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18.04.2019, 12:14:54 / Inland
Neonazis machten Jagd auf Linke

NPD-Prügeltrupp mit Amtshilfe

Trier vor zehn Jahren: Überfall auf Antifaschisten. Verbindungen mit Polizei bis heute wenig beachtet
Von Simon Becker, Konni Kanty
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An diesem Sonnabend jährt sich der Angriff einer Gruppe Trierer Neonazis auf Antifaschisten zum zehnten Mal. In der Nacht vom 18. Mai 2009 hatte die Polizei in Trier – mitten im Kommunalwahlkampf in Rheinland-Pfalz – drei Antifaschisten aufgegriffen, die sie des Abhängens von Wahlkampfplakaten der faschistischen NPD verdächtigte. Nachdem die drei aus einer Polizeidienststelle entlassen worden waren, passten mehrere Rechte die drei Antifaschisten ab und attackierten sie (siehe jW vom 13.10.2010). Zwei konnten fliehen, der dritte fiel und wurde von den Schlägern krankenhausreif geprügelt. Dafür angeklagt wurden Safet Babic, Vorsitzender der NPD-Ortsgruppe, Martin Auler, damals Vorstandsmitglied der NPD in Trier, und Karl Heuser, Mitglied der CDU-Jugendorganisation »Junge Union« in Koblenz.

Für den Angriff auf die drei antifaschistischen Aktivisten wurden der NPD-Funktionär Safet Babic und der CDUler Karl Heuser schuldig gesprochen. Mehrere Revisionsverfahren seitens der Verteidigung hatten denselben Ausgang. Martin Auler wurde dagegen – trotz erdrückender Indizien – vom Trierer Landgericht freigesprochen. Weder medial beachtet, noch juristisch aufgearbeitet wurde ein möglicher Informationsaustausch zwischen Mitgliedern des Schlägertrupps und der Polizeidienststelle. Dieser Vorwurf erhärtet sich dadurch, dass beispielsweise im Polizeibezirk Trier erst im August 2018 ein Polizeibeamter aus dem Amt entfernt wurde, der sich offen als Angehöriger der »Reichsbürger«-Szene identifizierte.

Denjenigen, die sich in den vergangenen Jahren näher mit der NPD auf lokaler Ebene auseinandergesetzt haben, dürfte Babic bereits untergekommen sein. Dessen für auf »Deutschtum« Wert legende Rechte eher ungewöhnliche Name fällt auf – einigen »Kameraden« sogar so sehr, dass sie bei Babics Wahl in den rheinland-pfälzischen Landesvorstand reihenweise austraten. Einem breiteren Publikum ist er durch Amateurvideos bekannt geworden, in deren Produktion meist alle drei bis fünf aktiven Mitglieder der NPD in Trier involviert waren. Eines zeigt Babic mit drei weiteren Fackelträgern, die ihre ausländerfeindlichen Parolen direkt in die Kamera schreien. Parodiert von den Fernsehsatirikern Jan Böhmermann und Oliver Kalkofe sowie praktisch allen Satirekanälen der Bundesrepublik, fällt es schwer, den stark übergewichtigen, Döner liebenden Faschisten mit angewachsener Trillerpfeife noch ernst zu nehmen. Doch Safet Babic ist nicht nur »Lachnummer«, sondern ernsthaft gefährlicher Demagoge, Hetzer und Gewalttäter. Letzteres kostete ihn schließlich seinen Sitz im Trierer Stadtrat.

Besonders brisant an dem nun zehn Jahre alten Neonaziüberfall ist, dass der Prügeltrupp Vorwissen gehabt haben dürfte: Von den Beschädigungen an Wahlplakaten über die Festnahmen bis hin zum konkreten Polizeirevier, in das die Antifaschisten gebracht wurden, und auf welchem Weg sie nach Hause gehen würden. Verdächtig ebenso der Umstand, dass am folgenden Tag die vollständigen Namen und Adressen der drei Festgenommenen per damals noch aktiver Kommentarfunktion des Trierischen Volksfreunds online unter dem Pseudonym »Blaulicht« auftauchten – dazu der Satz: »Wir wissen mehr, als Euch lieb ist«. Einer der Betroffenen sagte dazu, dass seinen zweiten Namen nur die Eltern und »diejenigen, die meinen Personalausweis gesehen haben«, kennen würden. Auch im damals noch nicht verbotenen rechten Internetforum »Altermedia« lobte ein Kommentator am 20. Mai unter einem Artikel zu den Vorfällen die Polizei, die »unseren Jungs« den entscheidenden Tipp gegeben habe.

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