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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 12 / Thema
Jugoslawienkrieg

Präzisionstreffer und Streubomben

Chronik eines Überfalls (Teil 26). Die NATO bombardiert Linienbusse im Kosovo, den Marktplatz von Nis und die chinesische Botschaft in Belgrad – und immer aus Versehen
Von Rüdiger Göbel
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Opfer der NATO-Aggression. Am 1. Mai 1999 bombardiert ein NATO-Kampfflugzeug in der Nähe des Dorfes Lucane im Kosovo einen Linienbus. 47 Insassen sterben

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. Die bisherigen Teile erschienen im Feuilleton. (jW)

28. April 1999: Im Leichenschauhaus von Surdulica

»Wegen eines technischen Defektes«, sagt NATO-Sprecher James Shea in Brüssel, sei bei den Luftangriffen in der Nacht davor »eine Präzisionslenkwaffe in ein kleines Wohngebiet« der südserbischen Stadt Surdulica eingeschlagen. Die »Präzisionswaffen« – nach Angaben von Augenzeugen vor Ort wenigstens elf – richten ein grausiges Massaker an. Mindestens 20 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder werden zerfetzt, zahlreiche weitere Zivilisten schwer verletzt.

Mehr als 50 Häuser in dem Städtchen 320 Kilometer südwestlich von Belgrad sind nach Angaben des Bürgermeisters dem Erdboden gleichgemacht. Im Leichenschauhaus des Krankenhauses von Surdulica liegen die »Collateral damages« der NATO, die »Nebenschäden«. Die Leichen sind in einem schrecklichen Zustand, unkenntlich, wer Mann, wer Frau, wer Junge, wer Mädchen war. Die Köpfe sind allesamt weggebombt. Von neun Opfern liegt nur noch ein Häufchen Gedärme und innere Organe auf dem Laken. Bei einem ragt die abgerissene Hand in den Raum. Daneben liegt ein Beinrest. In dem Leichenschauhaus liegt, was auf den Luftbildern vom sauberen Krieg nicht zu sehen ist. Der Geruch von verkohltem und verschmortem Menschenfleisch hängt mir noch Tage später in der Nase.

Die meisten Toten werden aus dem völlig zerstörten Haus von Aleksandar Milic geborgen. Es war eines der modernsten Gebäude im Block. Nachbarn waren zu ihm gekommen, um im Keller Schutz zu finden. Unter den Trümmern werden 16 Leichen geborgen. Die vierköpfige Familie Milic, drei Nachbarsfrauen und neun weitere Kinder. Alle elf Kinder waren zwischen fünf und zwölf Jahren alt.

***

Die NATO gibt erstmals zu, im Krieg gegen Jugoslawien auch sogenannte Antipersonensplitterbomben einzusetzen. Sprecher Shea hatte dies zuvor wiederholt bestritten. Ein Krankenhausdirektor in Pristina versicherte dagegen Agenturjournalisten, dass allein in seine Klinik zwischen 300 und 400 Opfer von Splitterbomben eingeliefert worden sind. Die harmlos aussehenden Sprengkörper würden vor allem von Kindern gefunden, die sie für Spielzeug hielten. Bei der Explosion werden den Kindern zumeist die Gliedmaßen abgerissen. Bereits im Vietnamkrieg hatten die USA die heimtückischen Bomben eingesetzt. Und sie werden ab 2001 auch in Afghanistan und ab 2003 im Irak Kinder killen.

Mit der Anwendung von Splitterbomben verstößt die NATO gegen internationale Konventionen. Die Waffen sind wegen ihrer Grausamkeit geächtet.

