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Aus: Ausgabe vom 25.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Das entscheidende Defizit

»Der Platz«: Annie Ernaux erzählt vom Verrat an ihrer Klasse
Von Frank Schäfer
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»Ich war jetzt Teil jener Hälfte der Welt, für die die andere Hälfte nur Kulisse ist« (Annie Ernaux, 2001)

Annie Ernaux’ 1983 in Frankreich erschienenes Buch »Der Platz« war nicht nur Didier Eribon Inspiration zu seinem späteren Bestseller »Rückkehr nach Reims«, sondern lange zuvor eine Art Weckruf für die französische Literatur. Es war eine Erinnerung daran, wie man auch mal wieder erzählen könnte, nämlich wie weiland die Aufklärer François de La Rochefoucauld oder Louis de Rouvroy, konsequent an der eigenen Biographie entlang. Durchaus mit analytischem, wenn nicht therapeutischem Interesse und trotzdem literarisch. Ernaux setzte mit ihrer Erinnerungscollage »Der Platz« die ehrwürdige Gattung des Memoirs wieder ins Recht.

Für sie war es eine Art Abbitte, die sie offenbar leisten musste – für den Verrat an ihrer Klasse. Annie Ernaux kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater ist Sohn eines armen Knechts, erwirbt nur rudimentäre Bildung, aber zusammen mit seiner Frau und dank ihrer Sparsamkeit und ihres Fleißes führen sie schließlich eine kleine Gaststätte mit angeschlossenem Krämerladen, der ihnen einen gewissen, wenn auch stets gefährdeten Wohlstand sichert.

Annie darf studieren und heiratet schließlich einen Mann aus bildungsbürgerlichem Haus. »Wir wohnten in einem Touristenort in den Alpen, wo mein Mann in der Stadtverwaltung arbeitete. Wir verkleideten unsere Wände mit Jute, tranken Whiskey als Aperitif, hörten im Radio klassische Musik. Ein paar höfliche Worte an die Concierge. Ich war jetzt Teil jener Hälfte der Welt, für die die andere Hälfte nur Kulisse ist. Meine Mutter schrieb, wir könnten zu ihnen kommen, um uns auszuruhen, sie wagte nicht zu sagen, dass wir kommen konnten, um sie zu besuchen.«

Leben als Kulisse

Dann fallen die traurigsten Sätze in diesem Buch, die Ernaux nicht einfach so unterlaufen, die sie absichtlich in ihrer ganzen herzlosen Versnobtheit hinschreibt, um das Maß ihrer Schuld nicht herunterzuspielen. »Ich fuhr allein hin und verschwieg ihnen die wahren Gründe für die Gleichgültigkeit ihres Schwiegersohns, unaussprechliche Gründe – auch zwischen ihm und mir –‚ die ich für selbstverständlich hielt. Wie sollte ein Mann, der ins Bildungsbürgertum hineingeboren worden war, mit einer ironischen Grundhaltung, sich in der Gesellschaft rechtschaffener Leute wohlfühlen, deren Liebenswürdigkeit, die er durchaus sah, in seinen Augen niemals das entscheidende Defizit wettmachen konnte: die Unfähigkeit, ein geistreiches Gespräch zu führen.«

In diesem Passus spürt man die Glut, die sie zum Schreiben dieses Buches gebracht hat. Ernaux erkennt nicht nur den Bildungsdünkel ihres Mann, sie versteht ihn und teilt ihn auch, weil sie sich von ihren plebejischen Wurzeln bereits weit genug entfernt hat, empfindet aber auch Scham darüber, weil sie sich immer noch einfühlen kann in das Unterlegenheitsgefühl der vermeintlich niederen Klasse. Es ist diese ambivalente emotionale Gemengelage, die vermutlich alle Bildungsaufsteiger kennen, der sie in diesem Buch nachspürt. Sie spricht nur über sich und ihre Familie – und trotzdem hat man jederzeit das Gefühl, hier werde etwas verhandelt, das sich von dem individuellen Fall ablösen und abstrahieren lässt.

Der erzählerische Rahmen für ihre autobiographische Recherche, die ihr durchaus schwerfällt, weil sie nicht immer gut dabei wegkommt, ist ihr letzter Besuch im Elternhaus mit ihrem kleinen Sohn, aber selbstredend ohne Mann. Ihr Vater stirbt. Es geht schnell, fast unauffällig, genau so wie er gelebt hat. Indem sie über ihren Vater nachdenkt, der für sie fast schon zur »Kulisse« geworden war, und dieses unscheinbare Leben noch einmal skrupulös und liebevoll nachzeichnet, verarbeitet sie ihre eigenen Schuldgefühle.

Die Distanz bleibt

Zugleich ist das Buch ein nachgetragener Liebesbeweis, das zeigt nicht zuletzt die Wahl der literarischen Mittel. Ernaux will zunächst einen Roman schreiben, bemerkt aber bald, wie inadäquat dieser Plan ist. »Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ›spannend‹ oder ›berührend‹ schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, das, was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten.«

Sie schreibt also an ihre Eltern – und zwar wichtige Neuigkeiten. Mit jedem einzelnen Erzählschnipsel in diesem diskontinuierlichen, fragmentarischen Buch, in dessen Form sich so auch der lückenhafte Prozess des Erinnerns abbildet, demonstriert sie, wie relevant ihr noch jedes kleine Detail erscheint.

Es ist gerade die kalkulierte formale und rhetorische Zurückhaltung, durch die ihre Reminiszenzen und Recherchen so eindrücklich und anrührend wirken, weil man ihr den Wunsch anmerkt, die Distanz zu ihren Eltern wieder rückgängig zu machen. Zugleich zeigt sich darin die ganze Tragik dieses Unterfangens, weil auch die Schlichtheit Ausdruck ihrer ästhetischen Raffinesse ist.

»Holt mir ’nen Eimer«

Ich war vor vielen Jahren zur Hochzeit eines Freundes eingeladen. Ein Bauernsohn, der nach vielen Jahren des Studiums, einer Promotion usw. zum CEO eines mittelgroßen Unternehmens aufgestiegen war und nun eine gebildete, intelligente Richterin heiratete. Ihr Vater, ein Anwalt mit eigener Kanzlei, hielt beim Essen eines seiner Plädoyers, eine bei aller Elternliebe unmögliche, sprachlich auftrumpfende, superlativische, überkandidelte Laudatio auf seine Tochter. Mein Freund, so der Tenor, möge sich gefälligst glücklich schätzen, eine Frau aus so gutem Haus zu heiraten. Es war beschämend. Mutter und Vater des Bräutigams sagten nichts. Vielleicht hatten sie sich auch ein paar Worte zurechtgelegt, jetzt jedenfalls schwiegen sie. »Holt mir einen Eimer«, raunte ein anderer Schulfreund an unserem Tisch. Mir kam es damals so vor, als ob nur ein Teil der Gästeschar das Widerwärtige dieser Machtdemonstration bemerkte. Nur jene, die nicht im Haushalt eines Rechtsanwalts mit eigener Kanzlei oder in vergleichbaren Kontexten aufgewachsen waren, nur jene, die sich in der Klassenscham der Eltern des Bräutigams wiederfanden. Wir alle hätten Annie Ernaux lesen sollen, die nun in neuer Übersetzung vorliegt.

Annie Ernaux: Der Platz. Aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, 95 Seiten, 18 Euro

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