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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Sozialistenverfolger des Tages: Sigmar Gabriel

Von Simon Zeise
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Sigmar Gabriel

Bescheidenheit ist für Sigmar Gabriel etwas für Verlierer. Er will abräumen. Für die Karriere macht er alles. Und er ist am Ende seiner Träume angelangt: Im Bundestag lümmelt er als Hinterbänkler rum, nebenbei stopft er sich die Taschen als Unternehmensberater bei Deloitte und als Kolumnist für Verlegerpatriarch Georg-Dieter von Holtzbrinck voll.

Bis zum 1. Mai war für Gabriel alles in Butter – doch dann kam Kevin Kühnert mit seinen Sozialismusthesen. Der Juso-Wicht ignoriere mit seinen Forderungen nach Kollektivierung von Industriekonzernen »100 Jahre empirisch gesicherte Erfahrung mit staatlich gelenkten Volkswirtschaften«, dass sie nämlich »wegen mangelnder Effizienz und Qualität bankrott gehen und zudem auch für die soziale Verelendung ihrer Beschäftigten sorgen«, ätzte Siggi Pop am Wochenende in einem Beitrag für das Holtzbrinck-Spielzeug Handelsblatt.

Gabriel kennt sich aus mit Empirie. Als überzeugter Agenda-2010-Täter hat er den Lohnabhängigen hierzulande Stagnation und Niedriglöhne beschert. Wer hingegen Sozialismus fordert, denke nur an sich. Kühnert gehe es »darum, tagelang die veröffentlichte Meinung zu bestimmen«, es werde der Eindruck erweckt, »als stünde Deutschland kurz vor der Ausrufung der Sowjetrepublik«. Bewusste Tabubrüche, das Ignorieren von Fakten und Empirie, das Mobilisieren populistischer Sehnsüchte und die Inkaufnahme der Beschädigung der eigenen Partei – all das sei »die Methode Donald Trump«. Anschließend verlor sich Gabriel in Details: »Nun ist Kevin Kühnert nicht mal ein Bonsai-Trump. Es wäre eine böse Überzeichnung, ihn so zu sehen, und eine unzulässige Verniedlichung des US-Präsidenten zudem. Aber die Methoden, derer sich beide bedienen, sind doch frappierend ähnlich. Und die medialen Reaktionen darauf auch.« Gut, dass es Gabriel gibt. Er wird den tollkühnen Kevin wieder zurück auf den Boden der Tatsachen holen.

Debatte

  • Beitrag von Martin B. aus R. ( 5. Mai 2019 um 20:53 Uhr)
    Sigmar Gabriel vertraut lieber Price Waterhouse Coopers. Von diesen aalglatten Garanten der neoliberale Finanzindustrie ließ sich Gabriel als Wirtschaftsminister seinerzeit beraten, und erst neulich sprach er mit dem Chef von Blackrock, Larry Fink, der wohl monströsesten Investmentkrake weltweit.

    M. Behr, Rheinstetten

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