29. April 1999: Den Opfern eine Stimme geben

In Hamburg formiert sich die Initiative Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen den Krieg. Der von dem Schauspieler Rolf Becker initiierte Arbeitskreis trägt das Motto »Dialog von unten statt Bomben von oben«. Während der DGB auf Regierungskriegskurs schlingert, bereitet Becker, Ortsvereinsvorsitzender der IG Medien in Hamburg , die Reise einer zehnköpfigen Gewerkschaftsdelegation nach Jugoslawien vor. Ein Ziel ist die zerstörte Automobilfabrik Zastava in Kragujevac. Becker ruft dazu auf, alle Möglichkeiten zu nutzen, um direkte Kontakte in das bombardierte Land herzustellen, »damit die Völker den Politikern, die diesen Wahnsinn produzieren, Einhalt gebieten«. Im Interview mit jW sagt er: »Ich bin noch ein Kind des Zweiten Weltkrieges. Ich war zehn Jahre alt, als er zu Ende ging. Ich wollte dazu beitragen, dass von diesem Land nie wieder ein Krieg ausgeht. Jetzt bin ich im letzten Abschnitt meines Lebens und werde von der Geschichte eingeholt. Das Kommende droht, alle meine Befürchtungen zu überbieten.«

Eckhart Spoo, langjähriger Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau, bezeichnet die Angriffe auf das jugoslawische Fernsehen als »Angriffe auf unsere Information« und macht unmissverständlich klar: »Wir müssen den Opfern eine Stimme geben.« In der von ihm herausgegeben Zweiwochenschrift Ossietzky setzt er diese Maxime unermüdlich und aus tiefster Überzeugung um.

30. April 1999: Frühjahrsputz im Krieg

Die Belgraderin Tanja Djurovic, die mich bei meiner Arbeit als jW-Korrespondent in Belgrad unterstützt hatte, erinnert sich an die Frühlingstage vor 20 Jahren: »In der Nacht zum 30. April wird das jugoslawische Verteidigungsministerium im Zentrum von Belgrad innerhalb von 15 Minuten zweimal bombardiert und schwer beschädigt. Sanitäter und Ersthelfer vor Ort verlieren ihr Leben. Die meisten Serben sind zutiefst davon überzeugt, dass die NATO-Strategen den zweiten Angriff absichtlich geplant haben, um die Opferzahl in die Höhe zu treiben und die Bevölkerung zu demoralisieren«, sagt sie. »In den Jahren nach dem Krieg wird immer wieder der vollständige Abriss oder Wiederaufbau des Gebäudes diskutiert. Die Ruine steht bis heute in der Knez-Milos-Straße, als lebendiges Denkmal für die Greueltaten der NATO. Sie provoziert Empörung und Abscheu bei denen, die sie täglich sehen müssen.«

Djurovic: »Die anhaltenden Angriffe auf Belgrad sorgen allerorten für Sarkasmus. ›Würdest Du Deiner Mutter sagen, dass ich nicht die Absicht habe, mit dem Frühjahrsputz zu beginnen, bis dieser Krieg vorbei ist‹, meckert mein Vater, während er breite Streifen Tesaband auf unsere Fenster klebt, um zu verhindern, dass die Scheiben bei einer Explosion in der Nähe bersten. ›Würdest du deinem Vater sagen‹, ruft meine Mutter aus der Küche, ›dass ich nicht die Absicht habe, den Frühjahrsputz zu verschieben, nur weil Krieg ist!‹

Ein paar Tage später besuchten wir meine Großeltern in Neu-Belgrad, auf der anderen Seite der Sava, die Straße runter hinter der chinesischen Botschaft. Oma und Opa trinken Kaffee mit den Nachbarn, nach einer Nacht im Luftschutzkeller. Sie waren alle in den 80ern, alle Überlebende des Zweiten Weltkriegs. ›Ich würde mich viel besser fühlen, wenn sie aufhören würden, uns wie Feiglinge aus der Luft zu bombardieren und herunterkommen würden, um zu kämpfen‹, sagt Nachbar Boro. ›Dann wissen wir wenigstens, dass es ein echter Krieg ist. Schluss mit diesem elenden Luftschutzkeller. Da unten ist es feucht. Ich bleibe heute Abend in meinem Bett, und wenn sie mich treffen wollen, sollen sie mich treffen!‹ – ›Recht hast Du!‹ schreit mein Opa dazwischen, ›wenn das strategische Ziel der NATO davon abhängt, einige Rentner in ihren Betten zu vernichten, dann ist sie keine allzu große Organisation, oder?‹

