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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Postkoloniale Analyse

Von wegen Zusammenarbeit

Daniel Bendix untersucht die ökonomischen Interessen hinter der deutschen »Entwicklungspolitik«
Von Eleonora Roldán Mendívil
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Hilfe? Zusammenarbeit? Am Ende geht es um die Interessen von Staaten wie der BRD, etwa wenn Bundesaußenminister Maas (SPD) Tansania besucht (4.5.2018)

Postkoloniale Kritiken der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit sind erst in den letzten zehn Jahren in der deutschsprachigen Wissenschaft angekommen. Gesellschaftlich haben diese Wortmeldungen dazu beigetragen, die deutsche Kolonialgeschichte, die Frage der Verantwortung und die der materiellen Reparationen in den Fokus zu rücken. Kritik am linearen Entwicklungsdenken, am neoliberalen Modell der »Entwicklungszusammenarbeit« und deren imperialistischen Implikationen bleibt dennoch weiter ein Randthema.

Die Situation in Deutschland ist in der meist auf den englischsprachigen Raum konzentrierten postkolonialen Debatte ebenfalls unterbeleuchtet. Daniel Bendix hat mit seinem auf Englisch erschienenen Band »Globale Entwicklung und koloniale Macht. Deutsche Entwicklungspolitik im In- und Ausland« versucht, diese Lücke mit einem sauber recherchierten Buch zu schließen. Darin untersucht er die deutsche Kolonialgeschichte mit Bezug auf Ostafrika und die aktuelle politische Ökonomie der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit der BRD kritisch.

In insgesamt sieben Kapiteln greift Bendix dabei vier Fallbeispiele auf. Er fängt mit den schulischen und außerschulischen Bildungsinhalten zur »Entwicklungszusammenarbeit« in der Bundesrepublik an und geht dann über zu Werbekampagnen von staatlichen und nicht-staatlichen Stellen. In einem nächsten Schritt schaut sich Bendix die Geburtshilfe im damaligen Deutsch-Ostafrika an und untersucht, wie Methoden, die einst von den Kolonialherren eingeführt wurden, heute als Beleg der besonderen »Rückständigkeit« des Gesundheitswesens in Tansania herhalten müssen. Schließlich widmet er sich der Art und Weise, wie die privatwirtschaftlichen Interessen von großen deutschen Pharmakonzernen wie Bayer-Health-Care und Fresenius/HELM zur Geltung kommen – insbesondere im Rahmen der Kontrolle der Bevölkerungsentwicklung. Deutsche Pharmakonzerne machen ihr Geschäft mit den beiden Hauptverhütungsmitteln, die in Tansania beworben werden: hormonelle Kontrazeption durch die Pille und durch Dreimonatsspritzen. Am Ende des Kapitels fasst Bendix zusammen, dass die »koloniale Macht in der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit (…) nur ganz verstanden werden [kann], wenn das Verhältnis von kolonialen Diskursen zur materiellen Praxis, also auch die ökonomischen Interessen des globalen Nordens, nachverfolgt wird«.

Auch der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierte Freiwilligendienst »Weltwärts«, an dem seit 2008 jährlich um die 3.500 junge Deutsche teilnehmen, um im globalen Süden »kulturelle Kompetenzen« zu erwerben, ist Teil dieses imperialistischen Komplexes. Bendix verweist auf Kristina Kontzi, die 2016 gezeigt hat, dass das Programm rassistische Muster weißer, westlicher Überlegenheit verstärkt und jungen Deutschen das Gefühl vermittelt, die Kompetenz für die Kritik an und die Belehrung von nichtwestlichen »anderen« zu haben.

Bendix zeigt mit großer Sorgfalt, wie ideologische Debatten um »Rückständigkeit«, »Aufholbedarf« und »Hilfe aus dem Westen« mit der Kolonialgeschichte und den aktuellen ökonomischen Interessen Deutschlands verwoben sind. Durch sehr konkrete Beispiele widerlegt er dabei den – bis in die politische Linke hinein – verbreiteten Mythos des philanthropischen oder gar »solidarischen« Charakters der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit. Erfrischend ist, dass der Autor sich stark an dem panafrikanischen Revolutionär Frantz Fanon orientiert und nicht in die gängige Argumentationsfalle tappt, nur westliche Eliten für die »Unterentwicklung« des globalen Südens verantwortlich zu machen. Vielmehr richtet er den Blick auch auf die lokal Herrschenden und deren Interesse an der imperialistischen Ausbeutung.

Bendix skizziert überzeugend die politische Ökonomie deutscher »Entwickungszusammenarbeit«. Er schafft es, Ideologiekritik mit der Analyse der ökonomischen Basis zu verbinden. Verwirrend sind jedoch die von Bendix formulierten politischen Folgerungen: Er schlägt eine antirassistische, postkoloniale Bildung für »Expertinnen« und »Experten« vor, damit sie bei ihrer Tätigkeit im Ausland »sensibler« mit ihrer eigenen Identität und der Kolonialgeschichte umgehen. Zwar verschweigt Bendix antikoloniale Kämpfe nicht, bleibt mit seinen Ideen aber rein reformatorisch – die Perspektive einer revolutionären Umwälzung taucht nirgendwo auf. Trotz dieser programmatischen Schwachstelle ist »Globale Entwicklung und koloniale Macht« ein gelungenes Buch.

Daniel Bendix: Global Development and Colonial Power. German Development Policy at Home and Abroad. Rowman & Littlefield, London/New York 2018, 210 Seiten, 93 Euro

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