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Aus: Ausgabe vom 25.04.2019, Seite 5 / Inland
»Burnout«

Arbeit macht Angst

Studie: Psychische Belastungen häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit. DGB erneuert Forderung nach Antistressverordnung
Von Bernd Müller
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Berufsunfähigkeit statt Widerstand: Immer mehr Menschen steigen wegen Überlastung vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus

Psychische Belastungen werden am Arbeitsplatz zu einem immer größer werdenden Problem. Burnout, Depressionen und Angststörungen sind mittlerweile die häufigste Ursache für eine Berufsunfähigkeit. Inzwischen macht der Anteil derjenigen, die aus diesen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden, 37 Prozent aus – Tendenz steigend.

»Allein in den letzten zehn Jahren registrieren wir in diesem Segment eine Zunahme von 40 Prozent«, sagte Amar Banerjee, Mitglied der Geschäftsleitung des Konzerns Swiss Life am Mittwoch. 2009 habe die Quote für psychische Erkrankungen noch bei 26,5 Prozent gelegen, inzwischen machen sie schon mehr als ein Drittel aller Leistungsfälle aus. Damit einhergehen dürfte nach Einschätzung des Unternehmens die Zunahme von Stress, Leistungsdruck und mangelnden Ausgleich im Arbeitsleben.

Besonders betroffen sind Frauen. Sie scheiden mit 44 Prozent wesentlich häufiger wegen einer psychischen Erkrankung aus dem Berufsleben aus als Männer (28 Prozent). Auffällig sei zudem der hohe Anteil junger Frauen. Allein in der Altersgruppe zwischen dem 30. und dem 40. Lebensjahr sei mit 47 Prozent fast jede zweite Frau von psychischen Erkrankungen betroffen.

Bei Männern dagegen tauchten psychische Erkrankungen erst in der zweiten Lebenshälfte häufiger auf. Bei ihnen sind vor allem Akademiker öfter von Depressionen oder Burnout betroffen als Männer in körperlich anstrengenden Berufen.

Swiss Life hatte für eine Studie die Daten seiner Kunden ausgewertet. Nach psychischen Erkrankungen folgten Krankheiten des Bewegungsapparats mit 24 Prozent vor Unfällen mit knapp 14 Prozent. Die Swiss Li fe hat nach eigenen Angaben bei Berufsunfähigkeitsversicherungen einen Marktanteil von über sieben Prozent auf dem deutschen Markt, absolute Zahlen nannte das Unternehmen nicht. Die Zahlen decken sich nach Angaben der Deutschen Presseagentur aber mit denen der Rentenversicherung des Bundes in Berlin.

Besonders deutlich werde der Trend im Langzeitvergleich: Die gesetzliche Rentenversicherung des Bundes zahlte 1983 demnach weniger als zehn Prozent der Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Störungen, 2017 war es bereits fast die Hälfte – 41.186 von 83.583 Fällen.

Auch die Rentenversicherung habe in den vergangenen zehn Jahren eine besonders starke Zunahme psychischer Erkrankungen registriert. 2018 seien über 170.000 stationäre Rehabilitationen wegen psychischer Krankheiten bewilligt worden, über 50.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Auch das entspreche einem Anstieg von 40 Prozent.

Bereits im März hatte das Bundesarbeitsministerium sich nach einer Anfrage der Linksfraktion im Bundestag zur steigenden psychischen Belastung am Arbeitsplatz geäußert. Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme hat sich laut Ministerium innerhalb von zehn Jahren auf zuletzt 107 Millionen pro Jahr verdoppelt. 2007 waren es noch 48 Millionen. Der daraus entspringende wirtschaftlichen Schaden habe sich im selben Zeitraum fast verdreifacht – von 12,4 Milliarden auf 33,9 Milliarden Euro.

Einschreiten wollte die Bundesregierung dennoch nicht, gegen psychische Belastungen würden keine neuen Arbeitsschutzregeln helfen, hieß es in der Regierungsantwort. Ziel müsse es vielmehr sein, Betriebe und Beschäftigte zu befähigen, das vorhandene Arbeitsschutz-Instrumentarium zu nutzen.

Eine Frechheit nannte es Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), dass »die Bundesregierung angesichts dieser Zahlen einfach schulterzuckend auf die Arbeitgeber verweist«. Die Gewerkschaften hatten schon vor Jahren einen konkreten Entwurf für eine Antistressverordnung vorgelegt. Dass diese endlich beschlossen wird, forderte Buntenbach nun nach dpa-Angaben erneut. Die Bundesregierung müsse die Beschäftigten besser schützen, weshalb sie die Verordnung auf den Weg bringen müsse. »Die Betriebe brauchen eine Richtschnur für einen besseren Schutz der Arbeitnehmer vor psychischen Belastungen.«

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