Sie alle versuchen, uns zu überzeugen, bei ihnen auf dieser Seite des Flusses zu bleiben. Sie meinen, hier sei es viel sicherer als in unserer Wohnung im Zentrum der Stadt. Wenige Tage später, in der Nacht vom 7. zum 8. Mai wird die chinesische Botschaft bombardiert. ›Versehentlich‹, wie die NATO sagt. Meine Oma wird nicht zugeben, dass sie sich geirrt hat. In Belgrad gibt es keine sicheren Orte, weder für Rentner oder Krankenhauspatienten noch für Arbeiter. NATO-Sprecher Shea wird nicht müde zu betonen, dass zivile Opfer in Jugoslawien der Preis für den Sieg über das Böse seien. Ich erinnere mich nicht, dass ich mich damals besonders böse gefühlt habe oder gar besonders besiegt.«

1. Mai 1999: Applaus für Lafontaine

Reverend Jesse Jackson erreicht nach einer Unterredung mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic die Freilassung der drei Ende März auf jugoslawischem Territorium festgenommenen US-Soldaten. Das Außenministerium in Belgrad spricht von einer »Geste des guten Willens«, die bekräftigen solle, dass die jugoslawische Führung um eine Lösung für das Kosovo bemüht sei. Jackson erklärt, die NATO müsse nun einen Schritt auf Jugoslawien zugehen.

Die NATO antwortet knallhart: Unweit des Kosovo-Dorfes Lucane zerstört ein Kampfjet einen vollbesetzten Linienbus. 47 Insassen werden am Nachmittag des 1. Mai brutal ermordet, 16 weitere verletzt, als der Pilot zunächst eine Brücke auf der Straße zwischen Pristina und Podujevo und auf dem Rückflug kurz darauf den »Nis-Ekspres« selbst ins Visier nimmt. Etwa 20 Minuten danach nehmen NATO-Kampfbomber einen Ambulanzwagen unter Beschuss, der von Pristina aus zu der Unglücksstelle rast.

***

Der DGB-Vorsitzende Dieter Schulte und der Chef der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG), Roland Issen, befürworten als Hauptredner auf der zentralen Mailkundgebung in Dortmund die Bombardierung Jugoslawiens und stellen sich hinter die offizielle Linie der »rot-grünen« Bundesregierung. Unter den Pfiffen zahlreich anwesender Kriegsgegner fordert Schulte gleich zu Beginn seiner Rede den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic auf, Krieg und Vertreibung zu beenden. Von den Auswirkungen des NATO-Bombenterrors ist von ihm nichts zu vernehmen.

Verteidigungsminister Rudolf Scharping wird auf der Maikundgebung in Ludwigshafen mit »Mörder«-Rufen empfangen. Er kann sich während seiner Rede kaum gegen die gellenden Pfiffe und Rufe der anwesenden Kriegsgegner Gehör verschaffen. Auch seine Ankündigung, die Rüstungsindustrie zur verstärkten beruflichen Ausbildung Jugendlicher anzuhalten, findet keinen Beifall unter den Zuhörern.

Ganz anders die Szenerie auf der Maikundgebung des DGB Saarland. Hauptredner Oskar Lafontaine, der Anfang März 1999 von seinen Ämtern als Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzender zurückgetreten ist, akzentuiert seine Ablehnung des Krieges sowohl emotional – mit Blick auf die Opfer aller Seiten – als auch rational – mit einer Analyse politischer Fehleinschätzungen, die zum derzeitigen Zustand geführt haben. Deutlich kritisiert er die schwarz-gelbe Vorgängerregierung: »Ich höre sehr oft, dass die Deutschen keinen Sonderweg beschreiten sollten, aber ich muss dann daran erinnern, dass sie zu Beginn einen Sonderweg beschritten haben, als sie gegen die Widerstände in Paris, in London und in Washington die Anerkennung der Teilstaaten (Kroatien und Slowenien, R. G.) durchgesetzt haben, weil man die Begriffe von Freiheit und Selbstbestimmung falsch verstanden hat. Freiheit und Selbstbestimmung vertragen sich nicht mit völkischer Ausgrenzung und ethnischer Ausgrenzung. Das ist das Missverständnis dieser Politik. Freiheit und Selbstbestimmung sind überhaupt nur vorstellbar, sind überhaupt nur erfahrbar und erlebbar, wenn sie mit Solidarität und Mitmenschlichkeit verbunden sind. Deshalb war es falsch, dieser Kleinstaaterei, die auf völkischen Differenzen beruhte, auch noch Anerkennung zu geben. Ein Fehler war es auch, dass durch das Bombardement der NATO vor einigen Jahren in der Krajina ermöglicht worden ist, dass die Kroaten die Serben vertrieben haben. Auch daran möchte ich heute erinnern, wenn wir über den Krieg in Jugoslawien sprechen.«

