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Aus: Ausgabe vom 29.04.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Krise in Venezuela

Bemühtes Wegsehen

Stefan Peters versucht, das »Scheitern« der Bolivarischen Revolution zu erklären, ohne die US-Lateinamerikapolitik zur Kenntnis zu nehmen
Von Daniela Lobmueh
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Kein relevanter Faktor? Demonstranten vor der US-Botschaft in Argentinien fordern »Yankees raus aus Venezuela und Lateinamerika« (Buenos Aires, 27.2.2019)

Der Verlagstext zum Buch beginnt mit ein paar Lobesworten. Mit Hugo Chávez wurde der Sozialismus »wieder salonfähig«; mit »dem Rückenwind kräftig steigender Rohstoffpreise« habe Venezuela soziale Entwicklungserfolge und »hohe Wachstumsraten« verzeichnet. Es sind diese Erfolge, von denen man in unserem Medienmainstream bislang wenig hörte und in einer Analyse gern mehr gehört hätte. Aber der Klappentext fährt fort: »Doch bald wurden die Erfolgsmeldungen spärlicher, und Nachrichten von Verschwendung, Korruption sowie zunehmenden autoritären Tendenzen untergruben den Modellcharakter. Spätestens mit dem Tod des Comandante im März 2013 und dem Einbruch der Erdölpreise begann der Niedergang der Bolivarischen Revolution.«

Die von Peters vorgelegte Analyse der »Gründe des Scheiterns der Bolivarischen Revolution« krankt an einem selbstgesetzten methodischen Dogma. Der Autor möchte nämlich »der Versuchung widerstehen«, die Ursachen für das »Scheitern der Bolivarischen Revolution zunächst in externen Ursachen zu suchen«. Mit seinem »zunächst« erweckt Peters den Eindruck, er würde sich nach ausgiebiger Darstellung hausgemachter Fehler und Widersprüche des Chavismus dann endlich den offensichtlichen Interventionen von außen – vor allem seitens der USA – zuwenden. Das tut er aber nicht.

Im Gegenteil. Peters bemüht sich auffällig, ja geradezu angestrengt, jede Erwähnung einer konkreten Einmischung der US-Regierung zu vermeiden und ganz allgemein die Bedeutung des US-Imperialismus für die neuere Geschichte Lateinamerikas herunterzuspielen. Er schafft es, die Geschichte diverser Kämpfe von Guatemala über Chile bis El Salvador und Nicaragua darzustellen, ohne die CIA, die dort überall eine breite Blutspur hinterließ, nur einmal zu erwähnen. Das geht bis zur Geschichtsklitterung: Den von der CIA koordinierten Putsch von General Augusto Pinochet gegen den Sozialisten Salvador Allende in Chile 1973 habe »der spätere Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger« als damaliger US-Außenminister »goutiert«. Es ist jedoch weithin bekannt, dass Kissinger diesen brutalen Putsch nicht einfach nur »goutierte«.

Denn Kissinger war keineswegs, wie Peters wahrheitswidrig suggeriert, nur ein passiver Abnicker der Morde und Repressionen in Chile. Er hatte sie maßgeblich mit organisiert und von der CIA mit Attentaten und einem Wirtschaftskrieg vorbereiten lassen. Der US-Außenminister des Jahres 1973 wurde später deshalb trotz seines Friedensnobelpreises in diversen Ländern als Kriegsverbrecher zur Fahndung ausgeschrieben. Sollte ein Lateinamerika-Experte wie Peters das nicht eigentlich wissen? Peters schmäht lieber den 2013 verstorbenen Hugo Chávez, der sich in der Rolle des »unkonventionellen Randalierers« gefallen habe: weil Chávez im Zuge seiner »Symbolpolitik« etwa dem gerade gewählten US-Präsidenten Barack Obama 2009 den Klassiker »Die offenen Adern Lateinamerikas« von Eduardo Galeano verehrt habe. Hätte Peters Galeano einmal selbst gründlich gelesen, dann wäre er auch auf diese Stelle gestoßen: »Die Strategie der Verbrechen wurde in Washington geplant. Seit 1970 bereiteten Kissinger und die Geheimdienste sorgfältig den Sturz Allendes vor.«

Auch vom Wirtschaftskrieg, von Mord-, Invasions- und Putschplänen der USA gegen die Revolution in Kuba will Peters nie etwas gehört haben, er kritisiert aber Fidel Castros Autoritarismus und Personenkult. Er raunt hier und da von »engen Anbindungen« rechtsradikaler Regierungen und Diktaturen »an die USA«, konkretisiert dies aber nie und stört sich weder an deren Personenkult und Autoritarismus (die er umgekehrt in Kuba und Venezuela ohne nähere Analyse geißelt) noch an den permanenten Interventionen Washingtons in Lateinamerika.

Diese Schlagseite zieht sich durch das ganze Buch, das folglich zu einer entmutigenden Bilanz gelangt: Sämtliche der überwiegend abwiegelnd dargestellten Erfolge des »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« (wie Peters ihn sieht) ergaben sich fast ausschließlich aus einem »Erdölboom«, in dessen Genuss das Land unter Chávez kam; Peters spricht wiederholt und bemüht despektierlich von einer »Erdölparty«, die das chavistische Venezuela gefeiert habe. Hat man je davon gehört, dass ein Autor die Geschichte der Bundesrepublik mit einer »Auto- und Maschinenbauparty« erklärt? Oder das Sozialsystem der Schweiz mit einer »Banken- und Schwarzgeldparty«?

Die vom Verlag versprochene »kritische Würdigung der Erfolge des Chavismus« fällt spärlich und lakonisch aus, der gebetsmühlenhafte Vortrag markiger Passagen über das Scheitern des Chavismus dafür aber um so ausführlicher. Peters braucht sich also nicht zu wundern, wenn, wie bereits geschehen, Rezensenten ihm vorwerfen, er betreibe letztlich die »wortgewaltige Exkulpierung der Machenschaften von Ölkonzernen, USA und CIA«, weil er diese einfach komplett ausblende.

Stefan Peters: Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela. Aufstieg und Fall der Bolivarischen Revolution von Hugo Chávez. Schmetterling, Stuttgart 2019, 240 Seiten, 19,80 Euro

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