Sammlung von Biographien »Wegbereiterinnen« allerdings setzt einen Kontrapunkt gegen traditionelle, männerdominierte und häufig reaktionäre Sichtweisen in der historischen Wissenschaft. Die Herausgeberin will mit dieser Publikation ausdrücklich antreten gegen jene Konservativen, Antifeministen, Nationalisten und Fundamentalisten, die Frauenrechte und Gleichstellungserfolge zunichte machen und durch traditionalistische Rollenzuweisungen ersetzen wollen.

Die Autorinnen (und Autoren!) knüpfen in vielen Fällen an die Einführung des Frauenwahlrechts an. Zahlreiche der vorgestellten Aktivistinnen hatten ihre Kräfte unter anderem für dieses Ziel eingesetzt, etwa Olympe de Gouges (1748–1793), Louise Otto-Peters (1819–1895), Flora Tristan (1803–1844) und Clara Zetkin (1857–1933). Mutige Frauen setzten Maßstäbe, weil sie die nun erkämpften politischen Rechte nutzten und die nicht nur formale Gleichstellung forderten: Marie Juchacz (1879–1956), Luise Zietz (1865–1922), Adelheid Popp (1865–1922), Lore Agnes (1869–1939), Hilja Pärssinen (1876–1935), Amtonie Pfülf (1877–1933). Natürlich finden jene Frauen Erwähnung, deren Klugheit und Engagement bis in unsere Tage ausstrahlen: Rosa Luxemburg, Bertha von Suttner, Käthe Kollwitz, Anna Siemsen (1882–1952), Emilie Winkelmann (1875–1951), um nur wenige Namen zu nennen. Ermutigend gestern wie heute ist das Leben von Nuriye Ulviye Mevlan Civelek (1893–1964), der Gründerin der ersten feministischen Frauenzeitschrift im Osmanischen Reich. »Kadinlar Dünyasi« (»Die Welt der Frauen«) erschien am 4. April 1913 in einer Auflage von 3.000 Exemplaren und war dem Ziel einer rechtlichen, ökonomischen und politischen Gleichstellung aller Frauen verpflichtet. Die Zeitschrift konnte nur acht Jahre veröffentlicht werden.

Die auf je einer Bild- und Textseite in prägnanter Kürze vorgestellten Frauen stehen für beinahe alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Entlang eines Zeitstrahls beginnen die Porträts mit Olympe de Gouges und schließen mit Elsa Cladera de Bravo (1922–2005), der bolivianischen Gewerkschafterin, Menschenrechtlerin und Sozialistin. Wie die Herausgeberin betont, fällt bei den insgesamt 192 Biographien auf, dass die Lebensumstände in der Regel ähnlich sind: Krieg, Verfolgung, Gewalt, Diskriminierung, Abwertung und Armut. Viele dieser Frauen wuchsen direkt unter solchen Bedingungen auf, alle bekämpften sie auf diese oder jene Weise. Einige ließen dabei ihr Leben, etwa Judith Auer (1905–1944).

Der Ursprung dieser Sammlung von Biographien liegt in dem seit 2002 jährlich erscheinenden Kalender »Wegbereiterinnen«, initiiert von Gisela Notz. Viele Autorinnen und Autoren beteiligten und beteiligen sich an dem Projekt und verhalfen ihm zu Ansehen und Kontinuität. Eine Fortsetzung ist in Aussicht. Zu begrüßen ist das, könnte doch so die eine oder andere noch fehlende Wegbereiterin aus der Welt der Literatur- und Kulturgeschichte (Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim) Erwähnung finden. Der Versuch, eine Art Lesebuch zu erarbeiten, ist den Autorinnen und Autoren jedenfalls hervorragend gelungen. Und an, wie es im Untertitel heißt, »zu Unrecht vergessenen Frauen aus der Geschichte« mangelt es nicht. Auch das ist ein kräftiges Argument für einen Folgeband.

Gisela Notz (Hrsg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte. AG Spak Bücher, Neu-Ulm 2018, 430 Seiten, 24 Euro

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