Lafontaine kritisiert die schlichte Schwarz-Weiß-Zuschreibung in den Konflikten auf dem Balkan: »Es wäre falsch, wenn man zu der Auffassung käme, dass nur ein Volksteil des Vielvölkerstaates in Jugoslawien Vertreibung erlitten hat. Auch die Serben haben Vertreibung erlitten. Ich sage das alles, weil ich nicht möchte, dass wir einseitig urteilen. Weil ich glaube, weil ich fest erzeugt bin, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir eine Volksgruppe dämonisieren und die andere vielleicht auf die Seite der Guten schlagen.«

Das Handeln der NATO habe in eine Sackgasse geführt, so Lafontaine. Notwendig sei die sofortige Einstellung der Bombardements jugoslawischer Städte. »Keiner kann einfache Antworten geben, und niemand ist heute in der Lage, eine Lösung anzubieten, die den Ausweg mit Sicherheit bringen kann. Aber wir sollten an dem anknüpfen, was wir uns über viele Jahre erarbeitet haben. Wir sollten, und das sage ich an die Adresse meiner Freunde in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, wir sollten weiterführen die Friedens- und Entspannungspolitik Willy Brandts, die das beste Erbe der sozialdemokratischen Außenpolitik nach dem Kriege darstellt.«

Im innenpolitischen Teil seiner Rede nimmt sich Lafontaine das Thema Arbeitslosigkeit vor. Neoliberales Denken hält er immer noch für die Hauptursache, dass Arbeitsplätze vernichtet werden. Seine knapp einstündige freie Rede wird von den mehr als 10.000 Besuchern im Deutsch-französischen Garten in Saarbrücken mit minutenlangem Beifall quittiert. »Auch als Privatmann (…) bleibt Oskar Lafontaine ein politisches Schwergewicht. Als sozialdemokratische Führungsfigur wird er auf absehbare Zeit von niemandem ersetzt werden können«, so die jW damals. Auf gleich zwei Doppelseiten in Folge wird die fulminante Ansprache dokumentiert.

3. Mai 1999: Blackout in Belgrad

NATO-Kampfjets bombardieren im Nordwesten des Kosovo erneut einen Linienbus und zwei Pkw. Mindestens 17 Menschen werden getötet, 20 weitere verletzt, vor allem Frauen und Kinder. Der Bus und die Autos sind nach Behördenangaben klar als zivile Fahrzeuge zu erkennen und werden trotzdem bombardiert. Die Bergung der Opfer kann erst verspätet beginnen, weil die NATO ihre Luftangriffe unvermindert fortsetzt.

***

Bereits in der Nacht zum 3. Mai hat die NATO mit einer neuartigen Waffe, sogenannten Graphit-Bomben, für einen landesweiten Stromausfall gesorgt. Mit gezielten Schlägen werden in den Oberleitungen Kurzschlüsse provoziert. Was Marc Elsberg in seinem Bestseller »Blackout« als Dystopie skizziert, ist für Millionen Menschen bittere Realität. Am Ende des 20. Jahrhunderts wird das Balkanland mit einem Schlag ins Mittelalter zurückgebombt. Nichts geht mehr, was Elektrizität zum Betrieb braucht. Über Belgrad sieht man ob des plötzlich fehlenden Lichts bei wolkenlosem Himmel einen gigantischen Sternenhimmel, aber die eigene Hand vor Augen nicht. Ältere Menschen sind in ihren Wohnungen in den höheren Stockwerken von Hochhäusern praktisch gefangen. Die Aufzüge funktionieren nicht, die Treppenhäuser sind unbeleuchtet. Beim Warten vor Lebensmittelgeschäften heißt es, sich in Geduld zu üben. Die Krankenhäuser können allenfalls für ein paar Tage mit Notstromaggregaten Strom erzeugen, dann sind die Dieselvorräte aufgebraucht.

