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Aus: Ausgabe vom 16.04.2019, Seite 4 / Inland
»Freiwild«-Auftritte in BRD

Rechtsrock am »Führergeburtstag«

Südtiroler Band »Freiwild« plant Konzert am 20. April in Schleswig-Holstein. Proteste angekündigt
Von Kristian Stemmler
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Teilnehmer der Berliner Technoparade »Zug der Liebe« tragen T-Shirts der Rechtsrockgruppe »Freiwild« (30.7.2016)

In ihren Texten inszenieren sie sich als eine von Medien und »Gutmenschen« verfolgte Stimme der schweigenden Mehrheit: Die Südtiroler Band »Freiwild« um Frontmann Philipp Burger ist die kommerziell erfolgreichste deutschsprachige Rechtsrockband. Ausgerechnet am 20. April, dem 130. Geburtstag von Adolf Hitler, von Faschisten als »Führergeburtstag« gefeiert, wollte sie in Flensburg auftreten, was in der schleswig-holsteinischen Stadt von vielen als bewusste Provokation verstanden wurde. Nach Protesten sagte der Betreiber der »Flens-Arena« ein Konzert in der Halle ab (siehe jW vom 3.4.). Nach der Absage versuchte der Tourneeveranstalter, auf juristischem Wege eine Überlassung der »Flens-Arena« zu erreichen. Doch das Landgericht Flensburg wies einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung laut dpa am 1. April ab. Nach Auffassung des Gerichts war zwischen Hallenbetreiber und Veranstalter kein Mietvertrag zustande gekommen. Die Band weicht daher am kommenden Sonnabend in die Eiderlandhalle im etwa 80 Kilometer von Flensburg entfernte Pahlen im Kreis Dithmarschen aus, wo zwei Tage vorher auch schon ein Auftritt geplant ist.

Eine Absage beider Konzerte fordert jetzt ein Bündnis von rund 35 Gruppen, zu dem etwa die Grüne Jugend Dithmarschen, Die Linke Dithmarschen und die Antifa Flensburg gehören. Im Bündnisaufruf heißt es, die deutsche Vergangenheit werde von der Südtiroler Band kommerziell genutzt, »um Themen der Neonazis gesellschaftsfähig zu machen«. Freiwild seien zum Sprachrohr der Südtiroler Partei »Die Freiheitlichen« geworden. Viele Forderungen der Rechtsaußenpartei fänden sich in den Texten der Band wieder.

Die Ausweichlocation habe sich, so der Aufruf weiter, »ausgerechnet an dem Ort gefunden, wo bislang landesweit die meisten neonazistischen Entgleisungen von Freiwild-Fans dokumentiert wurden«. 2012 hatte die Zeit über ein damaliges Konzert der Band in Pahlen berichtet: Als eine Initiative gegen rechts vor der Konzerthalle protestiert habe, seien Flaschen auf die knapp 50 Jugendlichen geworfen worden. Zudem hätten Freiwild-Fans »Zick, zack, Zigeunerpack« und einen »Klassiker« aus der Neonaziszene skandiert: »Eine U-Bahn bauen wir, von Pahlen bis nach Auschwitz«. Sollten die Konzerte stattfinden, ruft das Bündnis zu Demos in Pahlen auf: am Donnerstag um 19 Uhr, am Sonnabend um 17.30 Uhr (Startpunkt Süderstraße).

Schon als Anfang des Jahres der Plan von Freiwild bekannt geworden war, am 20. April in Flensburg aufzutreten, kam es zu Protesten. Die dortige Antifa schrieb am 23. Januar auf ihrem Blog: »Freiwild stehen für eine Diskursverschiebung nach rechts, für ›Das wird man wohl noch sagen dürfen‹, für den vermeintlich harmlosen Rassismus der Mitte der Gesellschaft.« Später protestierte ein Bündnis unter dem Motto »Kein Hafen für Nationalismus«, auch Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) sprach sich für eine Absage des Konzerts aus.

In einem Eintrag auf ihrem Facebook-Account antwortete Freiwild am 2. März auf die Kritik und inszenierte sich wie gewohnt als Opfer linker »Meinungsdiktatur«. Die Antifa und »ihre Brüder und Schwestern im Geiste« hätten »nicht mehr alle Latten am Zaun«, hieß es. Von ihnen gingen »Meinungsterror, Verfolgung, Rufmord« aus. Dass sich Oberbürgermeisterin Lange diesen »verabscheuungswürdigen Denk- und Handlungsmustern« anschließe, beweise »einmal mehr, wie weit es in diesem Land gekommen ist«.

Die Band sei nicht rechts, sondern stehe für »Menschlichkeit, Bedachtheit, für das Positive im Leben«. All das ist in den Texten von Freiwild allerdings kaum zu finden. Da heißt es etwa in einem Lied auf der 2018 erschienenen CD »Rivalen und Rebellen«: »In die Fluten, in die Wellen, wo Leichentaucher Fallen stellen/In den Keller, über Dächer/Und viele kranke Ratten hinter dir/In die Gosse und zurück/Und dann ins gelobte Land/Denn die Säulen dieser Band sind noch lange nicht abgebrannt.«

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Born: Alarmglocken in Prenzlau Danke für Euren Artikel zu »Freiwild« (bzw. »Frei.Wild«). Als Info für Euch: Morgen, am 17. April, findet in Prenzlau ein Konzert dieser Band statt. Leider ist die Gegenszene dort nicht ganz so stark ...

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