Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
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Aus: Ausgabe vom 04.05.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zu groß, zu bedeutend

Von Arnold Schölzel
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Als »Möchtegernkaiser ohne Kleider« bezeichnete die FAZ am Donnerstag den Venezolaner Juan Guaidó. Springers Welt dozierte: »Nur eine Opposition, deren Anliegen moralisch und politisch berechtigt erscheinen, kann die Sicherheitskräfte davon überzeugen, die Seiten zu wechseln.« Die Hoffnung auf einen Regime-Change in Caracas stirbt beim deutschen Bürgerredakteur zuletzt, es kann ja noch schön blutig werden. Was er aber nicht schreibt, nämlich wer an Guaidós Scheitern schuld hat, sagt am Freitag die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Überschrift: »Ungereimtes um den Aufstand in Venezuela. Haben die USA den Oppositionsführer Guaidó mit unseriöser Vorbereitung ins Unglück geschickt?« Tenor: Die gefährlichen Clowns in Washington bekommen nichts gebacken. US-Sicherheitsberater John Bolton habe am Dienstag behauptet, drei führende Mitglieder der Führung von Nicolás Maduro hätten sich für einen Regierungswechsel ausgesprochen. Die NZZ: »Offensichtlich wurden die Amerikaner entweder von ihren Informanten fehlgeleitet, oder Bolton streute falsche Gerüchte im Sinne von Kriegspropaganda, um Maduro in der unübersichtlichen Lage in die Irre zu führen.« Das Problem: Im »Informationskrieg« Washingtons habe sich offenbar auch Guaidó falsche Hoffnungen gemacht. Nun werde es schwieriger mit dem Sturz Maduros.

Angela Merkel hat’s schon vor zwei Jahren gewusst: »Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei«. Wenn die Ami-Dilettanten militärisch nichts mehr hinbekommen, müssen »wir« einspringen, vor allem gegen die Russen. Am Freitag veröffentlichte die NZZ einen Gastkommentar von Peter Seidel, einst unter den CDU-Generalsekretären Heiner Geißler (1977–1989) und Volker Rühe (1989–1992) Referent für Sicherheits- und Europapolitik in der CDU-Bundesgeschäftsstelle. Überschrift: »INF-Vertrag: Europas nukleare Teilhabe. Deutschland und das Gespenst der Nachrüstung.« Seidel fragt besorgt, ob »die auf Europa erweiterte Abschreckung der USA zu Ende« gehe und welche Rolle »die chinesischen Mittelstreckenraketen« spielen. Beide Themen stünden »auf der Tagesordnung ganz oben« und seien »untrennbar miteinander verbunden«.

Nach seiner Meinung ist »die internationale Krise um die Aufkündigung des INF-Vertrags« ein Beispiel »für den technologischen Wettlauf zwischen Angriff und Abwehr«. Jedenfalls werde in Berlin schon länger davon gesprochen, »langsam veraltende Flugzeuge der Luftwaffe« durch »etwas modernere zu ersetzen«. Denn die »deutsche nukleare Partizipation am Atomschirm der USA soll nicht aufgegeben oder gefährdet werden«.

Der Autor fragt aber, warum »Flugzeuge anschaffen, angesichts deutlich verbesserter Flugabwehr? Warum keine Seestationierung, weg von den luft- und landgestützten Systemen, die ein entscheidender Grund für Friedenspanik und Kriegsängste in den achtziger Jahren waren?« Warum »keine konventionell bestückten Flugkörper auf U-Booten? Die schon jetzt auf deutschen Korvetten stationierten Systeme brauchten dafür lediglich eine Reichweitensteigerung«.

So einfach ist das. Der Russe schlottert vor der deutschen Korvette, die Bundesbürger befällt keine Friedenspanik. Seidel lässt durchblicken: Außer der AfD ahnt das in Berlin keiner. Das Gute sei: »Deutschland ist zu groß und zu bedeutend, als dass dieser Zustand der Desorientierung ewig anhalten könnte.« Es mehrten sich »unter deutschen Verteidigungspolitikern und Sicherheitsexperten« die Stimmen, dass Deutschland bei der nuklearen Teilhabe »schnell und entschlossen handeln« müsse, es gebe gar welche, »wonach die Bundeswehr zur ›stärksten konventionellen Armee‹ innerhalb der EU werden müsse«.

Richtig, das war schließlich vor 70 Jahren Zweck der Staatsgründung.

So einfach ist das. Der Russe schlottert vor der deutschen Korvette, die Bundesbürger befällt keine Friedenspanik.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • A. N. Scharmann: Zu verschwindend, zu unsinnig Guten Abend, Herr Schölzel! Vielen Dank für diesen Text! Bitte erklären Sie in Ihrem nächsten Beitrag, dass Juan Guaidó niemals als der Führer einer Opposition in Venezuela angesehen wurde oder wird! ...

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