»Die Angriffe der Nacht sollen ein Zeichen, eine Warnung sein: Jugoslawien lebt in der Dunkelheit, und die NATO kann sie wieder zum Licht führen. Dabei ist es die NATO, die uns in die Finsternis stürzt«, erklärt ein Mitarbeiter des jugoslawischen Außenministeriums gegenüber jW.

NATO-Sprecher Jamie Shea begründet derweil die Attacke auf den Lebensnerv des Landes damit, »das Regime Milosevic« zu schwächen und die »Kommunikationsmöglichkeiten der Armee« einzuschränken. Letztere verfügt allerdings über vom öffentlichen Stromnetz unabhängige Kommunikationswege.

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jW-Kommentator Werner Pirker stellt dazu fest: »Es zeugt schon von seltsamem Irrsinn, dass das nordatlantische Mördersyndikat einen Psychopathen zum Pressesprecher hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass dieser Jamie Shea den grauenhaften Luftkrieg gegen Jugoslawien mit dem ewig gleichen Grinsen kommentiert, als würde er in einem fort dreckige Witze erzählen. Die Zerstörung der Stromversorgung in der jugoslawischen Hauptstadt bezeichnet er launig als ›Blackout‹. Wie recht der Scherzbold doch hat. Was seit dem 24. März 1999 im Südosten Europas geschieht, ist ein Blackout. Ein Blackout der internationalen Politik.«

5. Mai 1999: Clinton in Ramstein

Auch das noch: US-Präsident William »Bill« Clinton kommt nach Deutschland. Die Visite des Oberkommandierenden beginnt auf der US-Airbase Ramstein in der Pfalz und damit quasi auf amerikanischem Boden. Sie ist als Demonstration der Befehlsverhältnisse angelegt. Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung sind nicht vorgesehen.

Auf dem Fliegerhorst Spangdahlem in der Eifel kündigt Clinton vor 4.000 US-Soldaten die Ausweitung der Angriffe auf Jugoslawien an. »Wir werden die Kampagne unnachgiebig so lange intensivieren, bis die Ziele erreicht sind.« Er lässt sich Kampfjets vom Typ F-117, F-16 und A-10 zeigen, die von Spangdahlem aus in den Krieg starten. Erst tags darauf trifft sich der US-Präsident mit Bundeskanzler Gerhard Schröder – in Ingelheim, wo sie gemeinsam ausgewählte Kosovo-Albaner besuchen.

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Italien entwickelt sich zum Umschlagplatz von Waffen, die für die kosovo-albanischen Gewaltseparatisten der UCK bestimmt sind. Im Adriahafen Ancona entdeckt die Polizei Kriegsgerät, das in einem Container der Caritas versteckt war und die Reise zum albanischen Hafen Durres antreten sollte. Italienischen Presseberichten zufolge läuft der UCK-Nachschub mittlerweile fast ausschließlich über das NATO-Mitglied Italien. Die Waffen sollen am Hafen von Triest ankommen, werden dort per Schiff über einen kroatischen Hafen nach Ancona gebracht, um dann im albanischen Durrës und über den Landweg im Kosovo zu landen.

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In Hamburg werden Obdachlose gegen Flüchtlinge ausgespielt. Auf der Suche nach Schlafplätzen für 163 Kosovo-Albaner fällt den Behörden nichts Besseres ein, als ein von der Stadt betriebenes Wohnschiff für Wohnungslose im Hamburger Hafen in einer Nacht- und Nebelaktion räumen zu lassen.

