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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Philosophie

Lassen Sie mich durch, ich bin Argumentationslogiker

Der Schrecken der Kommentarspalten: Daniel-Pascal Zorn führt in die Philosophie ein
Von Michael Bittner
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Denk mal drüber nach: Widerspiegelungsmetapher für Anfänger (Joan Jonas Kunststück »Mirror Piece II«)

Ein junger Mensch, der sich auf den Leidensweg eines Studiums der Philosophie begibt, wünscht sich für seine ersten Schritte auf unbekanntem Terrain einen weisen Ratgeber. Der renommierte Klostermann-Verlag gelangte zu dem Schluss, der Shootingstar Daniel-Pascal Zorn sei geeignet, eine »Einführung in die Philosophie« zu solchem Zweck zu schreiben. Und der Mann hat ja auch tatsächlich schon einige Leistungen vorzuweisen: In seinem Buch »Logik für Demokraten« hat Zorn die repräsentative Demokratie theoretisch noch einmal neu erfunden, als hätte es John Stuart Mill nie gegeben. In dem Buch »Mit Rechten reden« führte er mit zwei Kollegen den schwierigen Nachweis, dass Faschisten nicht logisch argumentieren. Geradezu berühmt ist er im Netz als Schrecken der Kommentarspalten. Auch der argloseste Diskutant ist vor seinem Tadel nicht sicher: Lassen Sie mich durch, ich bin promovierter Argumentationslogiker!

Die Rolle, in die Zorn am liebsten schlüpft, ist die des Sokrates. Und in der Tat ist die Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern verblüffend, wenn man einmal davon absieht, dass Sokrates ein bescheidener Bürger gewesen sein soll und kein aufgeblasener Oberseminarschwätzer. Sehr leidet Zorn darunter, dass so viele Deutsche seine logische Schulmeisterei bislang nicht zu schätzen wissen, seine politischen Ratschläge für naiv und anmaßend halten. In seinem Buch klagt er nun über die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die dem großen Philosophen widerfährt: »Sein unbeugsamer Wille zur sachlichen Auseinandersetzung und zur differenzierten Betrachtung ist nicht nur irritierend, sondern geradezu ärgerlich und nervtötend. Wenn die anderen seine Haltung im Gespräch immer nur von sich selbst her verstehen, erscheint der Philosoph wie ein Provokateur oder Störenfried.«

Werden wenigstens die Studierenden sich dem Meisterdenker Zorn willig unterwerfen? Er hat für sie viele gute Ratschläge parat. »Philosophische Texte sind kompliziert«, zum Beispiel oder: »Langsames Lesen ist besser als schnelles.« Der Hauptteil des Buches ist aber dem philosophischen Dialog gewidmet, was ganz lobenswert wäre, spräche nicht aus dem Text Zorns fixe Idee, die gesellschaftlichen Probleme seien vor allem diskurslogischer Natur. Gegen Vorurteile muss nur fleißig argumentiert werden, weiß der Liberale, kein Grund zur Aufregung: »Um sich aus solchen Zusammenhängen zu befreien, muss man nicht gleich eine Revolution anzetteln oder sich in trotziger Widerstandshaltung auf einem Rittergut verschanzen.« Wie groß muss der unerfüllte Wunsch nach Anerkennung sein, dass Zorn selbst in einer »Einführung in die Philosophie« verstohlene Grüße an Götz Kubitschek sendet! Der lacht mit seinen Kameraden freilich nur über die flehentlichen Einladungen zum vernünftigen Gespräch.

Dass jede individuelle politische Haltung letztlich auf einer moralischen beruht, die nicht völlig zu begründen und auch nicht logisch zu widerlegen ist, will Zorn einfach nicht in den Kopf. Das mag daran liegen, dass für ihn wie für viele wohlsituierte Männer die Politik tatsächlich nichts Existentielles, sondern nur ein Hobby ist. Was bedeuten banale Sorgen, wenn man seine Zeit damit verbringen kann, »das Denken zu denken«! Nur unter solchen Voraussetzungen kann man, wie von Zorn im Buch gefordert, das Haben und Gelten von Meinungen mal eben spielerisch voneinander trennen – ganz nach der Art der Sophisten übrigens, die Zorn sonst immer als Diskursteufel an die Wand malt.

Dem Philosophen, der diese Zeilen schreibt, wird mulmig bei dem Gedanken, dass eine Generation junger Studenten in ihrem ersten Semester in Zukunft ein Buch lesen wird, das nichts über die Geschichte ihres Faches enthält, nichts über dessen große Fragen und materielle Bedingungen, dafür aber viel verklemmte Selbstbespiegelung eines beleidigten Besserwissers.

Daniel-Pascal Zorn: Einführung in die Philosophie. Klostermann, Frankfurt am Main 2018, 134 Seiten, 14,80 Euro

Debatte

  • Beitrag von Paul Laudenberg aus Kall (19. April 2019 um 00:51 Uhr)
    Vielleicht hat Michael Bittner ja der »Zorn gepackt«, als er Daniel-Pascal Zorns »Einführung in die Philosophie« kritisierte. Dabei liest sich im Print eine Stelle so: »Dass jede (individuelle) Politik letztlich auf einer moralischen Haltung beruht, die nicht weiter begründbar und auch nicht logisch zu widerlegen ist, will Zorn einfach nicht in den Kopf.«

    Das will mir allerdings auch nicht in den Kopf, denn gerade in der Politik reicht es eben nicht hin, sich mit seinen individuellen moralischen Wertevorstellungen zu artikulieren, gar zum Maßstab der eigenen Politik zu machen. Nicht umsonst gibt es die Trennung von Recht und Moral, die aus leidvollen Erfahrungen die Verrechtlichung notwendig machte, die die aus den moralischen Weltanschauungen sich ergebenden unverträglichen Differenzen in die Formen von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit gehoben und ihren Ausdruck in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gefunden hat.

    Wenn sich also die Politik in einer demokratischen, verantwortlichen Haltung sieht, sollte das Maß ihrer Orientierung an der menschlichen Würde ausgerichtet sein, die sich jenseits schöner Worte anhand überprüfbarer Parameter kontrollieren lässt und sich über die Achtung der menschlichen Würde (Personalität) ergibt. Also konkrete Maßnahmen, die die existentiellen Bedürfnisse der Menschen befriedigen, wie sie im Rahmen der Menschenrechte vorgegeben wurden, um sie innerstaatlich, weltweit mit Leben zu füllen.

    Was ergibt sich nun daraus? Wohl genau das Gegenteil der zitierten Textpassage. Denn im Gegensatz zur Philosophie muss sich gute Politik in der Praxis bewähren!

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