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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 8 / Inland
»Nicht nur ein Spektakel sein«

»Raus aus der Szene, hin zur Klasse«

1. Mai in Hamburg: Demonstrationen, die auf den ersten Blick wie Polizeiaufmärsche aussehen. Ein Gespräch mit Halil Simsek
Interview: Kristian Stemmler
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Teilnehmer der »revolutionären 1. Mai-Demo« in Hamburg (1.5.2018)

Sie sind wieder Anmelder der 1.-Mai-Demonstration in Hamburg. Im vergangenen Jahr ging es in den Arbeiterstadtteil Barmbek. Wohin geht es diesmal, was ist inhaltlich geplant?

Dieses Jahr gehen wir zwar im Szenestadtteil Sternschanze los, wollen aber in die Lenzsiedlung, eine der wenigen Plattenbausiedlungen in Hamburg. Quasi raus aus der Szene und hin zur Klasse. Wir gehen vorbei an Zeitarbeitsfirmen und Vermietern. Ein weiteres wichtiges Thema wird Arbeitszeitverkürzung sein. In Zeiten von Digitalisierung müssen wir kollektive Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden. Während viele nahe dem Burnout ausgequetscht werden, sollen andere ihr Leben am Rand als Überflüssige fristen. Eine andere Verteilung der Arbeit muss erkämpft werden, radikale Forderungen nach einem Vier-Stunden-Tag finden wir spannend.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

In den letzten Jahren hat sich die Teilnehmerzahl bei etwa 3.000 eingependelt. Dieses Jahr wird es kleinere Demos in Elmshorn, Altona und Harburg geben, daher können wir es nicht abschätzen, wie viele bei dem Demomarathon durchhalten.

Im vergangenen Jahr blieb es friedlich. Die Jahre davor gab es an diesem Tag immer mal wieder Randale. Womit rechnen Sie diesmal?

Es gibt ja immer die kleinen Scharmützel mit der Polizei, wir bezwecken dies nicht, aber wollen uns auch nicht von diesem Staat vorschreiben lassen, wie wir demonstrieren sollen. Vorweg läuft immer ein riesiger vermummter Block der Polizei, die häufig auch Bock auf Stress haben. Da sieht man schon, wie eingeschränkt das Versammlungsrecht ist, wenn Demonstrationen auf dem ersten Blick wie Polizeiaufmärsche aussehen. Diesen Widerspruch zwischen Wollen und Dürfen gilt es jedes Jahr erneut auszureizen.

Wie hat sich die linke Szene seit dem G-20-Gipfel in Hamburg entwickelt? Hat die Repression, die danach folgte, die Szene geschwächt? Welche Inhalte stehen aktuell im Mittelpunkt?

Der Gipfel hat viele politisiert, es gibt auch neue Gruppen, andere arbeiten seit Jahren miteinander, aber die großen Gräben gibt es immer noch, da sie auf unterschiedlichen Politikansätzen beruhen. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Die Repression geht nun langsam in die Breite. Das wird uns schon noch einige Jahre beschäftigen. Die Leute sollen mit Bewährungsstrafen abgeschreckt werden. Dieses Ziel wird auch in großen Teilen erreicht. Wir dürfen aber den Kopf nicht in Sand stecken, sondern müssen dem gesellschaftlichen Rollback unsere Alternativen entgegenhämmern. Der Rechtsruck hat die Gesellschaft durchdrungen, und die Bürgerlichen singen im Kanon mit.

Kurz vor dem 1. Mai veranstalten Sie auch wieder ein HipHop-Festival. Was ist da konkret geplant?

Am 27. April organisieren wir mit anderen zusammen das kostenlose HipHop-Open-Air-Klassenfest gegen Staat und Kapital am Hamburger Fischmarkt, dort wird es auch eine Podiumsdiskussion über den Vier-Stunden-Tag geben. Abends gibt es dann ein Konzert mit vielen politischen Künstlern, Disarstar, Alice Dee, Kamiqaz und vielen weiteren. Dieser Event soll vor allem junge Menschen mit einem Kulturprogramm abholen und für die 1.-Mai-Demo mobilisieren. Neben vielen Infoständen gibt es auch was zu essen und zu trinken.

Wie bewerten Sie die zuletzt entstandenen Bewegungen wie Seebrücke oder Fridays for Future? Können die dazu beitragen, dass junge Leute anpolitisiert werden? Oder kanalisieren sie Protest?

Klar ist es positiv, wenn junge Menschen sich mit den gesellschaftlichen Problemen beschäftigen. Ob sie anpolitisiert werden und weitergehen, liegt aber auch an uns. Die Jugend sucht nach Antworten und wird sie im Kapitalismus nicht finden. Aktuell sieht man, dass die Herrschenden die Probleme unserer Zeit nicht mehr lösen können, aber die Beherrschten halten noch daran fest! Durch Eventpolitik können wir viele dieser Menschen erreichen, aber es muss uns gelingen, diese dann in unsere tägliche Basisarbeit zu integrieren. Wir müssen den Alltag durchdringen und nicht nur ein Spektakel sein. Wenn wir nicht nur Widerstand simulieren wollen, dann müssen wir aus diesen symbolischen Kämpfen eine langfristige Bewegung aufbauen und gesellschaftliche Relevanz erreichen.

Halil Simsek ist Anmelder der »revolutionären 1.-Mai-Demons­tration« in Hamburg

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