7. Mai 1999: Streubomben auf Nis und Raketen auf China

In der Nacht wird die drittgrößte serbische Stadt Nis im Süden des Landes mehrfach angegriffen. Gegen Mittag werden bei weiteren Attacken mit Streubomben auf einem Marktplatz mindestens neun Menschen getötet. Auch ein Krankenhauskomplex wird getroffen.

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In der Nacht zum 8. Mai bombardiert die NATO in Belgrad die Botschaft der Volksrepublik China. Die diplomatische Vertretung wird zerstört, vier Menschen werden getötet, mindestens 20 verletzt. Nach Darstellung der chinesischen Regierung hat es auf dem Gelände der Botschaft, es ist nach internationaler Gepflogenheit chinesisches Staatsgebiet, drei Raketeneinschläge gegeben. Unter den Toten sind die Fotografin Shao Yunhuan und der Reporter Xu Xinhu, beide seit Jahren in Belgrad als Journalisten akkreditiert. Stunden zuvor waren sie in Nis und hatten den NATO-Angriff mit Kassettenbomben dokumentiert.

Die NATO präsentiert in den Folgetagen verschiedene Versionen für die Gründe des Angriffs. NATO-Sprecher Shea und Generalsekretär Javier Solana sprechen zunächst von einer »Verwechslung«, eigentliches Ziel sei ein benachbartes Gebäude der jugoslawischen Regierung gewesen. Danach heißt es, man habe veraltetes Kartenmaterial von Belgrad gehabt und schließlich, es sei weder ein Irrtum des Piloten noch technisches Versagen gewesen. »Es war eine Fehlinformation, die zu einem Irrtum bei der Zielauswahl des Gebäudes führte«, so Shea. Die falsche Information hätten »Agenten in Belgrad« geliefert, wie in einer gemeinsamen Erklärung des US-Verteidigungsministers William Cohen und des CIA-Chefs George Tenet verlautet wird.

Zehntausende protestieren in Peking gegen die NATO-Aggression, vor der US-Botschaft, aber auch vor den Vertretungen Großbritanniens und Deutschlands. »1,2 Milliarden Menschen sind hinter dir her, Bill«, heißt es auf Flugblättern, die in der chinesischen Hauptstadt verteilt werden.

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Werner Pirker kommentiert in jW: »Der Angriff auf die Botschaft der VR China in Belgrad war eine prompte Reaktion auf die jüngsten Vorstöße zugunsten jugoslawischer Souveränitätsrechte. Es war, als wollte Washington nachgerade den Beweis dafür liefern, dass der Krieg gegen die Unabhängigkeit Jugoslawiens auch ein Krieg gegen die souveräne Stellung Chinas in der Welt ist. Es fragt sich, ob das Pentagon die Folgen einer solchen Demütigung der asiatischen Großmacht überhaupt kalkuliert hat, oder ob das Kalkül nicht genau darin bestand, jegliche Hoffnung auf die Herstellung einer multipolaren Welt zu zerstreuen.«

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Der frühere Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium und CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer erklärt im Deutschlandfunk, »wie anders sollte man diesen Angriff deuten als einen Anschlag auf die mögliche Rolle Chinas bei den Vereinten Nationen bei einer politischen Lösung des Kosovo-Konflikts«.

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Die China-Reise von Bundeskanzler Gerhard Schröder am 11. Mai wird vom offiziellen Staatsbesuch auf einen »Arbeitsbesuch« heruntergestuft. Eine Wirtschaftsdelegation, die den deutschen Regierungschef begleiten sollte, muss zu Hause bleiben.

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Die Grünen bereiten sich auf ihren Kriegsparteitag am 13. Mai vor. Frontfrau Angelika Beer geht in der ARD die parteiinternen Kritiker der NATO-Aggression an, man könne Verantwortung nicht mehr einfach wegschieben. Die Partei müsse die pazifistischen Überzeugungen aus ihrer Gründungszeit weiterentwickeln.

Nächster Teil am 11.5.2019 auf der Geschichtsseite: Bombenstimmung in Bielefeld – wie Joseph Fischer mit Auschwitz die »rot-grüne« Kriegsregierung rettet

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